Skip to content
Artwork for Saftig
Health & FitnessSexualitySociety & CulturePersonal JournalsExplicit

Saftig

Susanne Miel

Ich kann nicht anfangen. Und wenn er anfängt, kann ich es nicht annehmen. Dazwischen liege ich wach und frage mich, was eigentlich mit mir passiert.

Ich bin nicht kaputt. Ich funktioniere anders als früher. Das hat mir nur nie eine gesagt.

Saftig. Endlich sagt es eine.

Muttertag, abends. Er fängt an. Mein Körper antwortet nicht. Ich liege da, warte, dass irgendwas kommt, und sortiere im Kopf schon die Sätze, mit denen ich es ihm nachher erkläre. Fünf Sätze hatte ich für ihn. Keinen für mich.

Manchmal ist das zum Heulen. Öfter, als ich dachte, ist es zum Lachen. Neulich bin ich nackt durch unseren Flur gelaufen und habe so getan, als wollte ich nur ein Glas Wasser holen. Auch davon erzähle ich.

Ich bin Susanne. Ich sage das, was keine sagt. Von Lust, die nicht mehr vorher da ist, sondern erst unterwegs kommt — wenn überhaupt. Von Sex in einer langen Beziehung. Vom Blick in den Spiegel, morgens. Davon, wie ich mich selbst befriedige, und warum ich darüber nie geredet habe. Und von den Abenden, an denen es plötzlich wieder gut ist.

Perimenopause, Wechseljahre — die Wörter kamen bei mir später als das Gefühl. Und sie erklären nicht, warum ich mich selbst nicht mehr erkenne.

Es ist anders geworden. Nicht schlimmer. Ehrlicher.

Für Frauen ab 35, ab 40, ab 45, die nachts googeln und tagsüber nichts sagen.

Fang mit Folge 1 an: Ich habe aufgehört anzufangen." Danach weißt du, ob wir uns kennen.

Ich bin Susanne.

Play
  • 23 episodes
  • Avg 10 min
  • German
Counted on this page — what you have heard stays on this device, so it is not something the list can be paged by.
  • S1 · E9
    July 27 · 12 min

    Ich war mal die Lauteste am Tisch

    Offen über Sex reden — Shownotes Episode 009 Ich habe letzte Woche drei Sprachnachrichten an meine beste Freundin aufgenommen und alle drei wieder gelöscht. Zwei Fragen wollte ich ihr stellen: ob ihr Zyklus auch macht, was er will. Und ob sie überhaupt noch Lust hat. Am Ende habe ich ein Herz zurückgeschickt. In dieser Folge geht es darum, warum ich offen über Sex reden konnte, als ich Mitte dreißig war, und warum ich es heute nicht mehr tue. Vor zehn Jahren war ich die, zu der auf jeder Feier die Leute gekommen sind. Einzeln, meistens spät am Abend, immer mit derselben halben Entschuldigung im Gesicht. Der eine am Grill, die andere am Getränketisch, eine auf der Treppe, die eigentlich nur zur Toilette wollte und dann zwanzig Minuten stehen geblieben ist. Ich war keine Fachfrau. Ich war die, die nicht rot geworden ist. Das war der ganze Unterschied. Aufgehört hat sie damit nicht an einem bestimmten Tag. Es gab keinen Knall und keine Szene, die sich zu erzählen lohnt. Es gab Gründe — manche einfach, manche saßen tief, manche waren selbst erfunden. Und dann ist sie der Sache einfach nicht mehr nachgegangen. Irgendwann war sie die, die am Tisch mitlacht und nichts mehr sagt. Genau diese Frau sitzt heute mit einem Mikrofon da und redet über Lust. In Umschreibungen. Mit halb geschlossener Tür. Zusammenfassung und das Wichtigste auf einen Blick Diese Folge erzählt von einer Frau, die ihre eigene Offenheit verloren hat, ohne es zu merken. Nicht an einem Tag und nicht wegen eines Dramas, sondern Wort für Wort. Aus Selbstbefriedigung wird „ich habe mich um mich gekümmert". Aus Vulva wird „da unten". Aus dem Vibrator wird „das Ding in der Schublade". Jede dieser Umschreibungen fühlt sich im Moment höflich an und macht die Sache trotzdem größer, nicht kleiner. Dazu kommt die Perimenopause: heftigere Stimmungsschwankungen, ein deutlich kürzerer Geduldsfaden — und die überraschende Nebenwirkung, dass die Kapazität für vorsichtige Rücksicht einfach aufgebraucht ist. In der Folge geht es außerdem um ein Gespräch beim Zähneputzen, das leichter war als drei gelöschte Sprachnachrichten, und um einen Abend im Wohnzimmer ein paar Tage später. Peinlichkeit ist ansteckend — Gelassenheit auch. Wer am Tisch das Wort Klitoris sagt wie das Wort Nudelsalat, verändert damit den ganzen Tisch. Die anderen fangen nicht an zu witzeln. Sie fangen an zu fragen. Reden hat die Lust vergrößert. Nach den Abenden, an denen stundenlang über Sex geredet wurde, kam Susanne mit mehr Lust nach Hause. Nicht wegen einer bestimmten Person, sondern wegen der Offenheit selbst. Umschreiben macht die Scham größer. Jedes umgangene Wort ist die Botschaft an sich selbst: Dieses Wort ist zu groß für dich. Am Ende bleiben nur noch Andeutungen übrig. Die vermutete Ablehnung ist selten belegt. Susanne war jahrelang sicher, dass ihre Freundin über dieses Thema nicht reden will — ohne einen einzigen Beweis dafür. Gefragt hat sie nie. Ein kürzerer Geduldsfaden ist nicht dasselbe wie offen reden. Pampig werden geht von allein. Klar sagen, was man will, muss man üben. Es ist eine Folge über zehn verlorene Jahre und über den Punkt, an dem sie beschlossen hat, sich diese Frau zurückzuholen. Sie fängt damit hier an. Shownotes und Episodendetails Es gibt diesen Moment, in dem eine Nachricht schon fertig aufgesprochen ist und der Daumen trotzdem auf „löschen" geht. Nicht weil die Frage falsch wäre. Sondern weil sie plötzlich zu groß aussieht für eine Freundschaft, die seit über zwanzig Jahren hält. Wie aus einer lauten Frau eine leise wurde Mitte dreißig hat Susanne angefangen, offen über Sex zu reden. Nicht als Projekt und nicht als Haltung, sondern weil sie irgendwann aufgehört hat, um die Wörter herumzulaufen. Die Wirkung kam sofort. Auf Feiern kamen die Leute einzeln zu ihr, oft erst nach dem Nachtisch, oft Menschen, die sie gar nicht kannte. Männer genauso wie Frauen — und die Männer hatten deutlich mehr Fragen, als man ihnen normalerweise zutraut. Und dann verschwand das wieder. Langsam, unspektakulär, ohne dass jemand etwas gesagt hätte. Was die Perimenopause damit zu tun hat Die Stimmungsschwankungen sind heftiger geworden. Öfter, deutlicher, und man sieht sie ihr inzwischen an. Das nervt. Gleichzeitig ist der Geduldsfaden kürzer geworden — und zwar nicht nur an der Supermarktkasse. Er ist auch kürzer geworden für Rücksicht. Für das vorsichtige Formulieren, damit sich außer ihr selbst niemand unwohl fühlt. Das war früher Höflichkeit. Heute ist es einfach zu anstrengend. Diese Nebenwirkung wird selten erwähnt, wenn über Wechseljahre gesprochen wird. Sie ist unbequem und sie ist ziemlich brauchbar. Warum Umschreibungen die Scham vergrößern „Ich habe mich um mich gekümmert." Das klingt nach Yogamatte und Kamillentee. Gemeint ist Selbstbefriedigung. Jedes Mal, wenn ein Wort umgangen wird, steckt darin dieselbe Nachricht an sich selbst: Dieses Wort ist zu groß für dich, nimm lieber das kleinere. Beim nächsten Mal wird wieder das kleinere genommen. Irgendwann sind gar keine Wörter mehr da, sondern nur noch Andeutungen — und die Sache, um die es geht, wirkt größer und schwieriger, als sie ist. Zwischen Freundinnen führt das zu einer stillen Verabredung, die keine je getroffen hat. Die eine sagt nicht, wie sie es macht. Die andere sagt es auch nicht. Beide gehen nach Hause und halten sich für die Komische. Ein Satz beim Zähneputzen In dieser Folge erzählt Susanne von dem Moment, in dem sie ihrem Partner gesagt hat, dass sie sich selbst befriedigt hat. Nicht angedeutet, nicht als Witz verpackt, aus dem man sich zurückziehen kann, wenn das Gegenüber komisch guckt. Davor stand derselbe Gedanke wie immer: Ich nehme ihm damit etwas weg. Danach kam ein kurzes „schade" und dann der Satz, um den es eigentlich geht: Toll, dass du dich um dich kümmerst. Und dann ist nichts passiert. Keine Krise, keine Aussprache, kein Abend mit Wein und ernsten Gesichtern. Am selben Abend ein blöder Witz und ein Lachen. Die Sache war genau um den Anteil kleiner geworden, den vorher die Angst ausgemacht hat. Für wen diese Folge ist Für Frauen ab 35, ab 40, ab 45, die ihre Freundinnen alles fragen können — außer das eine. Die nachts googeln und tagsüber ein Herz zurückschicken. Und für alle, die gemerkt haben, dass sie über ihre eigene Lust inzwischen so reden, als wäre sie ein medizinisches Thema. Es ist möglich, sich das zurückzuholen. Diese Folge zeigt den Anfang davon, nicht das Ergebnis. Wenn dir beim Hören eine Freundin eingefallen ist, der es genauso geht: Schick ihr die Folge. Das ist manchmal der einfachere Weg, ein Gespräch anzufangen, als selbst den ersten Satz zu sagen. Link in Bio und im ersten Kommentar.

  • S1 · E8
    July 26 · 13 min

    Die Nachttischschublade

    Scham bei der Selbstbefriedigung — Shownotes Episode 008 In meiner Nachttischschublade stehen Bücher. Dahinter lag mein Vibrator. Dreißig Jahre lang, immer am selben Platz. In dieser Folge erzähle ich, wie Scham bei der Selbstbefriedigung bei mir aussah: nicht dramatisch, sondern ordentlich. Ein Ritual aus Verstecken, Zurücklegen und Geraderücken — sogar dann, wenn ich allein zu Hause war. Es geht um die Jahre dahinter. Um die Methode, die ich als Mädchen entdeckt und nie verändert habe. Um den Delfin-Vibrator, der nur naja war und trotzdem jahrelang blieb. Um Nächte neben einem schlafenden Mann, in denen ich leise sein musste und schnell — und danach befriedigt war und allein zugleich. Und es geht um einen Nachmittag vor ein paar Wochen, an dem ich den Vibrator vor die Bücher gelegt habe. Zwei Zentimeter. Mehr war das nicht. Das Verrückte an dieser Geschichte: Es hat mir nie jemand verboten. Es gab keinen Satz, keine Strafe, keine Szene. Das Schweigen hat gereicht. Bei uns zu Hause gab es für alles unterhalb vom Bauchnabel keine Sprache, und mit Freundinnen habe ich über Jungs geredet, über Sex — aber über Selbstbefriedigung kein einziges Mal. Nicht mit sechzehn, nicht mit dreißig, nicht letzte Woche. Ich habe das Verstecken nicht gelernt. Ich habe es geerbt. Und weil ich es versteckt habe, habe ich nie daran gearbeitet. Mit der Hand allein hat es bei mir nie funktioniert, und statt zu denken, mein Körper braucht andere Wege, habe ich gedacht, mit mir stimmt was nicht. Erst mit der offenen Schublade habe ich verstanden, wie diese beiden Dinge zusammenhängen. Zusammenfassung und das Wichtigste auf einen Blick Ich habe mich mein Leben lang selbst befriedigt — und gleichzeitig so getan, als gäbe es das nicht. Kein Verbot, keine Strafe, nur Schweigen. Genau daraus entsteht Scham. In dieser Folge nehme ich die Nachttischschublade auseinander: warum die Bücher davor eine Kulisse waren, warum das Verstecken die Scham nicht abgebildet, sondern gefüttert hat, und warum ich meine Selbstbefriedigung deshalb nie weiterentwickelt habe. Bis zu dem Nachmittag, an dem ich die Kulisse durchschaut habe. Seitdem liegt das Ding vorne. Und ich lasse mir zum ersten Mal seit Jahrzehnten Zeit dabei. Das Versteck erzieht das Gefühl — jedes Zurücklegen hinter die Bücher war eine Unterschrift unter denselben Satz: Das hier ist nicht in Ordnung. Scham braucht kein Verbot — es reicht, wenn etwas nirgendwo vorkommt. Nicht zu Hause, nicht unter Freundinnen, in keinem einzigen Gespräch. Was versteckt wird, wird nicht weiterentwickelt — deshalb die Methode aus Mädchentagen, deshalb der Delfin, der blieb, obwohl er nicht reichte. Die Scham wächst mit dem Alter — eine deutsche Befragung zeigt: Bei Frauen zwischen sechzig und siebzig verweigert fast ein Drittel schon die Antwort auf die Frage. Zwei Zentimeter ändern die Richtung — der Vibrator liegt jetzt vorne. Die Scham hat ihren festen Arbeitsplatz verloren. Die Folge erzählt zwei Szenen, die sich spiegeln: die Jahre hinter den Büchern — und den einen Nachmittag davor. Dazwischen liegt alles, was Scham mit Lust macht, wenn niemand hinguckt. Auch ich selbst nicht. Fertig bin ich damit nicht. Aber ich verstecke nichts mehr vor Leuten, die nie danach gesucht haben — mich selbst eingeschlossen. Shownotes und Episodendetails Es gibt Themen, die haben nicht mal ein Schweigen. Die kommen einfach nicht vor. Selbstbefriedigung war für mich jahrzehntelang so ein Thema. Ich habe es getan — und gleichzeitig dafür gesorgt, dass es nirgendwo existiert. Nicht in Gesprächen, nicht in meiner Schublade, nicht mal in meinem eigenen Kopf. Die Jahre hinter den Büchern Ich habe mich befriedigt, seit ich ein Mädchen war. Die Methode von damals ist im Kern die Methode geblieben. Dieselben Handgriffe, derselbe Ablauf — während sich sonst alles an mir verändert hat. In der Folge erzähle ich von den Nächten neben einem schlafenden Mann. Vom Leisesein, vom flachen Atmen, vom Vibrator, der nicht gegen die Matratze brummen darf. Vom Weg ins Bad, Tür zu, schnell, Hände waschen, zurück ins Bett. Es hat sich verboten angefühlt. Im eigenen Bett, neben dem eigenen Partner. Und ich erzähle, was das Beeilen aus der Sache gemacht hat: etwas Funktionales. Schnell hin, schnell fertig, schnell zurück. Ich habe jahrzehntelang eine Sparversion von etwas bekommen, das groß sein kann. Und ich dachte, die Sparversion ist das Produkt. Der Nachmittag mit der Schublade Dann dieser eine Nachmittag beim Aufräumen. Ich habe auf die Bücher geguckt und gemerkt: Ich habe keins davon je gelesen. Ich hatte sie damals ausgesucht, weil sie unverdächtig waren. Das waren keine Bücher. Das war eine Kulisse. Ich habe kurz überlegt, die Schublade komplett leer zu räumen. Habe ich nicht gemacht — das wäre mir zu groß gewesen. Ich wollte nur, dass er nicht mehr hinten liegt. Also: rausgenommen, vor die Bücher gelegt, Schublade zu. Und dann gewartet, dass sich schlechtes Gewissen meldet. Kam nichts. Was sich verändert hat, kam später und in kleinen Dosen. Ich sehe das Ding jetzt jedes Mal, wenn ich die Schublade aufmache. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mir Zeit lasse. Dass ich beim ersten Mal ohne Zeitdruck trotzdem gesprintet bin — aus reiner Gewohnheit — und mittendrin aufgehört habe. Fast gelacht. Nochmal von vorne, langsam diesmal. Ein Körper von heute, eine Methode von damals Mein Körper baut sich gerade um. Perimenopause, mittendrin. Und ich habe diesen Körper von heute jahrzehntelang mit dem Programm eines Mädchens bedient, das mal zufällig etwas entdeckt hat und nie wieder nachgucken durfte. Dabei ist Selbstbefriedigung der einzige Ort, an dem ich niemandem etwas erklären muss. Da liegt keiner daneben, der etwas erwartet. Da kann ich rausfinden, was dieser Körper heute mag. In Ruhe, ohne Publikum. Solange das Ding hinten lag, war es ein Notbehelf. Seit es vorne liegt, ist es meins. In der Folge steckt auch eine Zahl, die mich beschäftigt hat: In einer deutschen Befragung wollten fast dreißig Prozent der Frauen zwischen sechzig und siebzig die Frage nach Selbstbefriedigung gar nicht beantworten. Die Scham wird mit dem Alter nicht kleiner. Sie wird größer — genau andersrum, als es logisch wäre. Je mehr Leben eine Frau hinter sich hat, desto tiefer liegt das Ding in der Schublade. Saftig erscheint gerade jeden Morgen um sechs. Wenn du keine Folge verpassen willst: Abonniere Saftig bei Apple Podcasts oder Spotify — dann liegt die nächste Folge morgen früh automatisch vorne.

  • S1 · E7
    July 25 · 12 min

    Das Flämmchen

    Lust wieder spüren — warum ich nackt durch den Flur gelaufen bin Ich dachte lange, meine Lust kommt irgendwann von allein zurück. Groß, laut und eindeutig, so wie früher. Stattdessen habe ich etwas anderes gelernt: Lust wieder spüren fängt bei mir viel kleiner an. Mit einem leisen Ziehen nach dem Duschen. An einem Dienstag um drei. In dieser Folge erzähle ich von genau diesem Dienstag. Von der Hand auf meinem Bauch. Von einem Handtuch auf dem Boden. Und von einem Wasserglas, das ich nie getrunken habe — denn das Glas war nur mein Alibi. Falls die Lust unterwegs verschwindet, war ich offiziell nur durstig. So weit war es mit mir gekommen: Ich hatte einen Rückzugsplan für meine eigene Lust. Worum es in dieser Folge geht Das Flämmchen: warum meine Lust heute kurz auflodert, statt einfach zu brennen wie früher Der Automat in mir: wie Gewohnheit über meinen Nachmittag entscheidet, ohne mich zu fragen Warum die Mail gegen den Sex gewinnt — und was das mit Drohen zu tun hat Pflegen oder drübertrampeln: die Entscheidung, die ich jahrelang nicht als Entscheidung erkannt habe Der Unterschied zwischen Verwaltung und bewusstem Berühren Lust wieder spüren beginnt mit Hinschauen Meine härteste Lektion war nicht, wie ich mir die Lust zurückhole. Sondern, wie ich aufhöre, sie zu übersehen. Denn sie war oft da. Sie hat kurz gelodert, und ich habe gedacht: gleich. Danach war sie weg. Ein Flämmchen kann nämlich nicht warten. Das ist keine Bosheit, das ist seine Natur. Deshalb geht es in dieser Folge um die zwei Sekunden zwischen dem Ziehen und dem, was ich damit mache. Früher hätte der Alltag gewonnen. Anziehen, föhnen, Mail, weiter im Programm. An diesem Dienstag lief es zum ersten Mal anders. Und ja — es hat sich gelohnt. Die Momente, die ich übersehen habe Wie das Übersehen aussieht, beschreibe ich in der Folge ziemlich genau. Abends auf dem Sofa meldet sich etwas, und ich denke: schön, nachher im Bett. Im Bett bin ich dann eingeschlafen. Oder es funkelt kurz, und gleichzeitig fällt mir ein, dass ich noch tanken muss. Tanken! Gegen eine Tankstelle hatte das Flämmchen keine Chance. Genau dafür gibt es keine Strichliste. Ich kann nicht wissen, wie viele solcher Momente ich verpasst habe. Aber ich kann ab jetzt anders hinschauen. Darum geht es hier: nicht um eine neue Technik, sondern um Aufmerksamkeit. Meine Lust braucht meine Aufmerksamkeit. Nicht seine. Meine. Das hat mir mit Mitte vierzig niemand mehr sagen müssen — ich habe es an einem einzigen Nachmittag verstanden. Für wen diese Folge ist Für dich, wenn deine Lust leiser geworden ist und du dich fragst, ob sie überhaupt noch da ist. Für dich, wenn du das Gefühl von früher vermisst — dieses Feuer, das einfach da war und brannte, ohne dass du etwas dafür tun musstest. Außerdem für dich, wenn bei dir auch immer irgendwas Dringendes dazwischenkommt. In der letzten Folge habe ich erzählt, dass meine Lust meistens einen Anlass braucht. Diesmal erzähle ich vom Gegenteil: von dem seltenen Moment, in dem sie von allein anklopft. Und davon, was passiert, wenn ich ihr endlich aufmache. Ein Dienstag, ein Handtuch, ein Wasserglas Die Geschichte beginnt unspektakulär. Ich hatte geduscht, weil morgens keine Zeit war. Dann stand ich im Bad, habe kurz die Hand auf meinen Bauch gelegt, und da war dieses Ziehen. Nicht dramatisch. Eher wie jemand, der vorsichtig anklopft und schon halb wieder gehen will. Ich habe gedacht: Na guck. Du lebst ja noch. Und dann kam der Moment, um den sich die ganze Folge dreht. Der Automat in mir griff schon nach der Unterwäsche. Der Automat ist der Teil von mir, der Tage abwickelt — er funktioniert komplett ohne mich. Aber diesmal bin ich mitten in der Bewegung stehen geblieben. Hand in der Luft. Warum eigentlich nicht jetzt? Wer hat festgelegt, dass Dienstag um drei nicht zählt? Ich habe auf eine Antwort gewartet. Es kam keine. Da war nur Gewohnheit, und Gewohnheit ist kein Argument. Acht Meter Flur, zwei Stimmen im Kopf Also bin ich nackt losgelaufen, mit einem leeren Glas als Sicherheitsnetz. Auf dem Weg liefen zwei Stimmen parallel. Die eine fand das albern. Die andere sagte nur: weitergehen. Irgendwo auf diesen acht Metern ist das Alberne gekippt und wurde großartig. Ich habe mich gefühlt wie eine, die was vorhat. Das hatte ich lange nicht. Was danach kam, erzähle ich in der Folge nicht komplett. Aber so viel: Mein Körper hat sofort mitgemacht. Ohne Anlauf, ohne banges Warten. Mittendrin dachte ich: Das gibt es also noch. Nicht als Erinnerung, sondern als Gegenwart. Warum die Mail sonst immer gewinnt Hinterher saß ich auf dem Sofa und habe verstanden, warum ich solche Momente jahrelang übersehen habe. Der Alltag droht nämlich. Die Mail wird dringender, je länger sie liegt. Der Termin platzt. Das Flämmchen dagegen droht nicht. Wenn ich es übergehe, passiert nichts — kein Vorwurf, keine Mahnung. Es geht einfach. Deshalb verliert es jeden Vergleich mit allem, was laut ist. Eine Mail gewinnt gegen Sex. Wenn mir das jemand über mein Leben erzählt hätte, hätte ich gelacht. Es war trotzdem jahrelang mein Leben. In der Folge nenne ich mich selbst die Spät-Aufgeklärte. Denn niemand hat mir je gesagt, dass Lust wieder spüren mit Aufmerksamkeit anfängt. Ich dachte, Lust ist da oder nicht. Kommt oder kommt nicht. Ich war Passagierin. Dabei gab es die ganze Zeit diese Entscheidung: Pflege ich das gerade — oder trete ich drüber? Ich habe sie jahrelang getroffen, ohne zu merken, dass ich sie treffe. Immer in dieselbe Richtung. Inzwischen weiß ich: Meine Lust wurde nicht lauter, sie wurde leiser. Das ist keine Fehlfunktion. Das bin ich jetzt. Seit ich hingucke, ist öfter etwas da, als ich jahrelang geglaubt habe. Nicht verlässlich und nicht planbar. Aber öfter. Und jedes Mal, wenn ich hinschaue statt drüberzutrampeln, kann ich meine Lust wieder spüren. Kleiner als früher, ja. Aber echt. Hör rein — und schick die Folge weiter Wenn du gerade erst einsteigst: Fang mit Folge 2 an, danach weißt du, ob wir uns kennen. Und wenn du eine Freundin hast, bei der auch ständig die Mail gewinnt — schick ihr diese Folge. Vielleicht ist das genau ihr Dienstag um drei.

Showing 21–23 of 23 episodes