Das ist doch alles nur normal
Über Lust in den Wechseljahren reden — Shownotes Episode 029 Ich habe mich mit mehreren Menschen unterhalten, die therapeutisch arbeiten. Was mich daran am meisten erschüttert hat, war nicht, womit ihre Klientinnen kommen — sondern womit sie nicht kommen. Über die Wechseljahre wird geredet, mühsam, aber es wird geredet. Über die Lust nicht. Nicht mal dort, wo eine Frau dafür bezahlt und wo nichts weitergetragen wird. Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren mit diesem Thema, und ich stelle bei allen Frauen dasselbe fest: Sie reden nicht darüber. Und ich glaube, ich weiß inzwischen, warum. Weil die Antwort, die wir bekommen, wenn wir doch einmal etwas sagen, fast immer dieselbe ist. Das ist doch alles nur normal. Das passt nicht zu Ihrem Alter. Das kann gar keine Nebenwirkung sein. Und keine von uns will hören, dass sie normal ist. Denn wenn das alles normal ist — warum ist es dann so schwer zu ertragen? Zusammenfassung und das Wichtigste auf einen Blick In dieser Folge geht es um das Schweigen, das vor allem anderen kommt. Bevor eine Frau herausfindet, was mit ihrem Körper passiert, muss sie erst einmal jemanden finden, dem sie es sagen kann. Ich erzähle von zwei Arztbesuchen, bei denen ich mit einem „ist doch normal" nach Hause geschickt wurde, und von einem Bild, das mir eine Therapeutin beschrieben hat und das mich seitdem nicht loslässt: Frauen um die vierzig, die nach der Arbeit zehn Minuten im Auto sitzen bleiben und überlegen, ob sie wirklich reingehen wollen. Sie gehen rein. Sie kochen, sie waschen, sie machen alles, was von ihnen erwartet wird. Aber in diesen zehn Minuten fragen sie sich: Ist das eigentlich normal? Ich frage mich das auch. Nicht im Auto, sondern unter der Dusche. Über Lust in den Wechseljahren reden ist die Stelle, an der es dann ganz aufhört. Es gibt viele Frauen, die großartige Arbeit machen und über Hitzewallungen, Schlaf und Erschöpfung aufklären. Ich lese das, ich höre das, ich schaue mir die Videos an. Und immer wieder stelle ich fest: Die Lust bekommt einen einzigen Satz. Man verliert sie, sie ist weniger, sie ist weg. Fertig. Wir haben vierzig Jahre mit dieser Lust gelebt — und sie bekommt einen Halbsatz. „Das ist doch alles normal" ist keine Auskunft, sondern eine Abfertigung — und kein Mensch will hören, dass er normal ist, wenn es sich falsch anfühlt. Die zehn Minuten im Auto — das Bild, das mir aus den Gesprächen geblieben ist, und die Frage, die in diesen zehn Minuten gestellt wird. Warum uns die Worte fehlen — wenn eine Ärztin fragt, was genau ich meine, kann ich es nicht sagen. Nicht aus Scham, sondern weil es dafür keine Begriffe gibt. Die Lust bekommt einen Satz — obwohl sie sich seit dem Teenageralter aufgebaut hat. Und was dabei verloren geht. Das nächtliche Gespräch mit meinem Partner — das mir gezeigt hat, wie weit weg das alles ist für jemanden, der es nicht selbst erlebt. Ich habe keine Methode dafür. Ich habe nur die Beobachtung, dass sich nichts ändert, solange keine von uns anfängt. Und dass der erste Satz nicht groß sein muss. Shownotes und Episodendetails Ich war bei einer Osteopathin und habe erzählt, was mit mir los ist, und dass ich gelesen habe, das gehöre zu den Wechseljahresbeschwerden. Die Antwort: Ja, das kann schon mal vorkommen, aber eher in seltenen Fällen. Bei Ihnen ist die Wahrscheinlichkeit wohl eher anders gelagert. Beim Frauenarzt habe ich gesagt, ich glaube, ich komme in die Perimenopause, vielleicht bin ich auch schon mittendrin. Die Antwort: Ja, das passt zu Ihrem Alter, aber gucken Sie mal, das ist doch alles nur normal. Zweimal ausgesprochen. Zweimal höflich abgeräumt. Warum uns die Worte fehlen Es gibt noch eine zweite Hürde, und die sitzt nicht beim Gegenüber, sondern bei mir. Wenn ich sage, ich spüre meinen Körper nicht mehr richtig, und jemand fragt zurück, was ich damit meine — dann kann ich es nicht genau sagen. Das ist keine Schüchternheit. Es gibt schlicht keine Begriffe dafür. Es gibt keine Erklärung dafür, warum wir uns auf einmal so komisch fühlen. Die Hormone verändern sich, heißt es. Die Hormone gehen und sagen uns nicht Bescheid, dass sie weg sind. Für zehn Jahre meines Lebens ist mir das zu dürftig. Und weil das so ist, reden wir irgendwann nur noch in einer bestimmten Tonlage darüber. Ach, ist ja lustig, ich habe auch Hitzewallungen. Es ist aber nicht lustig. Es fühlt sich auch nicht lustig an. Die Lust bekommt einen Satz Ich finde die Arbeit großartig, die inzwischen zu den Wechseljahren gemacht wird. Da geben sich viele Frauen echt Mühe, das sichtbar zu machen — auch gegenüber Männern, damit endlich ankommt, dass unser „ich bin müde" nichts damit zu tun hat, einmal schlecht geschlafen zu haben. Es fühlt sich an, als hätten wir zehn Jahre nicht richtig geschlafen und kämen da nicht mehr raus. Was mir in all dem fehlt, ist die Lust. Sie taucht auf, aber immer nur als Nebensatz. Man verliert sie. Sie fühlt sich weniger an. Sie ist dann weg. Dabei fängt das mit dem Teenageralter an: Da prägt sich, wie viel wir über unseren Körper wissen, was er möchte und was nicht, und wie viel wir davon aussprechen können. Das entwickelt sich über Jahrzehnte weiter, durch alle Beziehungen hindurch. Und am Ende steht ein Halbsatz. Ich habe nachts zwischen eins und zwei mit meinem Partner darüber geredet — wir reden öfter zu solchen Zeiten. Als ich ihm erklärt habe, dass die Menopause genau ein Tag ist, war er einfach schockiert. Und ich bin schockiert darüber, dass wir uns nicht trauen, eine andere Frau zu fragen. Nicht mal die beste Freundin. Meine Mutter hat nie darüber gesprochen. Von ihren Wechseljahren weiß ich so gut wie nichts. Genau das möchte ich nicht weitergeben. Denn wenn wir nicht reden, wie soll irgendjemand wissen, wie es uns geht? Wie soll die nächste Generation verstehen, was auf sie zukommt? Deswegen endet diese Folge mit drei Wörtern: Rede darüber. Und es muss kein großes Fass sein, kein „lass uns mal über den Sex reden" — das wird sowieso schwierig, weil im Kopf sofort alles umschaltet. Es reicht ein Satz über ein Gefühl, das neu ist. Wenn dir diese Folge etwas gegeben hat: Bewerte Saftig bei Apple Podcasts oder Spotify. Nicht für mich — sondern damit die Frauen, die gerade genau danach suchen, sie überhaupt finden. Neue Folgen jeden Donnerstag.