

#220 Stress ist mein Denken über die Aussenwelt
Folge 220 - Stress ist mein Denken über die Aussenwelt Ich fahre Auto, und einer zieht knapp vor mir rein. Richtig knapp. Ich bin kurz geschockt, hab für eine Sekunde dieses krasse Gefühl, weil ich denke: Jetzt passiert ein Unfall. Dann ist es vorbei, nichts passiert, und ich entspanne mich wieder. An dem Tag war ich in so einem Verliebtsein-Modus, und zack, war ich wieder drin. Das Ganze hat vielleicht zehn Sekunden gedauert. Ich kenne die gleiche Situation, aber auch anders. An einem anderen Tag zieht einer genauso rein, und ich streite zwei Stunden später in meinem Kopf mit ihm. Derselbe Typ, dieselbe Aktion. Und ich hätte dir an beiden Tagen geschworen, dass der Autofahrer mein Gefühl macht. Genau so bin ich mein Leben lang gelaufen. Der Stress kommt von der Deadline. Der Stress kommt vom Brief des Finanzamts. Von dem Kunden, vom Chef, von den anderen Verkehrsteilnehmern, die sich wie Psychopathen verhalten. Das wird uns ja auch so beigebracht: Bestimmte Situationen führen dazu, dass wir gestresst sind. Die Außenwelt hat direkten Einfluss darauf, wie ich mich fühle. Und dabei funktionieren wir so überhaupt nicht. Technisch geht das gar nicht, rein von unserem Betriebssystem her. Das Finanzamt kann mir keinen Druck machen. Nicht mal mein Chef, nicht mal meine Kinder, kein Präsident, kein Diktator auf dieser Welt kann dafür sorgen, dass ich mich auf eine bestimmte Weise fühle. Was ich fühle, ist immer mein Denken über das Finanzamt, über den Chef, über den Autofahrer. Es gibt da draußen Fakten, überhaupt keine Frage. Aber sobald ich anfange zu denken, baue ich eine Geschichte um eine Situation herum. Und die Geschichte fühle ich, nicht die Situation. Ehrlich gesagt fand ich das am Anfang richtig blöd. Weil ich auf einmal niemandem mehr die Schuld geben konnte. Nicht dem Amt, nicht der Situation, nicht dem Idioten auf der Autobahn. Und das rechtfertigt übrigens nicht, dass sich Leute wie Arschlöc*** verhalten. Überhaupt nicht. Es heißt nur, dass sie keinen Zugang zu meinem Gefühl haben. Den hab nur ich. Und das Schöne ist: Genau das ist die beste Nachricht ever. Wenn der Stress von da draußen käme, müsste ich die ganze Welt umbauen, damit es mir gut geht. Kommt er aus meinem Denken, muss ich gar nichts umbauen. Ich muss nur sehen, dass ich gerade einen Film produziere. Und ein frischer Gedanke reicht, damit der Film wechselt. Das heißt nicht, dass ich keinen Stress mehr hab. Ich erwache immer wieder aus diesem Traum und merke: Oh, fuck, stimmt, ich erschaffe das gerade selber. Nicht immer, aber immer öfter. Und auch wenn ich mittendrin stecke, weiß ich inzwischen, dass es ein Film ist. Das macht ihn deutlich kürzer. In der Folge rede ich darüber, warum Stress nie von da draußen kommt und warum das keine schlechte, sondern die befreiendste Nachricht ist, die ich je gehört hab. Mehr über mich und meine Arbeit: gabrielbeyer.org Ich wünsche dir was. Gabriel


















