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Morgenimpuls

DOMRADIO.DE

Mit einem guten Gefühl in den Tag starten: Montag bis Freitag erzählt die Olper Franziskanerin Schwester Katharina von ihren Gedanken über Gott und die Welt. Am Samstag und Sonntag sprechen im Wechsel die Religionslehrerin Vanessa Grbavac und Pfarrer Stefan Wißkirchen. Im Radio um 6.15 Uhr und als Podcast.

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  • 35 episodes
  • daily
  • Avg 68 hr 31 min
  • German
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  • Yesterday · 71 hr 23 min

    "Alle lieben" / Morgenimpuls mit Schwester Katharina

    Herzlich willkommen zum Gebet am Freitag. Ich weiß ja nicht, wie es Dir geht, wenn Du Lebensbeschreibungen von bedeutenden Menschen liest oder Podcasts darüber hörst. Ich bin oft völlig erschlagen von all dem Vielen, was Menschen in ihrem Leben geleistet, geschrieben, erkannt und gelehrt haben, und frage mich immer, wie das in ein einzelnes Leben passt. So geht mir das auch mit dem Heiligen Augustinus, an den wir heute denken. Überliefert sind von ihm fast 1000 seiner Predigten, 113 Bücher und 218 Briefe. Aber es gibt einen Ausschnitt aus einem Vortrag und eine Geschichte über ihn, die Dir und mir vielleicht helfen, einen guten Start in diesen Tag zu schaffen. Und was bei mir manchmal hängenbleibt von einer Predigt, einem Vortrag, einem Artikel oder einem Buch, sind oftmals eher diese kurzen, bedeutenden Geschichten oder Begebenheiten. Und die vielleicht bekannteste kleine Story über den großen Augustinus geht so: Eine der zahlreichen Legenden erzählt, wie Augustinus am Strand des Meeres spazieren geht und in tiefes Nachdenken versunken einen kleinen Jungen sah, der mit einer Muschel Wasser schöpfte und in eine Sandgrube goss. Auf die Frage, was er denn da tue, antwortete das Kind: "Dasselbe, was du tust! Du willst die Unergründlichkeit Gottes mit deinen Gedanken ausschöpfen – ich versuche, das Meer auszuschöpfen!" Da wurde ihm klar, dass das unmöglich ist. Und dann spricht Augustinus von sich und seinen alltäglichen Aufgaben im Sermon 340, 3: "Unruhestifter zurechtweisen, Kleinmütige trösten, sich der Schwachen annehmen, Gegner widerlegen, sich vor Nachstellungen hüten, Träge wachrütteln, Händesuchende zurückhalten, Eingebildeten den rechten Platz anweisen, Streitende besänftigen, Unwissende belehren, Armen helfen, Unterdrückte befreien, Gute ermutigen, Böse ertragen, und – ach – alle lieben!" Das ist Programm für mehr als einen Tag, eine Woche, ein Jahr, für jeden Christen.

  • Thursday · 76 hr 23 min

    Liebe, Gebet, Ausdauer und Geduld statt Zwang und Belehrung / Morgenimpuls mit Schwester Katharina

    Hast Du eine Monika in Deinem Bekanntenkreis, oder heißt Du selbst so? Die Frau mit diesem Namen ist eine der außergewöhnlichen Frauen in der Kirchengeschichte. Es kommt nämlich nicht sehr häufig vor, dass im Heiligenkalender an Frauen gedacht, sie geehrt und gefeiert werden. Und wenn, dann sind es meistens Kaiserinnen und Königinnen, Ordensgründerinnen oder ähnliches. Heute aber wird an eine Frau gedacht, die bekannt geworden ist als Mutter des heiligen Augustinus. Und genau durch ihn und sein Buch der "Confessiones", der "Bekenntnisse", wissen wir ziemlich viel von ihr. Sie stammt aus einer christlichen Familie, heiratet und hat drei Kinder. Aber sie leidet sehr an ihrem Mann, der als jähzornig, unbeherrscht und regelmäßig Ehebruch begehend geschildert wird. Aber sie gibt ihn nicht auf und davon ist er so beeindruckt, dass er sich kurz vor seinem Tod bekehrt. Bei ihrem Sohn Augustinus war es so ähnlich. Ihm war in seinen wilden Jahren, als er sich vom katholischen Glauben abgewandt, eine Konkubine und mit ihr ein Kind hatte und nichts mehr von seiner Mutter wissen wollte, schon klar, dass sie ihn nicht verloren geben würde. Er wird später schreiben: "Sie weinte um mich mehr, als andere Mütter um ihre toten Kinder weinen." Er spürt, dass es ihr um seine unsterbliche Seele ging und sie mit Gott um ihn rang mit Glauben, Vertrauen und vielen Gebeten. Er sagt später, dass seine Mutter das geistige Rückgrat seiner Entwicklung war. Sie wusste, dass nicht Zwang und Belehrung, sondern Liebe, Gebet, Ausdauer und Geduld die wirksameren Mittel waren. Inständig und ausdauernd bestürmte Monika Gott in Gebeten, ihr Sohn möge zum Glauben finden. Und sie erlebt es noch. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod wird Augustinus in der Osternacht 387 im Dom von Mailand von Bischof Ambrosius getauft, jener Ambrosius, der ihr einmal gesagt hatte: "Ein Kind so vieler Tränen kann nicht verloren gehen." Und so wurde es. Aus diesem Sohn, um dessen Leben und Glauben sie so beharrlich gerungen hatte, wurde einer der größten Theologen der Kirchengeschichte. Ich kenne viele Mütter, die über die Wege ihrer Kinder nicht begeistert sind und auch darunter leiden. Und den meisten geht es wie Monika: Sie werden diese Kinder nicht aus ihrem Herzen reißen, sondern bleiben ihnen immer nahe, oft viele schwierige Jahre lang in Geduld und Ausdauer. Und manche beten genau für diese Kinder mehr als für alles andere. Das beeindruckt mich immer wieder sehr.

  • Wednesday · 65 hr 50 min

    Gesang ist doppeltes Gebet / Morgenimpuls mit Schwester Katharina

    Singst Du eigentlich gern? Viele Leute werden bei dieser Frage eher nachdenklich und wissen es nicht so genau. Bei manchen ist noch eine Aussage des Musiklehrers im Kopf, der behauptet hat, dass Du nicht singen kannst und dann hast Du es gelassen. Andere sagen, ja unter der Dusche geht es ganz automatisch und man trällert vor sich hin. Da hört es ja keiner und es ist nur für mich allein. Außerdem gibt es nicht mehr so viele Gelegenheiten zu singen. Außer man geht sonntags zum Gottesdienst oder ins Stadion oder zum Konzert, wo Mitsingen der Inbegriff des Begeistertseins ist oder man singt tatsächlich in einem Chor oder oder. Am Sonntag waren 90 Sangesfreudige bei uns im Mutterhaus zum Sommersingen. Und es war ein sehr vergnüglicher Nachmittag mit Sommer-, Wander- oder heiteren Liedern zum Zusammenbleiben. Und dann habe ich in den Plauderpausen ein bisschen nachgefragt, warum denn Singen Spaß macht. Und da kamen sehr viele Antworten von denen, die meistens betont haben, dass das gemeinsame Singen durch Mark und Bein geht, Gänsehaut macht und einfach das Beste ist. Aber auch, dass man beim Singen auflebt und dass es mich frei macht, war eine Aussage. Singen macht Spaß, obwohl ich nicht gut singen kann, war eine erwartete Antwort und was mir sehr gefallen hat war: Es erfreut die Ohren. Wir Deutschen sind immer noch ein sangesfreudiges Völkchen und es gibt immer noch unendlich viele Chöre und Chorgemeinschaften. Einige Sprichwörter sagen auch etwas über das Singen. Mir gefällt davon am besten: "Gesang ist doppeltes Gebet". Und ich glaube nicht, dass damit nur fromme Kirchenlieder gemeint sind, sondern dass wir den Schöpfer damit loben, wenn wir unsere Stimme, die er uns ja gegeben hat, einfach zum Singen nutzen. Im Brief an die Kolosser heißt es so schön: "Ermutigt einander, indem ihr miteinander Psalmen und Lieder singt und damit Gott die Ehre gebt." Es ist also ganz einfach. Zusammen singen macht Spaß und bildet Gemeinschaft und entwickelt eine innere Kraft, die einfach umwerfend wohltut und Freude macht und Gott ehrt.

  • Tuesday · 67 hr 30 min

    Begegnungen geben Anstoß zum eigenen Denken und Tun / Morgenimpuls mit Schwester Katharina

    Begegnungen beleben oft sehr und geben Anstöße für eigenes Tun und Denken. In der Mittagspause auf einem Jubiläumsfest vergangene Woche hat mir beim Spaziergang eine Mitschwester Szenen aus ihrer Arbeit erzählt. Sie arbeitet in der Seelsorge für Menschen, die in Köln auf der Straße leben und von deren Problemen in den letzten unglaublichen heißen Wochen in der Stadt. Eines Tages ist sie mit einem Bollerwagen voller Wasserflaschen unterwegs gewesen, um an den ihr bekannten Treffpunkten Wasser anzubieten und zu verteilen. Und dabei hat eine Touristin aus New York sie beobachtet und angesprochen. Und als sie verstanden hatte, worum es hier geht, ist sie mitgegangen, hat geholfen und hat, als der Wagen leer war, im nächsten Geschäft einige Kisten mit Wasser gekauft und mit ihrem Geld bezahlt, damit weiterhin Wasser verteilt werden konnte. Ganz oft ist es genau so. Menschen erleben, dass es Probleme und Schwierigkeiten gibt und beginnen damit, an Lösungen zu arbeiten und etwas zu tun. Und meist ist sehr schnell ein kleinerer oder größerer Kreis von Menschen angesteckt von der guten Idee und macht mit. Vor fast 500 Jahren hat sich ein junger Priester und Jurist aus Spanien auf den Weg nach Rom gemacht. Und dort ist er völlig entsetzt von der Not und Verwahrlosung der Straßenkinder dort. In Trastevere beginnt er sofort mit einer Schule, die für alle Kinder dort kostenlos war. Und auch hier waren viele junge Leute so angetan von der Aufgabe und dem Engagement dieses Josef von Calasanza, dass sie mitmachen wollten und an diesem Werk für Kinder arbeiten. Also wurde eine Ordensgemeinschaft gegründet und über die nächsten Jahrhunderte gab es immer mehr Schulen für arme Kinder und die Lebensverhältnisse haben sich durch die dann gut ausgebildeten Jugendlichen stark verbessert. Begegnungen geben Anstoß zum eigenen Denken und Tun. Jesus sagt: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Manchmal ist es dann Wasser austeilen an Bedürftige, manchmal ist es eine Schule gründen für mittellose Kinder, manchmal ist es etwas ganz anderes, was Dir heute begegnet und was Dich anregt, aus diesem Wort heraus etwas zu tun.

  • Monday · 76 hr 23 min

    Das eine tun und das andere nicht lassen / Morgenimpuls mit Schwester Katharina

    Herzlich willkommen zum Gebet am Montag. Nach drei Wochen Urlaub bin ich nun wieder da, um mit Dir über Gott und die Welt, über das Leben und vieles, was unser Leben ausmacht, zu plaudern, Erfahrungen zu teilen und Ideen weiterzugeben, wie es gehen kann, den Glauben an Gott heute zu leben. In diesen letzten drei Wochen gab es vieles innerhalb und außerhalb meiner Urlaubsgegend. Thüringen ist einfach schön und ich habe mehrere kleine und größere Städte besucht. Einige, wo ich noch nie war, wie Schmalkalden, wo mir ganze Lichter aufgegangen sind über die Zeitläufe vor, während und nach der Reformation. Ich habe selten ein so schönes Städtchen und eine so kluge Ausstellung gesehen. Oder auch einige größere Städte, wo ich einzelne Sachen anschauen wollte, die sonst eher abseits des Weges der normalen Touris liegen. Und natürlich gab es Begegnungen und Erlebnisse, die eine solche Zeit so besonders machen. Mitten auf der Krämerbrücke in Erfurt geht eine Familie an mir vorbei und der jüngere Mann kommt zurück und fragt mich, ob ich eine Klarissin oder so etwas sei. Solch eine Schwester hat er schon mal in einem Film gesehen. Also sind wir mitten auf der belebten und bewohnten Brücke stehen geblieben und haben uns über Orden und Kirche und meine Aufgaben unterhalten und zum Ende hat er mir alles Gute gewünscht und ich ihm und seiner Familie auch. Schön war das, und wunderbar neugierig und herrlich vorurteilsfrei. Und ich habe in den Nachrichten natürlich auch ein wenig von den Zeitläufen außerhalb meiner Urlaubswelt mitbekommen. Es gab Brände wie schon jedes Jahr, und auch sehr große hier in Deutschland und in den Nachbarländern und anschließend Wasserfluten ungeahnten Ausmaßes. Die Waldbrände haben Flächen vernichtet, von denen wir nicht so eine richtige Vorstellung haben. Der Sommer war und ist immer noch heiß und weltweit zu trocken und wir ahnen, dass etwas geschehen muss, wenn unser schöner blauer Planet nicht verbrennen und vertrocknen soll. Als Kind und Jugendliche habe ich noch die Flurprozessionen erlebt, die singend und betend über die Felder gezogen sind und Gott um Bewahrung vor schädlichem Wetter und um eine gute Ernte gebeten haben. Das ist auch bis heute nicht falsch, aber es reicht nicht, wenn wir gleichzeitig zu viel Wasser verschwenden, Schadstoffe in die Luft jagen und schon im Juni den Anteil der Rohstoffe verbrauchen, den Mutter Erde in einem ganzen Jahr für uns ersetzen kann. Das eine tun, und das andere nicht lassen, ist zu allen Zeiten ein gutes Motto für uns Menschen und Christen. Tun, was in unseren Kräften und Möglichkeiten steht und Gott um seine Hilfe und seinen Segen bitten. Er wird es tun.

  • Sunday · 63 hr 36 min

    Teil von etwas Größerem / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Sommerzeit ist Festivalzeit. Dieses Jahr war ich zum ersten Mal bei Rock am Ring. Was für eine Atmosphäre. Musik, die man nicht nur hört, sondern spürt. Die Bässe. Die Beats. Und diese vielen Menschen. Alle schwarz gekleidet, alle irgendwie entspannt. Ich kenne kaum eine Menschengruppe, die so friedlich und freundlich ist wie Rocker und Metaller. Ich gehe generell gern auf Konzerte, obwohl ich einen entscheidenden Nachteil habe: Ich bin ziemlich klein. In Menschenmengen habe ich selten den Überblick. Bei Rock am Ring waren rund 90.000 Menschen. Eine Zahl, die ich kaum greifen kann. Und das Verrückte ist: Man merkt sie gar nicht. Natürlich weiß ich, dass da Zehntausende sind. Aber ich sehe nur die Menschen direkt um mich herum. Ich höre die Stimmen in meiner Nähe. Ich nehme die paar Reihen vor und hinter mir wahr. Mehr nicht. Und trotzdem singen da Tausende denselben Song. Als ich später darüber nachgedacht habe, musste ich an die Kirche denken: Katholisch bedeutet ja "weltumfassend". Und genau das mag ich eigentlich am Katholischsein. Wenn ich im Urlaub irgendwo einen Gottesdienst besuche, dann finde ich mich meistens sofort zurecht. Die Abläufe, die Gebete, die Gesten – vieles ist vertraut. Egal, ob in Deutschland oder anderswo. Manchmal wirkt Kirche auf mich ziemlich klein. Dann sehe ich die Menschen in meiner Gemeinde, die vertrauten Gesichter in den Kirchenbänken, und denke: ganz schön wenige, ganz schön traurig. Aber eigentlich weiß ich, dass das nicht stimmt. So wie ich bei Rock am Ring nicht wirklich erfassen konnte, dass da 90.000 Menschen gemeinsam feiern, kann ich auch nicht erfassen, wie viele Menschen weltweit glauben, hoffen, zweifeln, beten und nach Gott suchen. Ich sehe nur meinen kleinen Ausschnitt. Vielleicht geht es vielen so. Wir nehmen vor allem das wahr, was direkt vor uns ist. Die Menschen in unserem Umfeld. Die, die wir kennen. Und vergessen dabei manchmal, dass wir Teil von etwas viel Größerem sind. Bei Rock am Ring habe ich das für einen Moment gespürt: Ich war eine von 90.000. Und trotzdem nicht verloren.

  • August 22 · 63 hr 3 min

    Im Kleinen zum Segen werden / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Ich versuche regelmäßig Blut spenden zu gehen. Das ist mir irgendwie wichtig. Und ehrlich gesagt fühle ich mich danach immer ziemlich gut. Klar, ich habe ja auch etwas Gutes getan. Bei einer meiner ersten Blutspenden bekam ich eine kleine Blechdose mit Minzbonbons geschenkt. Die Bonbons fand ich toll. Und die Dose auch. Die passte perfekt vorne ins kleine Ablagefach im Auto unter dem Radio. Da lag sie dann erstmal ziemlich lange herum. Irgendwann fiel mir auf, dass auf der Dose ein Bild eingeprägt war. Erst wirkte das einfach nur rot-orange auf mich. Das fand ich logisch. Blutspende, DRK – da passten die Farben für mich erstmal einfach zum Design. Aber als ich genauer hinschaute, erkannte ich die Szene sofort. Religionslehrerin eben. Es war der barmherzige Samariter. Ein fremder Mann hilft einem Verletzten, an dem andere längst vorbeigegangen waren. Er versorgt seine Wunden, bringt ihn in ein Gasthaus und bezahlt dafür, dass man sich weiter um ihn kümmert. Dann zieht er weiter. Und irgendwie fand ich den Vergleich zwischen mir und dem Samariter erstmal fast ein bisschen drüber. Ich habe doch nur Blut dagelassen. Mehr nicht. Ich habe noch nicht mal eine besonders seltene Blutgruppe. Ich habe einfach kurz die Augen zugemacht, als die Nadel kam, und danach eine Cola getrunken. Ich habe doch eigentlich gar nichts Besonderes getan. Und trotzdem blieb mir diese Dose lange im Kopf. Vielleicht, weil sie mich an etwas erinnert hat, das ich selbst oft vergesse. Wie oft denken wir eigentlich, wir hätten gar nichts verändert? Dabei wissen wir manchmal überhaupt nicht, was unser kleines Handeln bei anderen bewirken kann. Dabei reicht manchmal schon erstaunlich wenig: Ein bisschen Zeit. Ein offenes Ohr. Eine kleine Geste. Ein paar Worte. Für mich fühlt sich das oft klein an. Fast unbedeutend. Und vielleicht war es für jemand anderen genau das, was gefehlt hat. Der barmherzige Samariter macht ja eigentlich auch nichts Spektakuläres. Er zaubert nicht. Er nimmt dem Verletzten nicht plötzlich allen Schmerz. Er hilft einfach. So gut er eben kann. Und dann geht er weiter. Vielleicht liegt genau darin etwas Segen. Dass Hilfe nicht immer groß sein muss, um etwas zu verändern. Und dass wir oft gar nicht merken, wo wir anderen längst zum Segen geworden sind.

  • August 21 · 55 hr 16 min

    Ein Gott, der berührt / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    In den Sommerferien mache ich oft Dinge, zu denen ich sonst nie komme. Zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt. Ich bin da wirklich schlecht drin. Ich vergesse es. Ich ignoriere es. Und manchmal will ich vielleicht auch einfach gar nicht wissen, ob da irgendwas in mir schlummert. Und ehrlich gesagt sitze ich auch einfach unfassbar ungern in Wartezimmern. Vielleicht kennst du das ja? Es ist gar nicht die Langeweile. Die kriegt man heute mit dem Smartphone sowieso besser rum als früher mit den abgegriffenen Zeitschriften auf dem Tisch. Es ist eher dieses Gefühl von: Hoffentlich steckt man sich hier nicht mit irgendwas an. Genau aus dem Grund fällt es mir manchmal auch schwer, in Krankenhäuser zu gehen. Für mich sind das oft Orte potenzieller Ansteckung. Wie widersprüchlich eigentlich. Ich gehe ungern zur Vorsorge und habe gleichzeitig Angst, mich anzustecken. Und vielleicht steckt darin etwas Größeres. Denn Krankheit macht oft einsam. Krankheit grenzt aus. Das merke ich auch in der Schule. Wenn Lernende länger krank waren und zurückkommen, dann sind sie oft erstmal "die, die lange weg waren". Man ist rausgefallen. Man muss wieder Anschluss finden. Und ich merke diese Berührungsängste auch bei mir selbst. Wenn ich im Wartezimmer unruhig auf meinem Stuhl hin und her rutsche. Oder wenn ich manchmal gar nicht möchte, dass andere merken, dass es mir vielleicht selbst nicht gut geht. Krankheit schafft Distanz. Zwischen Menschen. Zwischen dem, was man zeigen will, und dem, was wirklich ist. Und genau deshalb berührt mich Jesus an dieser Stelle so sehr. Denn Jesus hatte diese Berührungsängste nicht. Er hat Menschen berührt, die längst ausgeschlossen waren. Menschen, denen andere lieber aus dem Weg gegangen sind. Kranke Menschen. Einsame Menschen. Menschen, die niemand mehr anfassen wollte. Und genau dort beginnt plötzlich wieder Beziehung. Ich glaube, das ist eines der größten Wunder: Dass Gott keine Angst vor Nähe hat. Keine Angst vor dem, was verletzt, krank oder zerbrochen ist. Gott hält Abstand nicht aus, sondern überwindet ihn.

  • August 20 · 66 hr 40 min

    Du hast uns im Blick / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Wenn man jetzt in den Ferien an der Autobahnauffahrt Brühl-Süd vorbeifährt, dann sieht man dort morgens oft lange Schlangen. Alle wollen in den Freizeitpark. Ein Ort voller Achterbahnen, Themenwelten und Abenteuer. Wir fahren da auch manchmal mit Schulklassen hin. Ich selbst bin allerdings eher nicht so der Achterbahn-Fan. Mir reicht schon eine kurvige Autofahrt durch die Eifel und mir wird schlecht. Deshalb bin ich oft diejenige, die wartet, während die anderen fahren. Und ehrlich gesagt mag ich das sogar ein bisschen. Nicht das Warten an sich. Aber das Beobachten. Das Staunen. Diese Freizeitparks sind ja mit unglaublich vielen Details gestaltet. Überall Musik, Kulissen und kleine Welten, in die man eintaucht. Beim letzten Besuch in besagtem Freizeitpark stellten sich mein Mann und meine Schwester direkt morgens an einer Achterbahn an. Ich nahm Handys, Taschen und alles, was sonst der Schwerkraft zum Opfer gefallen wäre, holte mir einen Kaffee und setzte mich auf eine Bank. Und dann begann ich einfach die Menschen zu beobachten. Dafür gibt’s in meiner Familie sogar einen extra Begriff. „Äppen“. Ein junger Mann ist mir dabei besonders aufgefallen. Ich musste direkt grinsen. Er betrat diese Themenwelt mit so einer Begeisterung, als wäre er gerade in einem Film angekommen. Der Mund stand offen, die Augen weit aufgerissen. Und bei dieser epischen Musik stemmte er die Hände heroisch in die Hüften. Dabei sah er eigentlich gar nicht so aus wie jemand aus einem Abenteuerfilm. Mit Regenjacke um die Hüfte gebunden und einem Rucksack auf dem Rücken wirkte er eher wie irgendein ganz normaler Besucher. Aber genau das fand ich so schön. Er sah gar nicht so aus, wie er sich scheinbar fühlte. Und die meisten Menschen um ihn herum haben das wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Aber ich hatte ihn irgendwie im Blick. Und seine Freude hat mich plötzlich selbst angesteckt. Und vielleicht ist Gott genauso. Vielleicht sieht Gott uns viel genauer, als wir selbst denken. Nicht nur das Außen. Nicht nur das, was andere wahrnehmen. Sondern auch das, was in uns lebendig ist. Unsere Freude. Unser Staunen. Unsere Begeisterung. Vielleicht schaut Gott uns manchmal genau in solchen Momenten an und freut sich einfach mit. Nicht von weit weg. Nicht über uns. Sondern mitten in unserem Leben.

  • August 19 · 49 hr 43 min

    Ein warmes Licht / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Kennst du das? Du gehst durch die Stadt. Oder suchend durch den Supermarkt. Und plötzlich fühlt sich alles an deinem Gehen falsch an. Weil da jemand ist, den du kennst. Oder jemand, bei dem du nicht weißt, ob man sich jetzt grüßen müsste. Und auf einmal denkt man über Dinge nach, über die man sonst nie nachdenkt. Wie man geht.Wohin man schaut.Was die Hände machen.Ob man gerade zu schnell läuft.Oder krampfhaft locker wirken will. Plötzlich fühlt sich sogar normales Gehen wie Schauspielern an. Als würden alle hinschauen. In der Psychologie gibt es dafür einen Begriff: Spotlight-Effekt. Weil wir oft glauben, viel stärker im Mittelpunkt zu stehen, als wir es tatsächlich tun. Und ehrlich gesagt: Ich finde dieses Rampenlicht meistens gar nicht schön. Es macht mich eher unsicher. Als würde ich beobachtet statt einfach gesehen. Vielleicht fällt es manchen Menschen deshalb auch schwer, an Gott zu glauben. Weil die Vorstellung unangenehm ist, ständig im Blick zu sein. Ich selbst glaube aber nicht an einen Gott, der mich bloßstellt. Nicht an ein kaltes Scheinwerferlicht, das alles sichtbar macht und mich dabei klein werden lässt. Eher an ein warmes Licht. Eins, das nicht entblößt, sondern Orientierung gibt. Das mich nicht vorführt, sondern freundlich ansieht. Und manchmal reicht mir dieser Gedanke schon, wenn ich mich wieder zu sehr im Blick der anderen verliere. Dass da einer ist, der mich sieht, ohne dass ich mich verstellen muss. Ein Licht, das ich Gnade nenne.

  • August 18 · 60 hr 50 min

    Wirklichkeit durch Versprechen / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Heute ist unser Hochzeitstag. Aber nur der "kleine" Hochzeitstag. Ich habe vor einigen Jahren ganz bewusst in den Sommerferien standesamtlich geheiratet. Ich dachte damals: Dann ist das mit dem Namenswechsel für alle einfacher. Und ehrlich gesagt, hatte ich davor schon ein bisschen Angst. Nicht vor der Ehe. Aber davor, plötzlich anders zu heißen. Nicht mehr wie meine Schwester. Nicht mehr wie meine Mutter. Und dann auch noch mit einem Nachnamen, den ständig jemand falsch ausspricht. Ein Name ist eben Identität. Und ich glaube, ich hatte wirklich Sorge, mich plötzlich irgendwie anders zu fühlen. Diese große Identitätskrise blieb allerdings aus. Die standesamtliche Trauung selbst war wunderschön. Es wurde viel gelacht. Freunde standen plötzlich mit Blumen vor der Tür und überraschten uns. Abends wollten wir noch gemeinsam feiern. Und trotzdem saßen mein Mann und ich danach irgendwann alleine im Auto und sagten beide fast gleichzeitig: "Wow … war das jetzt alles?" Nicht enttäuscht. Aber irgendwie überrascht davon, wie normal sich alles anfühlte. Ich war immer noch ich. Und er war immer noch er. Und dann hatte ich plötzlich zwei Wochen Zeit, mich komplett hineinzusteigern, dass die kirchliche Hochzeit jetzt bestimmt DAS große, alles verändernde Ereignis werden müsste. Und ja … irgendwie wurde sie das auch. Bis heute feiern wir beide Hochzeitstage. Einen im August und einen im September. Aber das eigentliche Versprechen, das uns verbindet, das gab es nur einmal. Und vielleicht ist genau das das Besondere an Versprechen. Sie verändern nicht plötzlich den ganzen Menschen. Aber sie schaffen etwas Neues zwischen Menschen. Eine Verbindung. Eine Wirklichkeit, die vorher noch nicht da war. Vielleicht spürt man das gerade deshalb bei einer kirchlichen Trauung so stark. Weil dort nicht nur zwei Menschen nebeneinander stehen und etwas unterschreiben. Sondern weil aus Worten plötzlich etwas Wirkliches wird. Ein "Ich bleibe." Ein "Ich gehe mit." Ein "Ich liebe dich." Und ich glaube, genau dort ist Gott. In diesem Sakrament. In der Wirklichkeit, die die Eheleute sich gegenseitig schenken.

  • August 17 · 64 hr 43 min

    Schmetterling / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Immer wenn ich im Sommer viele Schmetterlinge sehe, dann muss ich an Erdbeben denken. Komisch eigentlich. Denn ich finde Schmetterlinge wunderschön. Und sogar mein Vorname ist von einer Schmetterlingsart abgeleitet. Warum also ausgerechnet Erdbeben? Irgendwann habe ich mal aufgeschnappt, dass viele Schmetterlinge Vorboten für Erdbeben sein sollen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber kennst du das? Manche Gedanken verbinden sich mit etwas – und dann wird man sie kaum noch los. Schmetterlinge und Erdbeben. Und wenn ich weiterdenke, dann steckt da vielleicht mehr drin als ich zuerst gedacht habe. Denn so ein Schmetterlingsleben ist ja eigentlich auch eine Erschütterung. Am Anfang ist da diese kleine Raupe. Ganz nah an der Erde. Langsam unterwegs. Versteckt zwischen Blättern, damit sie niemand entdeckt. Und sie frisst und frisst, wird größer, schwerer … vermutlich ist das alles ziemlich mühsam. Und dann passiert etwas, das ich fast beneidenswert finde. Diese Raupe verwandelt sich. In einen Schmetterling. Aber auch das ist ja keine sanfte Veränderung. Das ist ein Umbruch. Eine Verwandlung, die alles durcheinanderbringt. Im Kokon geschieht etwas, das wir kaum verstehen können. Und ich frage mich: Weiß der Schmetterling eigentlich noch, dass er einmal eine Raupe war? Ich glaube, ich muss gar nicht neidisch sein. Denn diese Verwandlung ist bestimmt nicht nur schön. Sondern auch anstrengend. Vielleicht sogar schmerzhaft. Und auf jeden Fall: erschütternd. Und genau deshalb ist der Schmetterling ja auch so ein starkes Bild. Gerade im Glauben. Für Auferstehung. Für Veränderung. Für dieses: Es wird nicht einfach nur anders – es wird neu. Eine Veränderung, die leicht machen kann. Die uns fliegen lässt. Die etwas bewegt. Manchmal sogar mehr, als wir denken. Es gibt diesen Gedanken, dass ein Flügelschlag eines Schmetterlingsirgendwo auf der Welt etwas Großes auslösen kann. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber ich mag die Vorstellung. Dass etwas Kleines eine Wirkung haben kann, die größer ist als es selbst. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Verbindung. Nicht Erdbeben und Angst. Sondern Erschütterung, die etwas in Bewegung bringt.

  • August 16 · 65 hr 16 min

    Was macht Jesus eigentlich für dich aus? / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Der Schriftsteller Arno Schmidt hat über Jesus geschrieben: "Lebe erst einmal und lerne und komme in 30 Jahren wieder." Für Schmidt ist Jesus belanglos, aus einem unbedeutenden Zwergstaat, keine Kultursprache sprechend, keine Bildung, ein barbarischer Dialekt und so schreibt er weiter: "Die Persönlichkeit des Mannes, nach dem sich 30 Prozent der Menschheit nennt, genügt mir nicht." Ein Journalist nannte das später Blasphemie auf höchstem Niveau und doch ist es interessant. Gerade diese scheinbare Belanglosigkeit lässt Jesus bis heute nicht los. Dichter wie Arno Schmidt, Kritiker wie Nietzsche oder Feuerbach, Atheisten und Andersgläubige, sie alle reiben sich an ihm; nicht an Macht oder Erfolg, sondern an seinem Lebensgefühl, denn Jesus lebt anders. Er hält das Leben nicht fest, um es zu sichern. Er gibt es hin, um es zu schenken. Im Johannesevangelium heißt es: "Aus seiner Seite flossen Blut und Wasser." Zeichen neuen Lebens für die Welt, Zeichen dafür, dass Gott nicht verschließt, sondern sich öffnet. Man wirft uns Christen manchmal vor, wir würden die Wirklichkeit verdrängen, aber der Glaube spricht eigentlich eine andere Sprache. Er macht das Leid nicht kleiner, das Unrecht nicht harmlos und das Böse nicht gut. Aber er setzt ein neues Lebensgefühl dagegen, dass es sich lohnt, für das Leben sich einzusetzen, dass jeder Mensch zählt, dass kein Leben belanglos ist. Oder anders: Dein Leben ist wichtig. Du bist bedeutungsvoll, du bist ein geliebtes Kind Gottes, eine geliebte Kind-Tochter, ein geliebter Sohn. Papst Benedikt XVI. hat dieses Lebensgefühl einmal so beschrieben: "Er ist Gott, Licht vom Licht. Um in das ewige Leben einzugehen, muss man auf Jesus hören ihm nachfolgen und dabei in der Hoffnung stehen." Daraus kommt eine persönliche Frage: Was macht Jesus eigentlich für dich aus? Und welches Lebensgefühl gibt er deinem Leben?

  • August 15 · 60 hr 50 min

    Maria war kein weltfremder Hanns Guck-in-die-Luft / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Erinnerst du dich noch an den Struwwelpeter? Aus dem Haus der Großeltern ist er vielen von uns in lebendiger Erinnerung geblieben. Er ist keine moderne Erziehungsliteratur, aber voller Geschichten, die irgendwie nachwirken. Eine hat mich besonders geprägt: die Geschichte vom Hanns Guck-in-die-Luft. Hanns läuft durch die Welt und starrt oberflächlich in den Himmel. Er ist verträumt, fasziniert von den Wolken, völlig abwesend. Wir bewerten das heute schnell als Unaufmerksamkeit. Doch eigentlich zeigt Hanns eine zutiefst menschliche und schöne Haltung: das Aufschauen, das sich Öffnen für das Größere das Höhere, das über unseren oft grauen Alltag hinausweist. Aber wir wissen, wie es ausgeht. Weil Hanns den Blick nicht senkt, übersieht er die Realität, stolpert und fällt ins Wasser. Er vergisst die Erde. Dabei gehören Himmel und Erde doch zusammen. Das zeigt uns das heutige Fest, dass wir in der Kirche feiern: die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel. Maria wird ganz mit Leib und Seele in die göttliche Herrlichkeit aufgenommen. Ihre Seele schaut auf das Ewige, den Himmel, aber ihr Leib steht zutiefst für das geerdete Leben. Maria war kein weltfremder Hanns Guck-in-die-Luft. Ihr Alltag war fest verwurzelt in der harten Realität ihrer Zeit als Tochter, als Mutter, als Frau in einer einfachen Gemeinschaft. Sie erlebte tiefe Freude, aber auch bitteres Leid. Wenn sie in ihrem berühmten Lobgesang, dem Magnificat, Gott preist, dann dankt sie ihm nicht nur für eine Flucht aus der Welt, sondern für seine Gerechtigkeit hier auf der Erde. Glauben und Hoffnung bleiben genau dann lebendig, wenn wir beides zusammenhalten, den Blick nach oben und den Blick für die Menschen hier unten. Darin ist uns Maria eine wunderbare Begleiterin. Sie lädt dich ein, den Blick vertrauensvoll nach oben zu richten, Kraft im Glauben zu suchen und genau daraus die Stärke zu schöpfen und mit offenen Augen, helfenden Händen und mit einem klaren Herzen mitten in der Welt zu leben.

  • August 14 · 73 hr 20 min

    Schweigen ist Aufmerksamkeit / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Wenn wir heute in der Kirche an den heiligen Maximilian Maria Kolbe, an diesem großen Bekenner und Märtyrer des Zweiten Weltkriegs, der nationalsozialistischen Herrschaft, zurückdenken, dann wird es neben Gottesdiensten auch manches Mal Schweigeminuten geben. Schweigeminuten gehören zu unserer Kultur, ob Jahreshauptversammlung oder Volkstrauertag, wenn etwas Schreckliches geschieht, ein Unglück, ein terroristischer Anschlag. Wenn wir uns an etwas zurückerinnern, was unser Herz treffen will, halten wir inne, halten wir Schweigeminuten. Schweigen, das ist vielleicht auch die angemessenste Form, auf solche Sachen zu antworten, wie sie beim heiligen Maximilian Maria geschehen sind. Es ist auch mehr als die Abwesenheit von Sprache. Es ist eine bewusst eingesetzte Form der Kommunikation, ein Zeichen innerer Einkehr und Erinnerungen. Vielleicht fällt es uns heute besonders schwer damit. Denn unsere Gesellschaft kommentiert alles. Alles wird bewertet, geurteilt, geteilt, oft in Sekunden. Die Kommentarflut im Internet auf sozialen Medien vermittelt den Eindruck, Schweigen ist Zeitverschwendung. Dabei, so glaube ich, ist genau das Gegenteil der Fall: Das Schweigen auszuhalten, die Leere auszuhalten ist wichtig. Es lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das, was zählt. Wir gedenken der Toten, der Verstorbenen nicht, um sie zu bewerten, sondern um ihnen und ihrem Leben die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Wir erinnern uns an Opfer von Gewalt und Verbrechen, wir erinnern uns an Tote von Weltkriegen, wir erinnern uns an jene, deren Leben durch Katastrophen und Gewalt zerstört wurden. Wir erinnern uns heute an Maximilian Maria Kolbe, an den, der für den Familienvater in den Hungerbunker von Auschwitz gegangen ist. Und wenn wir die Menschen auch nicht kannten, an die wir uns erinnern, geht es um ihre Menschenwürde, um ihr unersetzliches Leben. In dieser Erinnerung bewahren wir Würde, Hoffnung und bewahren wir, dass Gott uns geborgen hält. Schweigen ist nicht Leere. Schweigen ist Aufmerksamkeit. Schweigen ist Erinnerung und vielleicht gerade in diesem Moment lernen wir, dass Aufmerksamkeit und Ehrfurcht über unsere menschlichen Worte hinausgehen. Schweigen zeigt, wir haben innegehalten, wir haben erinnert, wir haben zugelassen, dass das Leben anderer, auch wenn es vergangen ist, Bedeutung behält.

  • August 13 · 66 hr 40 min

    Kleine Schritte können große Wendungen auslösen / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Die Fernsehserie "Breaking Bad", die von 2008 bis 2013 ausgestrahlt wurde, erzählt die Geschichte von Walter White, einem Chemielehrer. Er ist mittellos, hat ein junge Familie und lebt zunächst ein unscheinbares alltägliches Leben. Dann erhält er die Diagnose Krebs, unheilbar. Plötzlich steht alles Kopf. Er trifft eine Entscheidung. Er beginnt Crystal Meth herzustellen, anfangs nur, um seine Familie abzusichern. Doch aus dieser Not entwickelt sich eine Spirale, die ihn immer tiefer in Gewalt, Machtspiele und kriminelle Machenschaften zieht; nicht, weil er böse sein will, sondern weil gut gemeinte Handlungen und unüberlegte Entscheidungen außer Kontrolle geraten. Die Geschichte zeigt eindrücklich, wie schnell ein Leben auf die schiefe Bahn geraten kann. Kleine Entscheidungen, die harmlos oder sinnvoll erscheinen, können große Folgen haben und oft merkt man erst im Rückblick, wohin der Weg wirklich geführt hat. Wie kann man dem begegnen? Nicht durch Ehrgeiz oder den Versuch alles unter Kontrolle zu behalten, sondern durch bewusstes Handeln, Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen bedenken. Es geht darum, Entscheidungen ernst zu nehmen, statt sie auf äußere Umstände zu schieben und den richtigen Moment zu erkennen, bevor die Situation außer Kontrolle gerät. Edward A. Murphy, ein amerikanischer Raketenforscher, formulierte im Jahr 1949 das berühmte Murphy-Gesetz: Alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen. Das erinnert uns daran, aufmerksam zu sein, unsere Schritte zu prüfen und Fehler frühzeitig zu korrigieren. Doch es gibt auch einen positiven "turning point". Auch wenn manches schiefgeht, können wir den richtigen Weg finden. Paul Watzlawick erzählt einmal von einem Mann, der alle 10 Sekunden in die Hände klatscht, um Elefanten zu verscheuchen, obwohl gar keine da sind. Wer verzweifelt Probleme vermeiden will, verstärkt sie oft. Nur wer bewusst handelt, Verantwortung übernimmt und Entscheidungen überdenkt, kann Situationen verändern und den eigenen Weg korrigieren. Auf die richtige Bahn geraten heißt also Verantwortung übernehmen, Perspektiven wechseln, bewusst handeln und Chancen nutzen. Kleine Schritte können große Wendungen auslösen und manchmal entscheidet genau das, wohin unser Leben wirklich führt.

  • August 12 · 54 hr 43 min

    Willst Du ewig leben? / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Heute Abend ist es soweit: Die größte partielle Sonnenfinsternis hier in Europa seit 1999. Solche Tage bringen auch immer mit sich, dass die Menschen auf das Leben an sich schauen. Viele Menschen stellen sich die Frage: Willst du ewig leben? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Was bedeutet ewiges Leben überhaupt? Eine unendliche Verlängerung dessen, was wir jetzt leben mit all seinen Sorgen Brüchen und offenen Wunden? In dieser Sommerzeit denken wir auch an Maria von Magdala. Sie ist ein eindrückliches Beispiel für diese Frage. Sie kommt früh am Morgen an einen Ort, an dem alles endgültig scheint. Sie sucht jemanden, von dem sie dachte, dass alles vorbei sei. Wer wälzt mir den Stein vom Grab weg, fragt sie. Der Stein steht für das, was unüberwindbar scheint: Verlust, Scheitern und Tod. Maria hat viel erlebt. Sie hat Heilung erfahren. Ihr Leben wurde neu ausgerichtet. Und dennoch: Vor ihr liegt wieder ein Abgrund. Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen, das Wort, dass sie hört, öffnet ihr Herz. "Er ist nicht hier." Sie erkennt ihn zunächst nicht, hält ihn für den Gärtner. Ein starkes Bild. Der Schöpfer am Werk. Eine neue Schöpfung beginnt. Mitten im Garten, mitten im Leben. Ewiges Leben ist kein Versprechen, sondern beginnt dort, wo ein Mensch sich berühren lässt, wo Angst sich verwandelt in Vertrauen, wo Trauer nicht das letzte Wort behält. Maria von Magdala wird zur Zeugin, nicht, weil sie alles versteht, sondern weil sie sich senden lässt. Ewiges Leben heißt nicht, alles bleibt, wie es war, ewiges Leben heißt, ich darf anders leben aus der Liebe mit Hoffnung in Beziehung und so stellt sich dann auch an uns immer wieder diese Frage: Willst du ewig leben?

  • August 11 · 73 hr 3 min

    Glaube ist keine Theorie / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Korinth war eine wohlhabende multikulturelle Hafenstadt. Unterschiedlichste Strömungen trafen dort aufeinander: griechisches Denken, das den Geist über den Leib stellte, Mysterienkult mit geheimen Ritualen der Kaiserkult mit seinem Streben nach Macht und Anerkennung und die jüdische Tradition in der Diaspora. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in der christlichen Gemeinde wider. Sie war lebendig, aber konfliktreich. Es gab Gruppenbildungen, Zweifel, geistlichen Hochmut, aber auch Beliebigkeit im Leben und im Glauben. Paulus schreibt genau in diese Situation hinein; nicht belehren von oben, sondern seelsorglich und klar. Er ruft die Gemeinde zurück zur Mitte, nicht zu einer Idee, nicht zu einer bestimmten Person, sondern zu Jesus Christus, gekreuzigt und auferstanden. Das ist sein Fundament. Das soll das Fundament der Gemeinde von Korinth, das kann auch unser Fundament sein. "Ich erinnere euch an das Evangelium", schreibt Paulus. Nicht als Rückblick auf etwas Vergangenes, sondern als Erinnerung an das, worauf sie stehen. Glaube ist keine Nostalgie. Er ist Kraft für das heute. Im Herzen steht für den christlichen Glauben: Christus ist gestorben und er ist auferweckt worden; nicht als Mythos, nicht als schönes Symbol, sondern als bezeugte Wirklichkeit, die Leben verändert und neu ausrichtet. Paulus nennt die Zeugen: Kephas, die Zwölf, viele andere und zuletzt sich selbst. Auch der Unvollkommene, der Späte, der Zweifelnde, er wird berufen. Die Begegnung mit dem Auferstandenen verändert, damals wie heute. "Das ist unsere Botschaft und euer Glaube", so schreibt Paulus im Korintherbrief. Glaube ist keine Theorie. Er ist Beziehung, Festhalten auch in Fragen, im Ringen und im Zweifeln. Die Gemeinde in Korinth war alles andere als perfekt und gerade darin kann sie uns nahe sein. Auch wir sind eine bunte, eine suchende Gemeinschaft als die Kirche; mit Spannungen und unterschiedlichen Prägungen und offenen Fragen. Was uns eint, was uns einen soll, ist dieses eine Fundament: der Glaube an Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Dieser Glaube ist kein Zusatz für besonders schöne Tage. Er ist der Grund, auf dem wir stehen und die Kraft, aus der wir leben. "Ich erinnere euch an das Evangelium, an das Evangelium von der Auferstehung, denn Christus ist gestorben und er ist auferweckt worden."

  • August 10 · 66 hr 56 min

    Das Ewige Leben ist eine Einladung / Morgenimpuls mit Pfarrer Stefan Wißkirchen

    Es ist schön, etwas zu wissen, es ist gut gebildet und intelligent zu sein. Immerhin gehen wir in die Schule, um das zu fördern. Schön und gut - und zugleich aber auch gefährlich, denn das cleverste Argument wird bedenklich, wenn es nur dazu dient, Recht zu haben und nicht dazu, in der Wahrheit zu leben. Manchmal drehen wir die genialsten Gedankenoperationen, nur um einer einzigen Frage aus dem Weg zu gehen: Wer bin ich? Bei den Sadduzäern, der Elite im Israel der Zeit Jesu, scheint es ein wenig so gewesen zu sein. Sie streiten gerne, aber nicht, weil ihnen wirklich etwas am Glauben liegt, möchte man ihnen zumindest unterstellen, sondern weil es ihnen um Macht, Einfluss und den Schein geht. Glaubensinhalte selbst sind nebensächlich, Werte sind wichtig, das Drumherum nicht. Und dazu gehörte auch die Vorstellung von der Auferstehung. Für sie bedeutete ewiges Leben nur, dass es nach dem Tod irgendwie weiter geht wie bisher, nur ohne Ende. Jesus aber denkt anders. Für ihn ist jeder Mensch wertvoll, wertvoll ist, dass wir in Beziehungen leben und lieben, dass wir leben und geliebt werden. Ewiges Leben ist nicht etwas, das wir uns durch tugendhaftes oder werteorientierendes Handeln verdienen. Nein, Ewiges Leben ist geschenkte Beziehung, es ist die Einladung an jener Welt teilzuhaben, an der Auferstehung, an Gott selbst, dem Ewigen. Vielleicht öffnet das die Frage nach Glauben und Werten noch einmal neu. Macht es Sinn gut zu handeln, wenn es kein Ewiges Leben gibt, keine Verantwortung, keinen Gott, der über uns wacht? Die Botschaft Jesu ist klar, Leben ist nicht einfach nur ein immer „Weiter so“, es ist endlich und vollendet. Und wir? Wir sind eingeladen, es in dieser Wahrheit zu leben, nicht nur für uns selbst, sondern in Beziehung zu Gott und untereinander.

  • August 9 · 63 hr 3 min

    Gott ist wie ein Sonnenschirm / Morgenimpuls mit Vanessa Grbavac

    Unterm Sonnenschirm wird man trotzdem braun. Das sage ich hier zuhause ständig. Man muss sich ja nicht mitten in die pralle Sonne setzen. Wobei manche das trotzdem lieben. Stundenlang. Ohne Schatten. Ohne Sonnencreme. Und hinterher wundern sie sich über den Sonnenbrand. Den man immer erst viel später nach dem Sonnenbaden bemerkt. Ganz ohne Schutz — das ist eben doch gefährlich. Und manchmal denke ich: Mit Menschen ist das ähnlich. Es gibt Menschen, bei denen man sich sicher fühlt, ohne dass sie einen einengen. Die nicht alles von einem fernhalten. Aber die trotzdem da sind. Wie ein Sonnenschirm eben. Die Sonne ist noch da. Das Leben auch. Der Stress. Die Fragen. Die Verletzungen. Aber es trifft einen nicht ganz so ungeschützt. Manchmal merken wir allerdings erst spät, wie sehr wir so einen Schutz eigentlich brauchen. Weil wir lieber stark wirken wollen. Weil wir denken, wir müssten alles alleine schaffen. Oder weil wir Angst haben, anderen zur Last zu fallen. Und dann gibt es diese stillen Menschen, die einfach bleiben. Die nicht sofort Lösungen haben. Aber Nähe. Ruhe. Aufmerksamkeit. Vielleicht können Menschen füreinander genau das sein: ein bisschen Schatten in zu großer Hitze. Und vielleicht ist das auch der Gedanke hinter den Schutzpatronen. Menschen, die selbst geglaubt haben, dass sie getragen und beschützt sind von Gott. Nicht vor allem bewahrt. Aber eben nicht allein. Ich glaube nämlich: Wer sich selbst beschützt weiß, kann oft auch andere besser beschützen. Nicht perfekt. Nicht immer stark. Aber da. Vielleicht ist Glaube manchmal genau das. Nicht die Sonne verschwindet. Aber jemand achtet darauf, dass wir nicht verbrennen.

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