

#201 Kinder zeigen uns, was möglich ist
Folge 201 - Kinder zeigen uns, was möglich ist Lea steht mit ihrer sechsjährigen Tochter Frieda auf einem Spielplatz. Es regnet. Nicht romantischer Instagram-Regen. So richtiger deutscher Nieselregen, bei dem Erwachsene automatisch anfangen, über Funktionsjacken, Erkältungen und den Sinn des Lebens nachzudenken. Lea denkt: Super. Jetzt ist der Nachmittag auch noch im Arsch. Frieda denkt offenbar etwas anderes. Sie rennt los. Springt in eine Pfütze. Wasser bis zur Unterhose. Lacht, als hätte sie gerade persönlich das Konzept Wasser erfunden. Zehn Sekunden später streitet sie mit einem anderen Mädchen um eine rote Schaufel. Weltkrieg. „DIE HAT MIR DIE WEGGENOMMEN!!!“ Tränen. Entrüstung. Kompletter emotionaler Zusammenbruch des Abendlandes. Lea denkt: Na toll. Jetzt geht DAS auch noch los. Doch während Lea innerlich bereits den pädagogisch korrekten Friedensgipfel vorbereitet, passiert etwas Merkwürdiges. Frieda sieht einen Regenwurm. Schaufel vergessen. Krieg beendet. Vergangenheit gelöscht. „MAMA!!! GUCK MAL!!!“ Und beide Mädchen hocken plötzlich zusammen vor diesem Regenwurm, als wäre gerade ein außerirdisches Raumschiff im Sandkasten gelandet. Das fasziniert mich an Kindern. Nicht, weil Kinder keine Gedanken haben. Holy shit, natürlich haben die Gedanken. Sie bauen innerhalb von Sekunden komplette Universen. Sie können aus einer roten Schaufel eine internationale Krise machen. Aber häufig wohnen sie nicht drei Wochen darin. Sie schreiben nicht abends ins Tagebuch: „Seit dem Schaufelvorfall kann ich Menschen nicht mehr vertrauen.“ Sie gründen keine Identität: „Ich bin einfach jemand, dem immer die roten Schaufeln weggenommen werden.“ Der Gedanke kommt. Die Welt entsteht. Das Gefühl ist vollständig da. Und dann … kommt ein Regenwurm. Neues Denken. Neue Welt. Genau darin zeigen uns Kinder etwas Gewaltiges. Wie beweglich menschliches Erleben eigentlich ist. Thought erschafft Form. Consciousness macht daraus eine verdammt echte Full-Body-Welt. Und dahinter läuft dieses riesige Ding namens Leben einfach weiter. Frisch. Kreativ. Nicht nachtragend. Nicht beleidigt, weil die Szene vor drei Minuten anders war. Wir Erwachsenen können das auch. Wir haben es nicht verloren. Wir sind nur Weltmeister darin geworden, unsere alten Filme wieder und wieder aufzuführen. Director’s Cut. Remastered. Mit Audiokommentar. „Warum sie mir damals die Schaufel genommen hat und was das heute über meine Bindungsfähigkeit aussagt.“ Vielleicht müssen wir gar nicht wieder Kinder werden. Vielleicht dürfen wir nur öfter sehen, was Kinder uns täglich vormachen: Eine Realität kann sich unglaublich echt anfühlen … und trotzdem fünf Sekunden später verschwunden sein. Nicht weil wir sie positiv wegdenken. Sondern weil Denken von Natur aus beweglich ist. Und dahinter wartet kein perfekter Mensch. Da wartet Leben. Frisch. Neugierig. Unverschämt frei. Und manchmal braucht es nur einen Regenwurm, um uns daran zu erinnern.








