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Woher stammt die "Quarantäne"? Wie entsteht ein Schwarzes Loch? Warum fallen Wolken nicht vom Himmel? SWR Redakteur Gábor Paál und Gäste aus der Wissenschaft erklären im Wechsel jeden Tag ein kleines Stückchen Welt. Texte unter http://1000-antworten.de
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Episodes702

  • February 8 · 3 min

    Warum gelten Europa und Asien als zwei Erdteile, wo es doch ein Kontinent ist?

    Streng genommen hängt auch noch Afrika am eurasischen Kontinent. Die beiden sind zwar durch den Suezkanal getrennt, aber der künstliche Kanal spaltet ja nicht die geologische Landmasse. Es gibt somit keine natürliche Grenze zwischen Afrika und Asien. Trotzdem ist die Landbrücke zur Sinai-Halbinsel sehr schmal, insofern ist es nicht abwegig, Afrika als eigenen Kontinent zu betrachten. Anders ist es mit Europa und Asien – das ist eine große Landmasse. Warum spricht man dann von zwei Erdteilen? Siegreiche Griechen grenzten sich von den "Barbaren" jenseits der Ägäis ab Die Unterscheidung begann vor etwa 2.500 Jahren und geht zurück auf das Weltbild der alten Griechen. Und nicht nur auf ihr Weltbild, sondern vor allem auf das Bild, das sie von sich selbst hatten. Die Griechen sahen sich als die Tüchtigen, die Gerechten, vor allem: die Demokraten. Es gab einen Verfassungsstaat und die demokratischen Strukturen der griechischen Polis. Doch dann erschütterte ein wichtiges Ereignis die griechische Gesellschaft: die Perserkriege zu Beginn des 5. Jahrhunderts vor Christus. Die Griechen waren zwar von ihrer Mannstärke her wesentlich schwächer, dennoch gelang es ihnen, die Perser zu besiegen – und zwar in den großen Schlachten von Marathon und Salamis. Für die griechischen Geschichtsschreiber war das ein Sieg der Griechen gegen die Barbaren. Da die Perser aus dem Osten über Anatolien kamen, war das für die Griechen der Anlass, in der Ägäis, also zwischen Griechenland und Anatolien, eine fundamentale Grenze zu ziehen und alles jenseits der Ägäis als den Erdteil der Barbaren zu betrachten. "Asien" geht vermutlich auf das assyrische Wort für "Osten" zurück Woher der Name Asien genau kommt, ist unklar, vermutlich stammt er aus dem assyrischen Wort für Osten, die Richtung des Sonnenaufgangs, also im Grunde das Pendant zum Wort Orient. Europa/Asien, Okzident und Orient – das hat alles in dieser Zeit seine Wurzeln. Der antike Historiker Herodot konstruierte daraus ein Weltbild mit drei Erdteilen: Europa, Asien und das, was er als Libyen bezeichnete, man heute aber Afrika nennt. Die Grenze zwischen Europa und Asien ließ sich aus Sicht der griechischen Geografen leicht festmachen: Sie verlief am Bosporus, also entlang der Verbindung zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer, durch das Schwarze Meer und schließlich vom Ostrand des Schwarzen Meers durch den Kaukasus hinüber zum Kaspischen Meer. Die Griechen gaben sich damit zufrieden. Herodot war auch überzeugt, dass Europa von allen drei Kontinenten der größte sei, womit er natürlich völlig daneben lag. Heutige Definition: Ural bildet Grenze zwischen Europa und Asien Die griechischen Geografen wusste schon, dass nördlich vom Schwarzem Meer, also ím heutigen Russland, Europa nahtlos in Asien übergeht, aber das störte sie nicht. Die Gegend war so weit weg, dass sie sich damit nicht näher befasst haben. Nach heutiger Definition gilt der Ural als die russische Grenze zwischen Europa und Asien. Doch diese Definition ist viel jünger. Der Ural war schlicht und einfach die Ostgrenze des russischen Reiches im 18. Jahrhundert. Die Grenze zwischen Europa und Asien wurde also erst nach und nach definiert. Nach den Perserkriegen vor 2.500 Jahren wurde sie am Bosporus gezogen, dann bald auch am Schwarzen und Kaspischen Meer. Der Ural dagegen wurde erst vor 200 Jahren zur Innerkontinentalgrenze. Elbrus oder Mont Blanc: höchster Berg Europas im Kaukasus statt in den Alpen? Im Kaukasus gibt es bis heute keinen eindeutigen Grenzverlauf zwischen Europa und Asien, auf den sich alle einigen könnten. Die Konsequenz: Es ist nicht klar, wo der höchste Berg Europas steht. Der Mont Blanc in den Alpen ist 4.809 m hoch. Der Elbrus im Kaukasus allerdings 5.642 m. Da man sich aber nicht einig ist, ob der Elbrus in Europa oder in Asien liegt, ist auch die Frage, wo der höchste Berg Europas liegt, nicht geklärt. Übrigens hat bereits Herodot vor 2.500 Jahren bezweifelt, ob diese willkürlich gezogenen Grenzen zwischen Europa und Asien wirklich sinnvoll sind. Für ihn waren es einfach Konventionen bzw. Definitionen, die man nicht überinterpretieren dürfe.

  • February 7 · 4 min

    Was macht schöne Landschaften aus?

    Wasser und Vegetation sind attraktiv Experimentell kann man zeigen, dass Menschen sich vor allem von solchen Landschaften angezogen fühlen, die Wasser und Vegetation enthalten: Die Nähe zu Flüssen, Seen, aber auch zum Meer ist also hochattraktiv. Menschen verbringen gerne Zeit am Wasser. Das zeigt sich auch daran, dass an Seen oder am Meer die Grundstückspreise umso höher sind, je näher die Häuser am Wasser stehen. Das andere ist Vegetation. Die spielt auch da eine Rolle, wo wir gar nicht über Naturlandschaften reden, sondern z.B. über Städte. Wenn man Leuten Fotos aus Innenstädten zeigt, dann ist der wichtigste Faktor, ob ihnen der Ort gefällt, der Punkt: Gibt es Pflanzen oder nicht? Man kann spekulieren, dass diese Vorlieben Relikte aus der Evolution stammen: Schließlich waren unsere frühen umherziehenden Vorfahren gut beraten Orte zu suchen, an denen es Wasser gab und Vegetation, sodass sie zu Essen und zu Trinken hatten. Ideal: halboffene Parklandschaften Stellt sich die Frage: Welche Art von Vegetation? Denn zumindest in unseren Breiten wächst ja praktisch überall etwas, wo es keine Städte gibt. Vegetation allein sagt also noch relativ wenig. Soll es Wald sein? Oder lieber Wiese? In den 1980er-Jahren gab es dazu Untersuchungen. Die kamen zu dem Ergebnis, dass es die Mischung macht. Optimal sind also halboffene Parklandschaften, in denen es ein paar Bäume oder Wald gibt, aber daneben auch offene Flächen mit freier Sicht. Dass Parklandschaften so gestaltet werden – dass sie offene und geschlossene Elemente kombinieren – ist ein Beleg dafür, dass Menschen das mögen. Auch hierzu gibt es verschiedene Ideen, warum das so ist. Eine Theorie aus den 1980er-Jahren behauptete, der Mensch würde in diesen Parklandschaften seine Urheimat wiedererkennen, die ostafrikanische Savanne. Diese Hypothese kursierte als "Eden-Theorie" – Parklandschaften seien sozusagen die paradiesische Urlandschaft des Menschen. Beweisen lässt sie sich das allerdings nicht – und es spricht auch einiges dagegen: Der Mensch hat sich ja in den letzten hunderttausend Jahren über die Erde ausgebreitet und sich allen möglichen Natur­räumen angepasst, auch genetisch. Die Hautfarbe hat sich verändert, die Behaarung. Aber gleichzeitig sollen wir noch immer eine gene­tisch vererbte Vorliebe für Savannenlandschaften in uns tragen, nur weil unsere frühen Vorfahren da vor mehr als 100.000 Jahren gelebt haben? Das klingt unwahrscheinlich. Wichtig: Überblick und Rückzugsraum Man kann diese Vorliebe auch gut anders erklären. Genau diese Landschaften, die offene und geschlossene Elemente kombinieren, verbinden zwei Bedürfnisse: Nämlich das Bedürfnis, eine Übersicht zu haben, weiter zu gucken als nur bis zum nächsten Baum. Gleichzeitig aber auch einen Rückzugsraum zu haben, der ein Stück Geborgenheit vermittelt. Flächen, die nach allen Seiten offen sind, empfinden wir oft als wüst und leer. Umgekehrt ist es nicht so reizvoll, mitten im Wald zu stehen, wo es gar keinen offenen Blick gibt. Als schön da­gegen empfinden wir Gebirgsperspektiven mit weitem Blick ins Tal, aber verschlossener Perspektive zum Hang. Oder offene Flächen mit vereinzelten Baumgruppen, Oder einen Küstensaum, an dem man einen Blick aufs offene Meer hat, und zugleich das Fest­land, in Form von Dünen oder Klippen, im Rücken. Der US-amerikanische Geograph Yi Fu Tuan hat mal von einer Kombination aus Space und Place gesprochen. Space bezeichnet im englischen einen offenen Raum, Place dagegen ist eher ein "Ort mit geschlossenen Perspektiven". Und Yi Fu Tuan sagte: "Place is security, space is free­dom". Also: Die geschlossenen Perspektiven stehen für Sicherheit und den "eigenen Raum", die offenen Perspektiven stehen für Freiheit. Wasser, Vegetation und die Kombination aus Space und Place – das sind also Landschaftsmerkmale, die Menschen überall auf der Welt gefallen. Daneben kommt es natürlich auch darauf an, was wir mit einer Landschaft verbinden, welche Erinnerungen wir mit ihr verknüpfen. Das ist individuell unterschiedlich. Wüste und Antarktis: faszinierend, aber nicht alltagstauglich Außerdem muss man immer den Kontext sehen: Viele Menschen faszinieren zum Beispiel Wüsten oder die Antarktis. Oder das Hochgebirge. Aber diese Landschaften sind vor allem toll, um mal dort gewesen zu sein und zum Fotografieren. Richtig heimelig, um dort zu leben nett spazieren gehen sind sie dann aber doch nicht. Und es gibt Landschaften, die toll aussehen, wenn man von oben draufguckt, zum Beispiel aus dem Flugzeug. Aber nicht unbedingt, wenn man mitten drin ist.

  • February 6 · 1 min

    Woher kommen "das blaue Wunder" und "das Blaue vom Himmel lügen"?

    Unliebsame Überraschung Beides hängt miteinander zusammen. Es geht bei dem Blau um die Farbe der Täuschung und gleichzeitig um die Farbe der Weite. Beides hat mit der Lüge zu tun oder auch damit, dass man in dieser Weite Überraschungen erleben kann, die gar nicht so selten unliebsame Überraschungen sind. "Sein blaues Wunder erlebe" wäre eben so eine unliebsame Überraschung – das ist ja fast immer als Drohung verwendet worden. Mein Vater jedenfalls sagte das so: "Du wirst noch dein blaues Wunder erleben!" Und das ist eben damit verbunden – dass es in der Weite diese unliebsame Überraschung geben kann. Vielleicht ist der Himmel ja doch nicht blau? "Das Blaue vom Himmel herunterlügen" hat auch mit der Täuschung zu tun, mit dem Unfassbaren. Es gibt aber noch eine Variante, die mir ganz gut gefällt. Die geht dahin, dass jemand so gut lügen kann, dass er den Himmel, der ja unzweifelhaft blau ist, so erscheinen lassen kann als wäre er nicht mehr blau. Man sagte das von den Sophisten schon – sie könnten so gut reden, dass sie das Weiße schwarz und das Schwarze weiß reden könnten. Insofern bin ich zuversichtlich, dass das auch da hineingespielt hat. Und Sie kennen vielleicht das Diktum: "Lieber einen Freund als eine Pointe verlieren."

  • February 5 · 7 min

    Kann man das Immunsystem trainieren?

    Die Frage klingt einfach, und viele würden intuitiv sagen: Na klar! Man kann sich "abhärten", wie es so schön heißt. Wenn man häufig an die frische Luft gehe oder sich immer wieder mal Erregern aussetze, stärke das das Immunsystem. Doch so einfach ist es nicht, denn man muss zwei Sachen unterscheiden: Kontakt mit Erregern stärkt Immunabwehr Unstrittig ist, dass der Kontakt mit einem Erreger – wenn man ihn übersteht – die Immunabwehr gegen diesen speziellen Erreger stärkt. Wer eine Maserninfektion überlebt hat, ist in der Regel ein Leben lang gegen das Masernvirus immun. Und wenn man sich im Alltag einer Vielzahl schwacher Erreger aussetzt, die das Immunsystem immer ein bisschen herausfordern, aber nicht wirklich krank machen, dann entwickelt das Immunsystem gegen diese Erreger eine Abwehrroutine. Auch Impfungen beruhen auf diesem Prinzip. Sie stimulieren das Immunsystem, ohne es zu überfordern, nur eben immer gegen bestimmte Erreger. Immungedächtnis ist erregerspezifisch Aber schon die jährliche Grippeimpfung zeigt das Problem: Man muss sie jedes Jahr erneuern lassen, weil sich der Erreger verändert. Die Immunität, die mir die Impfung letztes Jahr verschafft hat, ist also nächstes Jahr schon wieder hinfällig, weil der Erreger sich bis dahin verändert und mein Immungedächtnis dann nicht mehr greift. Dieses Immungedächtnis ist also immer erregerspezifisch. Weder eine Masern-Infektion, noch eine Grippeschutzimpfung führt zu einer allgemeinen Stärkung meines Immunsystems. Beide schützen mich nur vor dem speziellen Erreger, dem ich ausgesetzt war. Der Mechanismus dahinter ist schon lange bekannt. Er funktioniert über die adaptiven – also anpassungsfähigen – Immunzellen: die sogenannten B-Zellen und T-Zellen. Diese Zellen passen sich der Oberfläche des speziellen Erregers an und wehren ihn ab. Die B-Zellen produzieren bei Kontakt mit einem Erreger die geeigneten Antikörper. Angeborene kurzlebige Immunzellen reagieren auf breites Erregerspektrum Die Frage ist nun: Gibt es neben dieser erregerspezifischen Abwehr auch so etwas wie einen allgemeinen "Trainingseffekt" der Immunabwehr? Was man bisher weiß: Irgendwelche Effekte dieser Art gibt es. Das bestätigt der Immunologe Andreas Wack vom Francis Crick Institute in London. Die ersten Hinweise habe es im Zusammenhang mit dem Tuberkulose-Impfstoff BCG gegeben. Es wurde schon vor Jahrzehnten gezeigt, dass Kinder, die mit diesem Impfstoff geimpft worden sind und damit nur spezifisch einen Schutz gegen Tuberkulose haben sollten, auch andere Infektionskrankheiten weniger bekommen haben. Und man versteht bisher noch nicht so richtig, wie das funktioniert. Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London Ein Erklärungsansatz ist: Es gibt neben den anpassungsfähigen und damit erregerspezifischen Immunzellen – also den B- und T-Zellen – auch angeborene Immunzellen, die nicht spezialisiert sind und auf ein breites Erregerspektrum reagieren. Die produzieren zum Beispiel Botenstoffe wie die Interleukine, die auf sehr unterschiedliche Erreger reagieren. Wenn eine solche Immunzelle einen Erreger abwehrt, werden in ihrem Erbgut, bildhaft gesprochen, bestimmte Schalter aktiviert: Die DNA wird also epigenetisch verändert und produziert deshalb mehr von diesen Interleukinen, so die Idee. Der Haken an dieser Vorstellung ist, dass diese angeborenen Immunzellen sehr kurzlebig sind. Sie erneuern sich alle ein bis Tage. Diese Art der verstärkten Immunabwehr kann deshalb nicht lange anhalten. Ein nachhaltiger Trainingseffekt lässt sich mit diesen Zellen also nicht erklären. Training des Immunsystems durch epigenetisch geprägte Zellen Wenn die Zelle zwei Tage später nicht mehr im Blut ist, ist das natürlich relativ hinfällig. Deshalb war der nächste Schritt zu sagen: Vielleicht ist diese Prägung nicht in den Zellen selbst, sondern in ihren Vorläuferzellen? All diese Zellen werden im Knochenmark gebildet, und die Annahme war und ist, dass es Prägungen schon im Knochenmark gibt, die dann dafür sorgen, dass alle neuen Zellen, die von diesen Vorläuferzellen erzeugt werden, diese epigenetische Prägung mitbringen und deshalb stärker reagieren. Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London Das ist der Mechanismus, der in der Wissenschaft tatsächlich als Training des Immunsystems bezeichnet wird. Studien aus den vergangenen Jahren konnten ihn auch belegen. Forschung untersucht die Rolle der Makrophagen Es gibt aber auch andere Erklärungsansätze. Andreas Wack etwa erforscht die Rolle von Makrophagen in der Lunge. Makrophagen sind körpereigene Zellen, die Bakterien vernichten können. Auch sie werden dem angeborenen Immunsystem zugerechnet. Diese Zellen sind nicht kurzlebig, sondern wenn sie einmal in der Lunge sind, sind sie relativ langlebig. Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London Wacks Experimente mit Mäusen ergaben Folgendes: Werden die Mäuse mit einem Grippevirus infiziert und machen die Grippe durch, haben sich die Makrophagen in der Lunge hinterher verändert. Anstelle der ursprünglichen, für Erreger harmlosen Makrophagen, finden sich Makrophagen, die von weißen Blutkörperchen aus dem Blut abstammen. Und diese neuen Zellen reagieren viel stärker auf Erreger aller Art als ihre Vorgänger. "Das führte dazu, dass für Monate nach der Grippeinfektion diese Mäuse eine hochreaktive Population von Makrophagen hatten, die besser geschützt hat gegen Pathogene, die nichts zu tun hatten mit dem ursprünglichen Grippevirus." So hatten die Mäuse einen Monat nach ihrer Grippe eine deutlich bessere Immunabwehr gegen Streptokokken. Und das sind wirklich zwei komplett verschiedene Erregertypen: Auslöser der Grippe sind Viren. Streptokokken dagegen sind Bakterien. Trotzdem hat die eine Infektion zu einer besseren Abwehr gegen die andere geführt. Das klingt merkwürdig, denn im Alltag passiert ja oft das Gegenteil: Man hat eine Virusinfektion – eine Erkältung – und dann setzt sich noch eine hartnäckige Bakterieninfektion obendrauf – sei es eine Nebenhöhlen- oder gar eine Lungenentzündung. Deshalb ist eine Grippe gerade für ältere Menschen oft so gefährlich. Wie kann dann aber in den Experimenten eine Grippeinfektion vor Bakterien schützen? Das hat damit zu tun, dass der Zeitraum, von dem wir hier sprechen, völlig verschieden ist. Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London Bei den Mäusen im Experiment kam die Bakterieninfektion nicht sofort dazu, im Gegenteil. Die Mäuse haben sich erst gründlich von der Grippeinfektion erholt. Dann aber ist die Situation eine ganz andere und ihr Immunsystem ging tatsächlich gestärkt daraus hervor – sowohl gegen andere Viren als auch gegen Bakterien. Die Erklärung hierfür waren in dem Fall die neu gebildeten Makrophagen in der Lunge. Erklärungen zum "Training des Immunssystems" sind wissenschaftlich komplex Es gibt mittlerweile noch eine ganze Menge mehr Vorschläge, wie dieses Training des Immunsystems funktionieren könnte. Und es wird sicher noch ein paar Jahre wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis da ein bisschen Klarheit in die Geschichte kommt, welche dieser Mechanismen wirklich relevant sind und welche nicht so sehr. Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London Das zeigt: "Das Immunsystem trainieren" sagt sich leicht und klingt plausibel – doch zu erklären, was da genau passiert, ist wissenschaftlich eine harte Nuss. Und das Bild vom "Training" kann auch in die Irre führen. Denn das Wort ist in unserem Sprachgebrauch positiv besetzt, Training ist etwas Gutes. Das ist es aber in dem Fall nicht unbedingt. Wenn das Immunsystem dazu gebracht wird, stärker auf Erreger zu reagieren, kann das auch zu Überreaktionen führen. Angenommen, in der Lunge sind schon chronisch entzündliche Prozesse im Gang, dann kann eine Infektion und der dadurch ausgelöste "Trainingseffekt" solche chronischen Erkrankungen noch verschlimmern. Das kennt jeder Asthmatiker, dass virale Infektionen der Atemwege das Asthma ganz massiv verschlimmern können. Und wir gehen davon aus, dass es nicht nur die akute Antwort auf diese Infektion ist, sondern auch dieser Zufluss von hochreaktiven Zellen, die dann langfristig in der Lunge bleiben. Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London

  • February 2 · 2 min

    Wird unsere Gesundheit von Wasseradern beeinflusst?

    Keinerlei Belege für geheimnisvolle Erdstrahlen Die Behauptung ist das Geschäftsmodell von Wünschelrutengängern. Angeblich reagieren ihre Wünschelruten auf geheimnisvolle Erdstrahlen, die von Wasseradern ausgehen. Dafür gibt es aber keinerlei Belege. Und zwar auf allen Ebenen. Weder wurden die behaupteten Strahlen physikalisch nachgewiesen, noch gibt es einen wissenschaftlichen Erklärungsmechanismus, wie sie überhaupt zustande kommen sollen: Warum sollte fließendes Wasser eine Strahlung aussenden – noch dazu eine, die einerseits so stark ist, dass sie unseren Körper nachhaltig beeinträchtigen würde, andererseits aber von keinem noch so sensiblen Messgerät erfasst wird. Wasser bewegt sich fast überall flächenhaft – nicht in "Adern" oder "Gittern" Man kann spekulieren, dass es Phänomene gibt, die die Wissenschaft nicht messen kann. Doch die Wissenschaft kann eindeutig feststellen, wo im Boden Wasser fließt. Und Wasser bewegt sich nun mal in der Regel nicht in Form von "Adern" oder "Gittern" durch den Untergrund, sondern fast überall flächenhaft. Deshalb ist es auch kein Wunder, wenn Wünschelrutengänger im Untergrund Wasser finden – es ist nun mal da. Wenn Sie auf einer großen Wiese stehen und ein Loch graben, werden Sie früher oder später immer auf Wasser stoßen, das auch überall mehr oder weniger gleich tief fließt – das beschränkt sich nicht auf eine Linie. Es gibt keine Striche in der Landschaft, wo Wasser fließt und drum herum nicht. Geologische Ausnahmefälle in Karstgebieten Das kann mal in geologischen Ausnahmefällen vorkommen, etwa in Karstgebieten, wo es unterirdische Flüsse gibt, die in unterirdischen Höhlen und Hohlräumen fließen. Aber die existieren nur in Gebieten, wo der Untergrund aus Kalkstein besteht oder aufgrund von Verwerfungen extrem zerklüftet ist. Doch selbst an solchen Stellen fließt das Wasser recht tief unter der Erdoberfläche. Wenn es wirklich so wäre, dass von solchen Flüssen eine Gesundheitsgefahr ausgehen würde, müssten die Strahlen extrem intensiv sein. Dann müsste man gleich alle Tropfsteinhöhlen schließen, die von solchen Bächen durchflossen werden. Macht man aber nicht – eben weil niemand über solchen Flüssen irgendwelche besonderen Strahlen oder Felder gemessen hat. Wenn es sie wirklich gäbe, würden sie übrigens auch nicht nur senkrecht nach oben "strahlen", sondern radial in alle Richtungen – dann könnte man gleich weite Teile der Schwäbischen Alb evakuieren. Aber wie gesagt, solche Strahlen oder Felder wurden nie gemessen oder beobachtet.

  • February 2 · 2 min

    Jemandem "was vom Pferd erzählen" – Woher kommt das?

    Griechen greifen im Trojanischen Krieg zu einer List Die Redensart geht zurück auf eine der berühmtesten Geschichten des Altertums, nämlich den Trojanischen Krieg und das Trojanische Pferd, Stichwort: Odysseus. Die Griechen kämpften damals gegen Troja und lange sieht es gar nicht gut für sie aus. 10 Jahre lang mühen sie sich ab und verschleißen ihre Krieger. Dann fällt ihnen ein: Wir sind ja nicht nur stark, sondern auch listig! Und so denkt sich einer von ihnen die Sache mit dem Pferd aus. Vielleicht war’s auch Odysseus selbst – da gehen die Zeugenberichte aber auseinander. Jedenfalls bauen sie das große Holzpferd, stellen es vor Troja am Strand ab und tun so, als machten sie sich mit einem lauten "Wir sind dann mal weg!" endgültig aus dem Staub. Sinon veräppelt die Troer Ein Grieche bleibt jedoch zurück, nämlich Sinon. Und als die Troer an den Strand kommen, verlangt das natürlich nach einer Erklärung: Was soll denn dieses komisches riesige Holztier? Daraufhin stellt sich Sinon hin und erzählt ihnen was vom Pferd. – Ja, die Redewendung kommt genau aus dieser Geschichte. Er erzählt ihnen also: Das ist ein Opfergeschenk für die Göttin Athene, damit die ihnen eine sichere Heimfahrt gewährt. Aber, fügt Sinon hinzu, aufpassen! Wer das Pferd zerstört, wird mit großem Unglück bestraft. – Aber warum ist das Pferd so groß, wollen die Troer wissen. – Ist doch klar, erklärt Sinon: Wer das Pferd besitzt, wird von Athene beschützt. Die Griechen hätten es deshalb so groß gebaut, damit es nicht durch die trojanischen Stadttore passe. – So, so, sagen die Troer. Das wollen wir doch mal sehen. – Und komisch: Es passt doch durch das Stadttor. Nicht mal Kassandras Warnung kann die Troer retten Die Troer sind jetzt so scharf auf dieses Pferd, dass sie alle Warnungen in den Wind schlagen. Selbst die Warnung von Prinzessin Kassandra. Die hat kein gutes Gefühl und ruft ihnen zu: Lasst es! Das Pferd stürzt uns ins Verderben! Quelle: Ruf der Kassandra Doch dieser Kassandraruf – ja, auch der stammt aus dieser Geschichte – verhallt ungehört. Troer lassen sich hereinlegen – das bedeutet Trojas Ende Und dann kommt es, wie es kommen muss: Nachts brechen die im Pferd versteckten Griechen aus und öffnen die Stadttore für ihre Kampfgenossen. Die sind heimlich zurückgekommen und dieser heimtückische Überraschungsangriff bedeutet schließlich das Ende von Troja. Die Geschichte hätte nicht funktioniert, wenn es nicht diesen einen Griechen, Sinon, gegeben hätte, der auf die Bewohner Trojas gewartet und ihnen etwas vom Pferd erzählt hat.

  • February 1 · 2 min

    Woher wusste der Polarforscher Roald Amundsen, dass er am Südpol ist?

    Sonnenstand beobachten Gar nicht so einfach: Man stapft da durch die Antarktis, überall ist Eis, überall ist es kalt, es gibt keine Landkarten und ein GPS hatte der gute Mann auch noch nicht. Und dann gibt es nicht mal wie am Nordpol so etwas wie einen Polarstern. Einen deutlichen Stern, der ziemlich genau über dem Pol steht, gibt es am Südpol nicht. Das einzige, was man hat, ist die Sonne. Was kann man mit der Sonne anfangen? Bei uns in Mitteleuropa ist es relativ einfach: Man misst einfach mittags um 12 Uhr den Sonnenstand. Wenn man weiß, was für ein Tag ist, kann man in Tabellen nachschauen und zumindest schnell feststellen, auf welchem Breitengrad man sich befindet. Das war für Amundsen nicht so einfach, denn die Tabellen gab es zwar. Allerdings ist der Begriff "Uhrzeit" am Südpol ziemlich sinnlos, weil an den Polen alle Längengrade zusammenlaufen und damit auch alle Zeitzonen zusammenfallen. Das macht sich auch ganz praktisch bemerkbar: Die Sonne bleibt den ganzen Tag auf gleicher Höhe. Die Pole sind ja die Punkte, durch die die Erdachse geht. Und wenn sich die Erde um die Achse dreht, sind die Pole die einzigen Punkte, die an der gleichen Stelle bleiben. Sie drehen sich um sich selbst, aber sie verändern ihre Position gegenüber der Sonne nicht. Deshalb steht die Sonne während eines Tages die ganze Zeit weitgehend auf gleicher Höhe. Ein bisschen geht sie aber doch rauf oder runter, und zwar abhängig davon, ob es gerade Winter wird oder Sommer. Das ist wie bei uns: Bei Sommerbeginn steht die Sonne am höchsten, bei Winteranfang am niedrigsten. Das ist am Südpol auch so – nur eben mit dem Unterschied, dass bei uns die Tagesschwankungen dazu kommen, während es am Südpol, was den Sonnenstand betrifft, nur das Auf und Ab von Sommer und Winter gibt und sonst nichts. Das bedeutet: Im Winter ist die Sonne am Südpol ein halbes Jahr lang gar nicht zu sehen, weil sie gar nicht erst aufgeht. Roald Amundsen brauchte einen Sextanten Die Ausgangslage macht deutlich: Amundsen musste den Sonnenstand messen. Das macht man mit einem Sextanten. Das ist ein Gerät, mit dem man messen kann, in welchem Winkel die Sonne über dem Horizont steht. Das hat Amundsen immer wieder gemacht um festzustellen, wo die Sonne insgesamt am niedrigsten steht. Dorthin ist er gegangen, um an diesem Punkt noch mal festzustellen, dass sich dort die Sonne tatsächlich im Lauf eines Tages kaum bewegt bzw. nur unmerklich auf oder ab, aber eben nicht innerhalb eines Tages sowohl rauf als auch runter. Da hat er dann tatsächlich drei Tage gemessen, rund um die Uhr. Die Messergebnisse kann man heute übrigens noch nachlesen in Amundsens Reisebericht. Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, dann sieht es so aus, dass sich Amundsen zumindest in einem Radius von 2 Kilometern vom exakten Südpol aufgehalten hat. Bei seinen Teamkollegen Olav Bjaaland und Helmer Hansen kann man den Radius sogar auf 100 Meter um den Südpol eingrenzen. Das geht aber alles nur über den Sextanten.

  • January 31 · 4 min

    Was war das Milgram-Experiment?

    Das Milgram-Experiment räumte auf mit unseren klassischen Vorstellungen von Gut und Böse. Es hat gezeigt, dass selbst normale Menschen leicht ihre Hemmungen abstreifen, was die Anwendung von Gewalt betrifft. Dazu müssen sie noch nicht einmal angegriffen werden oder in einer außergewöhnlichen Zwangslage sein. Es genügt manchmal, wenn jemand freundlich, aber bestimmt den Ton angibt. Die Ergebnisse des Experiments erschienen 1963 in einer Studie unter dem Titel "Eine Verhaltensstudie über Gehorsam". Warum waren die Verbrechen des Nationalsozialismus möglich? "Der Anlass des Experiments waren die schrecklichen Vorkommnisse in Deutschland, wo viele Menschen im Nationalsozialismus unglückselige Verbrechen begangen haben. Man fragte sich: Hat das etwas zu tun mit der Persönlichkeit der Menschen? Sind die Deutschen viel schlechtere Menschen als andere Menschen? Oder hat es zum Teil auch mit der Situation zu tun?" ... erläutert die Mannheimer Sozialpsychologin Dagmar Stahlberg. 40 Versuchspersonen wurden von Stanley Milgram ausgewählt, normale Menschen. Ihnen wurde gesagt, es gehe um ein Lernexperiment. Und sie seien der Lehrer, der einer anderen Person – dem Schüler – etwas beibringen müsse. Es gehe um ein Gedächtnisexperiment mithilfe von Elektroschocks. Die Schüler sollten sich Wortpaare einprägen und dann wiedergeben. Wenn sie sie falsch wiedergeben, sollten sie mit Elektroschocks bestraft werden. Alles klar? Alright Teacher, will you take the test and be seated in front of the shock generator in the next room? Quelle: Milgram-Experiment (nachgestellte Szene) 60 Prozent der "Lehrer" verpassen Elektroschocks von bis zu 450 Volt Mit jeder falschen Antwort wurde die Stromspannung um 15 Volt erhöht. Das heißt, sie wurde fiktiv erhöht. In Wirklichkeit war der Schüler nämlich gar kein Schüler, sondern ein Schauspieler, der sich so verhielt, wie man es nun mal tut, wenn man Elektroschocks verpasst bekommt: Piep 75 Volt: kurzes Stöhnen. Piep 120 Volt: Schreien Piep 150 Volt: Bitte um Abbruch des Experiments. Die sogenannten Lehrer beginnen, unsicher zu werden. I’m not gonna hurt. I’m not gonna be responsible for this. Quelle: "Lehrer" im Milgram-Experiment (nachgestellte Szene) Aber der Experimentator weist sie ruhig, jedoch bestimmt an, weiter zu machen. I’m responsible. Now, teacher, continue. Quelle: Experimentator im Milgram-Experiment (nachgestellte Szene) Piep 200 Volt: Die "Schüler" schreien entsetzlich. Teacher, continue please, the experiment requires that you go on. Now go on, please. Quelle: Experimentator im Milgram-Experiment (nachgestellte Szene) Und dann: Piep 300 Volt: Stille Dagmar Stahlberg: "Das überraschende Ergebnis der Studie war, dass über 60 Prozent der Teilnehmer an diesem Experiment bereit waren, bis zu 450 Volt zu gehen und zu diesem Zeitpunkt zum Teil annehmen mussten, dass die andere Person gar nicht mehr am Leben war oder zumindest ohnmächtig war. Und viele der Versuchspersonen sagten dann auch: "Ja, ich hätte mir vorstellen können, dass der wirklich ohnmächtig war oder sogar Schlimmeres."" Kaum Unterschiede zwischen Geschlechtern und Nationen Es gab bei den Versuchen keine wesentlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Das Experiment wurde später in anderen Kulturen wiederholt. Mit überall ähnlichem Ergebnis. Auch 1970 in München. Hier war die Zahl derer, die dem Versuchsleiter bis zuletzt gehorchten, sogar noch etwas größer. Dagmar Stahlberg: "Diese Experimente zeigen: Wir sind alle gefährdet. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass es immer auch Menschen gegeben hat, die nein gesagt haben. Die sich nicht haben anstecken lassen, die keinen Gehorsam gezeigt haben. Die Herausforderung ist zu sehen, wie man Menschen in den richtigen Situationen dazu bringen kann, nein zu sagen und ihnen das entsprechende Selbstbewusstsein und aber auch die Ideen mitzugeben." Variationen des Experiments Es gab Unterschiede im Versuchsaufbau: Wenn der sogenannte "Schüler" unsichtbar hinter einer Wand saß, war die Bereitschaft, bis zum Äußersten zu gehen größer, als wenn er im gleichen Raum war. Manchmal wurden auch zwei weitere angeblicher Co-Trainer hinzugezogen, die ab einem bestimmten Punkt Widerstand geleistet haben. Dies wiederum führte dazu, dass die Versuchsperson sich sehr viel stärker den Anweisungen des Versuchsleiters widersetzte. Nur noch 10 Prozent zogen dann die Qualen bis zu Ende durch. Widerstand wächst, wenn andere sich beteiligen Eine Erkenntnis, die heute genutzt wird, wenn es darum geht, Zivilcourage zu trainieren. Denn ob sexuelle Belästigung in der U-Bahn oder Übergriffe auf Ausländer – hier verhalten sich viele nicht anders als die Versuchspersonen bei Milgram. Dagmar Stahlberg: "Alle sagen: "Da würde ich sofort was tun!" Aber wenn Sie die Leute wirklich in die Situation bringen, haben Sie oft die Situation, dass keiner irgendwas tut." So lange, bis ein Erster kommt, der doch einschreitet. Dann wächst die Bereitschaft zum Widerstand. Auch das: wie bei Milgram. Die englischen Originaltöne stammen von einer US-amerikanischen Dokumentation zu Schulzwecken, in der das Experiment nachgestellt wurde.

  • January 30 · 4 min

    Ist der "Goldene Schnitt" ästhetisch das Maß aller Dinge?

    Goldener Schnitt lange Ideal in Kunst und Architektur Das wurde oft behauptet, aber das kann man so nicht sagen. Der Goldene Schnitt ist ein Zahlenverhältnis oder anders gesagt, eine Proportion, die eine Zeitlang als Ideal in der Architektur, aber auch in der Malerei galt. Diese Proportion gilt dann als golden, wenn sie eine ganz bestimmte Bedingung erfüllt. Dazu stellen wir uns eine Linie vor mit einem Anfangs- und einem Endpunkt. Diese Linie teilen wir in zwei Teile – nicht in der Mitte, sondern in einen längeren Abschnitt a und einen kürzeren Abschnitt b. Und zwar so, dass sich das Verhältnis von b zu a so verhält wie der längere Abschnitt a zur gesamten Linie: kurz zu lang gleich lang zu ganz. Es gibt nur eine Möglichkeit, das so zu teilen, nämlich wenn das Verhältnis 1:1,618 ist. In Wirklichkeit ist die Zahl unendlich lang, aber das ignorieren wir hier. Goldenes Rechteck Man kann das von einer Linie auch auf ein Rechteck übertragen: Bei einem Goldenen Rechteck haben Länge und Breite dieses Verhältnis. Um eine Vorstellung davon zu geben: Angenommen, wir haben eine quadratische Tafel Schokolade von vier Riegeln à vier Stückchen. Wir schneiden ungefähr zweieinhalb Riegel ab – ein kleines bisschen weniger – dann hat dieses Stück mit zweieinhalb Riegeln ungefähr das Format eines Goldenen Rechtecks. Und wenn ich dieses "Beinahe-zweieinhalb-Riegel"-Stück an eine intakte quadratische Schokolade dranhänge – dann hat das Gesamtgebilde wieder die gleiche Proportion. Diese Zahl 1,618… heißt auch ϕ – wie der griechische Buchstabe Phi. Mathematisch faszinierende Eigenschaften Warum wird um diese Zahl, den Goldenen Schnitt, so ein Hype gemacht? Das hat verschiedene Gründe: Die Zahl ist zwar krumm, aber sie hat faszinierend viele besondere mathematische Eigenschaften. Es geht mit Zahlenspielereien los. ϕ ist zum Beispiel die einzige Zahl, für die gilt: ϕ + 1 = ϕ² oder 1:ϕ = ϕ - 1. Und es gibt noch jede Menge mehr. Die Zahl ϕ kommt aber auch in Fünfecken oder im Pentagramm vor – also dem fünfzackigen Stern. Das Verhältnis von kurzen zu langen Linien entspricht hier ebenfalls dem Goldenen Schnitt. Man kann den Goldenen Schnitt sogar in natürlichen Formen finden, in Sonnenblumen oder manchen Kristallen. Und so gibt es noch viele weitere mathematischen Besonderheiten dieser Zahl. Spätes Mittelalter: "göttliche Proportionen" Im späten Mittelalter wurde der Goldene Schnitt zum ästhetischen Ideal erhoben; von der göttlichen Proportion war die Rede. Leonardo da Vinci hat da eine Rolle gespielt, aber auch andere. Auf jeden Fall wurde postuliert, dass Rechtecke, die dem Goldenen Schnitt entsprechen, dem menschlichen Auge besonders gefallen. In der Architektur war es vor allem Le Corbusier, der bei seinen Bauten dieses Zahlenverhältnis berücksichtigte. Allerdings war das reine Ideologie. Die Zahl hat zwar mathematisch faszinierende Eigenschaften – sie ist sozusagen mathematisch hochästhetisch. Aber das erschließt sich eben nur Leuten, die Spaß an Zahlen und Mathematik haben. Es gibt aber keinerlei Beleg, dass unser Auge beim Anblick golden geschnittener Rechtecke besonders entzückt wäre oder sie besser findet als andere. Gustav Theodor Fechner hielt Goldenen Schnitt für überschätzt Zu diesem Ergebnis kam übrigens schon der Vater der experimentellen Ästhetik, Gustav Theodor Fechner, im 19. Jahrhundert. Er hat das mit Versuchspersonen getestet und sein Ergebnis fasste er in den Worten zusammen, er könne "nicht umhin, den ästhetischen Wert des Goldenen Schnittes … überschätzt zu finden."

  • January 29 · 1 min

    Warum sind die Blätter an Jungtrieben heller?

    Weil in den Blättern der jungen Triebe die Zellen noch nicht voll ausgebildet sind. Das gilt vor allem für die grünen Zellbestandteile, die Chloroplasten, in denen das Chlorophyll eingelagert ist. Das wiederum liegt daran, dass die Zellen zum Aufbau der Chloroplasten Nährstoffe brauchen, vor allem Eisen und Mangan. Nährstoffe aus dem Wasser bleiben in den Blättern zurück Doch woher bekommen die Zellen in den Blättern die Nährstoffe? Sie bekommen sie vom Wasser – und zwar dem Wasser, das die Blätter ausdünsten. Das heißt, sie transpirieren das Wasser und die Nährstoffe bleiben in den Blättern zurück. Wenn Blätter jung und klein sind, verdunsten sie nicht so viel Wasser, also bleibt auch weniger Eisen und Mangan zurück. Diese Nährstoffe werden aber gebraucht, um die Chloroplasten auszubilden. Das bedeutet, dass die Blätter zunächst mit wenig Chlorophyll starten, entsprechend heller sind und nur wenig Photosynthese, also Stoffwechsel, betreiben können. Erst, wenn der Stoffwechsel in Gang kommt, wird mehr Wasser transpiriert. Es bildet sich mehr Eisen und Mangan und das Chlorophyll nimmt zu – und dann erst werden die Blätter dunkler.

  • January 28 · 2 min

    Bei einer Gürtelrose ist immer nur eine Hautpartie befallen – warum?

    Versteckte Windpocken-Viren Auslöser der Gürtelrose ist das Windpocken-Virus. Bei normalen Windpocken hat man Pusteln und Jucken auf der ganzen Haut, am ganzen Körper. Irgendwann gehen die Beschwerden zurück, aber die Viren bleiben weiter im Körper, ohne dass wir es merken. Sie gelangen von der Haut über Nervenfasern bis in die Ganglien – das sind Stellen, in denen sich Nervenzellkörper bündeln. Die Windpockenviren schlummern dann sozusagen in den Ganglien, ohne dass wir es merken. Das Rückenmark hat eine verblüffende Ordnung Einige wichtige Ganglien befinden sich direkt neben dem Rückenmark. Das ist die große Nerven-Leitungsbahn zwischen Gehirn und Körper-Peripherie. Das Rückenmark ist wiederum in Abschnitte unterteilt – jedem Wirbel kann man einen Abschnitt zuordnen. Zu jedem Abschnitt gehören zwei Ganglien, eins links und eins rechts. Aus jedem Ganglion wiederum kommen Nervenfasern, die die Muskeln steuern oder Reize von der Haut zum Rückenmark leiten. Und auch da gilt: Zu jedem Abschnitt im Rückenmark gehört ein bestimmter Hautbereich. Das heißt, man kann die komplette Haut des Körpers in ca. 30 Flächen unterteilen – die haben in der Regel die Form von dicken Streifen, und jeder dieser Streifen ist einem bestimmten Ganglion im Rückenmark zugeordnet. Die Viren nutzen ein schwaches Immunsystem aus Normalerweise spüren wir von den Viren nichts mehr. Aber manchmal werden sie eben doch wieder aktiv. Das passiert, wenn das Immunsystem geschwächt ist: bei Stress, wenn der Körper mit anderen Krankheiten beschäftigt ist oder auch bei einer AIDS-Erkrankung. Dann wandern die Viren vom Ganglion über die die Nervenfasern zurück zur Haut. Und weil ja jedem Ganglion ein Hautbereich zugeordnet wird, ist eben nur dieser eine Bereich voller Pusteln. Und weil es ein je Ganglion rechts und links gibt, ist auch nur eine Seite gürtelförmig betroffen.

  • January 27 · 2 min

    6 Millionen ermordete Juden – Woher stammt diese Zahl?

    Sechs Millionen Juden haben die Nationalsozialisten ermordet. Auch wenn Holocaust-Verharmloser diese Zahl immer wieder infage stellen, sie ist wissenschaftlich ziemlich gut gesichert. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sie zu ermitteln. Doch alle führen zu dieser Größenordnung: Sechs Millionen. Davon rund vier Millionen in Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Auschwitz oder Bergen-Belsen, zwei weitere Millionen durch Massaker in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten, vor allem im Russlandfeldzug. Adolf Eichmann prahlte mit hohen Zahlen Quelle Nr. 1 für diese Zahlen sind die eigenen Angaben des Hitler-Regimes. SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der die Deportationen organisierte, hat mehreren unabhängigen Zeugen zufolge mit diesen Zahlen geprahlt. Sie decken sich auch mit Zahlen aus Unterlagen der Gestapo. Und 1944 schrieben Zeitungen unter Berufung auf offizielle Zahlen, dass 5 Millionen Juden "ausgeschaltet" worden seien. Und das war noch ein Jahr vor Kriegsende! Wenn es nur die Nazis wären, auf die sich die Zahlen stützen, wäre natürlich Skepsis angebracht. Es könnte ja theoretisch sein, dass die Nazi-Propaganda die Zahlen übertrieben hat. Doch es gibt noch andere Quellen. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten 11 Millionen Juden in Europa Aus amtlichen Bevölkerungsstatistiken geht hervor, dass bis zum Krieg in Europa etwa 11 Millionen Juden lebten. Mit dieser Zahl rechneten übrigens auch die Organisatoren des Massenmords auf der Wannseekonferenz 1942, auf der die systematische Vernichtung der Juden geplant wurde. Spätere Zahlen nach dem Krieg ergaben, dass 5 Millionen europäische Juden den Holocaust überlebt haben. 11 Millionen hatte es gegeben, 5 Millionen überlebten – die Differenz auch hier: 6 Millionen. Forschungsprojekt bestätigt 1991 die Zahlen Diese Größenordnung bestätigte sich 1991. Damals, nach dem Fall der Mauer, begann das größte Forschungsprojekt zu dieser Frage. Unter der Leitung des Historikers Wolfgang Benz wurden gründlich die Volkszählungsdaten auch der osteuropäischen Länder ausgewertet. Benz errechnete auf diese Weise, dass mindestens 5,3 Millionen Juden ermordet wurden. Mindestens heißt: Das sind nur die absolut gesicherten Fälle. Doch viele Opfer sind dabei nicht berücksichtigt, und es bleibt eine Dunkelziffer. Zum Beispiel deshalb, weil viele Juden gar nicht registriert waren – etwa, weil sie sich nicht zum Judentum bekannten. Die aber den Rassegesetzen zufolge trotzdem als Juden galten und deshalb von den Nazis ermordet wurden. Auch in Polen und der Sowjetunion waren viele Juden nicht registriert. Wolfgang Benz schätzte in seiner Studie, dass man aufgrund dieser Umstände noch einmal bis zu 800.000 zusätzliche Opfer hinzurechnen muss. So kommt er auf eine Höchstzahl von 6,1 Millionen. Weil die Daten all dieser verschiedenen Quellen zumindest in der Größenordnung übereinstimmen, gilt die gerundete Zahl von 6 Millionen nicht nur als symbolisch, sondern auch als ziemlich verlässlich.

  • January 27 · 2 min

    Woher stammt das Wort "Vakzin"?

    Vacca: die Kuh "Vacca" ist das lateinische Wort für "die Kuh". Vaccinus bedeutet so viel wie "zur Kuh gehörig" oder "von der Kuh stammend". Das Wort "Vakzin" ist über 200 Jahre alt, als das heutige Prinzip der Impfung erfunden wurde. Damals ging es um die Pocken. Ende des 19. Jahrhunderts kamen britische Ärzte darauf, dass der Körper sich effektiv gegen Pocken wappnen lässt, wenn man ihm Kuhpocken-Viren verabreicht, die sich wiederum in der Kuhlymphe befanden. Erste Impfversuche gegen Pocken waren zu unsicher Vorher gab es andere Impfmethoden: Man hat Leute, die mit einem milden Verlauf von den Pocken genesen waren, mit gesunden zusammengebracht, gerade auch mit Kindern. Heute würde man das vielleicht als "Pockenpartys" bezeichnen ... Oder man hat gesunden Menschen Sekret aus den Pusteln der Erkrankten aufgetragen. Aber das war alles recht unsicher: Es konnte passieren, dass gerade dadurch die Krankheit erst ausgelöst wurde. Und umgekehrt kam es vor, dass die Behandlung nicht zu einer ausreichenden Immunisierung führte, sodass sie bei einer Pockenepidemie nicht half. Impfung mit dem Kuhpocken-Virus war verlässlicher Die Impfung mit der Kuhpockenlymphe war verlässlicher. Auch deshalb, weil das Kuhpocken-Virus zwar den menschlichen Pocken ähnlich genug war, um eine Immunreaktion auszulösen, aber doch unterschiedlich genug, um die Infizierten nicht krank zu machen. Und weil der Impfstoff damals von Kühen stammte, nannte man das "Vaccination" im Gegensatz zu "Variolation" – das war das Konfrontieren mit menschlichen Pockenviren. So wurde der Begriff "Vakzin" auf alle Impfstoffe allgemein übertragen, die den Menschen verabreicht wurden. Ob die von Kühen stammen oder nicht, spielt dabei keine Rolle mehr. Kein neuzeitliches Phänomen: Angst vor Impfschäden Kuhpocken statt menschliche Pockenviren – das löste damals aber auch Ängste aus. Die Gegner der Vakzination hatten die Sorge, dass durch das Verabreichen von Kuhpockenlymphe die Menschen Merkmale von Rindern bekommen würden. Es gibt aus der Zeit schöne Karikaturen mit Abbildungen, bei denen den Impflingen Hörner wachsen und die geimpften Frauen plötzlich Kälber gebären. Die Angst vor Impfungen ist kein neuzeitliches Phänomen.

  • January 27 · 3 min

    Kann man Metall riechen?

    Metall riecht nicht Spontan würde man wohl sagen: klar! Einmal eine Geldmünze gedrückt oder eine Metallfeder in den Kugelschreiber geschoben – und die Hand riecht offenbar nach Metall. Zumindest hat es den Anschein, als würde in diesen Fällen ein irgendwie gearteter "Metallgeruch" auf die Hand übergehen. Fragt man allerdings Fachleute aus der Chemie, dann beharren die darauf: Metalle sind geruchlos. Geld stinkt nicht – das wusste man schon im alten Rom. Und biologisch-chemisch gesehen ist das korrekt. Denn der Geruchssinn beruht darauf, dass einzelne freie umherfliegende Moleküle auf die Riechzellen in unserer Nase treffen. Flüchtige Moleküle, die in der Luft sind oder aus anderen Materialien ausgedünstet werden. Aber ein Metall ist im Wesentlichen eine starre feste Struktur, wo kaum etwas ausdünstet. Es riecht, wenn Schweiß mit Eisen oder Kupfer reagiert Wenn aber Metalle nicht riechen, wonach riecht dann die Hand, die gerade noch eine Münze gehalten hat? Was da riecht, ist eine chemische Verbindung, die erst beim Kontakt zwischen der Haut und dem Eisen entsteht. Das hat die Wissenschaft auch erst vor etwa 7 Jahren nachgewiesen. Auf jeder Haut befinden sich sogenannte Lipidperoxide – man kann es auch profan sagen: Das sind die sauren Bestandteile von ranzigem Schweiß. Das Eisen verwandelt diese Schweißreste in organische Moleküle. In der Chemie kennt man sie als Aldehyde und Ketone; die riechen ganz anders. Auch mit Kupfer kann das passieren. Wir glauben, dass wir Metall riechen. In Wahrheit riechen wir nur chemisch veränderte Schweißreste. Die riechen wir nicht nur auf unserer Haut, sondern auch das Metall riecht danach, wenn wir diese Metallgegenstände anfassen. Metallisches Aroma von Blut kommt vom Eisen Evolutionsbiologisch ist das insofern interessant, weil sich dieses besondere Aroma noch bei einer weiteren Substanz entfaltet, nämlich bei Blut. Das ist jedem schon mal aufgefallen: Wenn man sich in den Finger schneidet und das nächste Pflaster oder Zellstofftuch nicht in Reichweite ist, steckt man den Finger in den Mund. Das schmeckt dann leicht metallisch. Warum? Weil das Blut – insbesondere die roten Blutkörperchen – Eisen in Form von Hämoglobin enthalten. Wenn dieses Eisen mit Haut in Berührung kommt – das passiert bei offenen Wunden – kommt es zur gleichen Reaktion und es entsteht dieses typische pseudo-metallische Aroma. Wir Menschen sind nicht so gut darin, Blut bzw. offene Wunden zu riechen, aber Hunde zum Beispiel können das ganz gut. Das hängt mit der gleichen Reaktion zusammen. Phosphorverbindungen riechen nach Knoblauch Der sogenannte "metallische" Geruch ist erstmal immer ähnlich. Es gibt aber noch einen anderen "Metall-Geruch", der nach Angaben der Forschung eher mit Gusseisen und Stahl in Verbindung steht. Manche Menschen haben das Empfinden, als würde das Eisen nach Knoblauch riechen; das klingt merkwürdig. Aber auch da ist es nicht das Eisen an sich, sondern es sind Phosphorverbindungen. Gusseisen und Stahl enthalten sowohl Phosphor als auch Kohlenstoff, und die reagieren, wiederum unter Einwirkung von Schweiß zu organischen Phosphorverbindungen. Und vor allem zwei davon – Methylphosphin und Dimethylphosphin – riechen tatsächlich nach Knoblauch.

  • January 26 · 3 min

    Warum heißt der Kontinent "Amerika" und nicht "Kolumbia"?

    Kontinent "Amerika" erhält seinen Namen in den Vogesen Der Kontinent Amerika bekam seinen Namen nicht von irgendwelchen Entdeckern, sondern er wurde in den Vogesen getauft – und zwar vom Kartografen Martin Waldseemüller und seinem elsässischen Arbeitskollegen Matthias Ringmann. Waldseemüller ist in Freiburg im Breisgau aufgewachsen und lernte dort an der Uni den elsässischen Altphilologen Matthias Ringmann kennengelernt. Als Christoph Kolumbus zum ersten Mal den Atlantik überquerte, haben die beiden gerade in Freiburg studiert. Nach dem Studium zogen die beiden ins Kloster St. Didel nach Lothringen, blieben dort als Wissenschaftler und Lehrer und arbeiteten weiter zusammen. Martin Waldseemüller und Matthias Ringmann zeichnen 1507 Weltkarte 1507 zeichnete Martin Waldseemüller mit Unterstützung von Matthias Ringmann eine Weltkarte – die erste Weltkarte, in der das, was wir heute unter dem Namen Amerika kennen, als eigener großer Kontinent eingezeichnet war. In diese Landmasse eingetragen steht, relativ klein, der Name, den die beiden sich für diesen Kontinent ausgedacht haben: America. Das taten sie in Würdigung des italienischen Seefahrers Amerigo Vespucci (1451 - 1512). Warum aber haben sich für die Namensgebung Amerigo Vespucci ausgesucht und nicht Kolumbus? Weil Kolumbus, obwohl er viermal "drüben" war und auch amerikanisches Festland betreten hat, immer davon ausging, dass er irgendwo in oder vor Asien ist. Er hat nie gedacht, dass er in Indien wäre, das ist ein Gerücht. Aber dass er einen neuen bis dahin im Westen unbekannten Kontinent betreten hatte, war ihm auch nicht klar. Würdigung: Amerigo Vespucci wusste mehr als Christoph Kolumbus Amerigo Vespucci hingegen, der nach Kolumbus an der südamerikanischen Küste entlangsegelte, hat das schon geahnt. Seine Reisebereichte waren es, auf die sich Martin Waldseemüller beim Zeichnen seiner berühmten Weltkarte stützte. Deshalb war es aus Sicht von Waldseemüller und Ringmann folgerichtig, dass sie den neuen Kontinent nicht nach Kolumbus "Columbia" nannten, sondern nach Amerigo Vespucci "America". Die weibliche Form America – statt Americo – war vermutlich eine Anlehnung an die bereits bekannten Kontinente: Europa, Afrika und Asia. Kolumbus hat diese "Schmach" übrigens nicht mehr miterlebt, er starb 1506, also ein Jahr vor Entstehung der Weltkarte. Die Karte verbreitete sich – auch dank des Booms der Druckkunst – ziemlich schnell in Gelehrtenkreisen, sodass sich Amerika als Name durchsetzte. Simón Bolívar bringt "Kolumbia" vergeblich ins Spiel 300 Jahre später versuchte zwar der bolivianische Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar, den Namen "Kolumbia" noch einmal zu beleben und rief die unabhängige Republik Columbia aus; die reichte von Peru bis Panama reichte. Aber dieses Großkolumbien zerfiel nach gerade mal zehn Jahren. Nur das heutige Kolumbien hat den Namen behalten; der große Kontinent hieß weiter und bis heute Amerika.

  • January 25 · 3 min

    Olivenöl, Palmfett oder Butterschmalz: Welches Bratfett kann man guten Gewissens verwenden?

    Bis auf wenige Ausnahmen sind die meisten Pflanzenöle zum Braten durchaus geeignet. Allerdings gilt die Faustregel: Je gesünder ein Öl ist, desto weniger verträgt es hohe Temperaturen. Denn gesund ist ein Öl dann, wenn es viele ungesättigte Fettsäuren enthält. Aber genau die – vor allem die hochwertigen Omega-3- oder Omega-6-Fettsäuren – beginnen schon bei relativ niedrigen Temperaturen zu oxidieren. Raffiniertes Öl verträgt auch höhere Temperaturen Das ist auch daran erkennbar, dass das Fett in der Pfanne anfängt zu rauchen. Das ist bedenklich, denn dabei entsteht aus den Fettsäuren das giftige und tatsächlich krebsfördernde Acrolein. Aus diesem Grund sind Rapsöl oder Leinöl – obwohl an sich sehr gesund – zum Braten kaum geeignet. Bei den meisten anderen Pflanzenölen dagegen muss man weniger Bedenken haben. Auch mit Sonnenblumenöl und kaltgepresstem (nativen) Olivenöl kann man gut braten, denn es ist relativ hitzestabil – zumindest bis zu einer Temperatur von 180 Grad. Aber das reicht in der Regel völlig aus. Man muss dann nur – mehr als bei anderen Fetten – die Pfanne im Auge behalten und darauf achten, dass das Fett nicht zu heiß wird. Ist das Olivenöl raffiniert – also nicht kaltgepresst – verträgt es noch höhere Temperaturen. Das gilt ebenfalls für andere Öle wie Erdnussöl, Sesamöl oder für Kokosfett oder Palmfett. Die aber enthalten mehr gesättigte Fettsäuren, sind also ernährungsphysiologisch nicht so wertvoll. Faustregeln für Ökobilanz Wenn man auf seine Ökobilanz achten will, gibt es zwei Faustregeln. Die erste lautet: Naturbelassene Öle sind besser als verarbeitete – also insbesondere gehärtete Fette. Da das Härten von Fett bei hohen Temperaturen stattfindet, muss dafür zusätzliche Energie aufgewendet werden. Die zweite Faustregeln: Pflanzliche Öle sind besser als tierische Fette. Es ist zwar richtig, dass die Massenherstellung von Palmöl ein großes Problem darstellt, weil dafür vor allem in Südostasien riesige Regenwaldflächen gerodet werden, aber daran ist nicht das Palmöl an sich schuld. Im Gegenteil: Die Ölpalme ist eine unglaublich ertragreiche Pflanze – das heißt, wenn man ausrechnet, wie viel Öl man pro Hektar Fläche bekommt, dann ist die Ölpalme sehr effizient. Denn um die gleiche Menge Raps- oder Sonnenblumenöl herzustellen, bräuchte man ein Vielfaches der Fläche. Gerade weil die Ölpalme so ertragreich ist, wird sie ja angepflanzt. Dass noch immer so viele Regenwälder gerodet werden, liegt nicht speziell am Palmöl, sondern am weltweit rasant wachsenden Bedarf an Pflanzenöl insgesamt, und zwar hauptsächlich wegen der Nachfrage nach Biosprit, also Energiepflanzen. Würden die Menschen das Palmöl nur zum Kochen verwenden, wäre der Regenwald längst nicht so bedroht. Allerdings: Da Palm- und Kokosöl meist einen weiten Weg zu uns zurücklegen und meist als gehärtete Fette zum Einsatz kommen, trübt schon allein das ihre Ökobilanz.

  • January 24 · 3 min

    Was ist der Unterschied zwischen Schönheit und Attraktivität?

    Die beiden Begriffe "Schönheit" und "Attraktivität" werden tatsächlich oft durcheinandergebracht, Das passiert vor allem, wenn man versucht zu erklären, dass vieles von dem, was wir schön finden – vor allem Menschen, Gesichter – evolutionsbedingt sei. Attraktivität hat mit Symmetrie zu tun, die Entscheidung fällt unbewusst Forschungen haben schon lange gezeigt, dass Menschen symmetrische Gesichter, aber auch symmetrische Körper attraktiver finden als asymmetrische, gerade bei der Partnerwahl. Das wird damit erklärt, dass die Symmetrie der Körper ein Indikator für Gesundheit ist. Demnach finden wir von Natur aus symmetrische Körper attraktiver als andere. Denn die Chance, dass wir mit einem symmetrisch gebauten Partner gesunde Nachkommen zeugen, ist größer. Das ist Attraktivität. Schönheitsbegriff ist umfassender Viele Dinge, die wir schön finden, haben aber mit Partnerwahl und Evolution nichts tun – ob es nun um Musik geht, Kunst oder Architektur. Das ist der erste Unterschied: Schönheit ist viel umfassender. Darüber hinaus gibt es noch einen fundamentalen Unterschied. Wenn wir etwas schön oder nicht schön finden, ist das immer ein bewusstes Urteil. Wir stellen es fest. Attraktivität dagegen steht dafür, wie wir unbewusst auf etwas reagieren. Attraktiv heißt ja vor allem anziehend. Wovon wir uns angezogen fühlen, hat viel mit Evolution zu tun. So wie die Wespe sich vom Zwetschgenkuchen angezogen fühlt, springen Mensch auf bestimmte Signalreize bei der Partnerwahl an, bestimmte Körperproportionen oder Gerüche. Beim Menschen springt dann auch das Lust- oder Belohnungszentrum im Gehirn an. Das ist das Hirnareal, das auch aktiv ist, wenn wir eine Tafel Schokolade vor uns sehen oder Sex haben. Dieses Belohnungszentrum – das ist vor allem der Nucleus Accumbens – sitzt ziemlich in der Mitte des Gehirns und gehört zu den evolutionär eher älteren Hirnregionen. Schönheitsurteil wird bewusst gefällt Wenn wir dagegen Gesichter oder Musik beurteilen und sagen sollen, ob das schön ist oder nicht, ist eine ganz andere Hirnregion aktiv: die in der Großhirnrinde, im orbitofrontalen Cortex. Die Großhirnrinde ist evolutionär jünger. Dieser orbitofrontale Cortex ist bei Prozessen aktiv, in denen wir bewusst etwas entscheiden. Das zeichnet Schönheitsempfinden aus: Wir lassen etwas auf uns wirken und stellen bewusst fest, ob es uns gefällt oder nicht. Natürlich kann es sein, dass wir uns dabei auch von der Attraktivität leiten lassen. Es kann aber auch sein – um bei dem Beispiel zu bleiben – dass wir ein Gesicht zwar auf den ersten Blick attraktiv, aber trotzdem nicht schön finden, weil es vielleicht zu glatt erscheint, zu uninteressant, zu unnatürlich oder was auch immer. Dazu gibt es interessante Experimente. Testpersonen – das waren alles heterosexuelle Männer – wurden Bilder von Gesichtern gezeigt. Die Bilder zeigten sowohl Frauen- als auch Männergesichter. Die Männer sollten zum einen beurteilen, wie schön sie die Gesichter finden. Gleichzeitig hat man gemessen, wie lange sie die Bilder jeweils anguckten. Und es wurde die Aktivität im Belohnungssystem beobachtet. Das Ergebnis war interessant: Bei der Frage nach der Schönheit waren die Männer fair. Sie fanden sowohl männliche als auch weibliche Gesichter schön oder nicht schön. Aber nur die weiblichen Gesichter haben sie länger angeschaut und auch nur bei denen war das Belohnungssystem aktiv. Messbar attraktiv waren für die heterosexuellen Männer bei diesem Versuch also nur weibliche Gesichter, schön dagegen konnten Gesichter beider Geschlechter sein. Attraktivität und Schönheit können also miteinander zusammenhängen. Aber Schönheit im Sinne von ästhetischem Erleben ist etwas grundlegend anderes.

  • January 22 · 4 min

    Warum sind die Tasten am Klavier so seltsam angeordnet?

    Normalerweise ist der Schritt von einer Taste zur nächsten in einer Farbe ein ganzer Ton, manchmal aber nur ein halber. Würden stets die weißen Tasten einen ganzen Ton Abstand einhalten und dazwischen die schwarzen Tasten einen halben Ton Abstand repräsentieren, könnten dann nicht alle Tonarten mit dem gleichen Fingersatz gespielt werden? Im Prinzip eine reizvolle Idee. Es gab auch immer wieder Versuche, genau solche chromatischen Tastaturen einzuführen, aber die haben sich nicht durchgesetzt. Ich persönlich würde da vielleicht auch die Orientierung verlieren, denn diese Grüppchen von je 2 oder 3 schwarzen Tasten helfen ja, sich auf dem Klavier zurechtzufinden und sofort zu sehen: Wo ist das C? Wo ist das F? Klaviertastatur ist historisch gewachsen Der Hauptgrund, dass sich eine solche gleichförmige Tastatur nicht durchgesetzt hat, ist wohl eher, dass die Klaviertastatur historisch gewachsen ist. Die Geschichte der Tastatur hängt eng zusammen mit der Geschichte unseres europäischen Musiksystems, vor allem auch der Tonarten. Das ist ziemlich vertrackt, sodass ich die Geschichte hier wirklich nur grob skizzieren kann. Angefangen hat es mit einer Tastatur, die überhaupt keine schwarzen Tasten hatte, sondern nur aus den heute weißen Tasten bestand. Die heißen auch diatonische Tasten, also C, D, E, F, G, A, H – die Töne der C-Durtonleiter. Das ist keine gleichmäßige Abfolge, sondern da sind zwei Halbtonschritte drin, vom E zum F und vom H zum C. Warum also diese Abfolge? Diese Töne ergeben sich aus dem Quintenintervall. Die Quinte ist nach der Oktave das wichtigste, weil harmonischste Intervall in der Musik. Wenn man bei einem Ton anfängt, sagen wir beim F, und dann quintenweise hochgeht, erhält man F, C, G, D, A, E und H. Wenn man das noch in die richtige Reihenfolge bringt, ergibt sich die bekannte Tonleiter, die an zwei Stellen einen Halbtonschritt hat, eben beim E und beim H. Das ist die Erklärung, wie sich diese Tonabfolge akustisch begründen lässt, das heißt, wie es zu den heute weißen Tasten kam. Weitere Tonarten: dorisch, phrygisch, lydisch Im Mittelalter gab es neben dem, was wir heute als C-Dur bezeichnen, noch die anderen Kirchentonarten: dorisch, phrygisch, lydisch und so weiter, die im Grunde die gleiche Abfolge von Tönen benutzen, nur ist hier die Stellung der Halbtöne an anderer Stelle. Die dorische Tonleiter fängt nicht mit dem C an, sondern mit dem D. Aber die Töne, die vorkommen, sind an sich die gleichen. Das heißt, die ursprüngliche Klaviatur, die nur aus den heute weißen Tasten bestand, war ausreichend, um sich in diesem Tonsystem zu bewegen. Man hatte mit den heute weißen Tasten alle Töne, die man brauchte. Neue Klangräumen erforderten weitere Tasten Musikerinnen und Musiker wollen damals wie heute immer neue Klangräume entwickeln. Zum Beispiel wollten sie den mehrstimmigen Stücken und Gesängen zusätzliche Stimmen einfügen; da war wieder die Quinte ganz wichtig. Gehen wir vom F aus eine Quint nach unten, dann landet man beim B. Das gab es in den frühen Tastaturen nicht, deshalb wurde das um das Jahr 1500 herum eingefügt: Die erste schwarze Taste, das B. Und kurz darauf wurden ganz konsequent alle sonst noch fehlenden Halbtonschritte als schwarze Tasten eingefügt. So ist die Klaviatur, wie wir sie heute kennen, entstanden. Daran haben sich auch Komponistinnen und Komponisten orientiert. Das ist sicher auch ein Grund, warum sich andere Tastaturen später nicht mehr durchsetzen konnten – einfach weil Beethoven oder Chopin ihre Stücke so komponiert haben, dass sie auf der traditionellen Tastatur spielbar sind. Würde man eine neue Tastatur einführen, müssten sich alle Pianistinnen und Pianisten umstellen, beziehungsweise die Stücke wären vielleicht gar nicht mehr spielbar. 12 Halbtöne pro Tonleiter müssen genügen Die Tastatur ist heute keine reine Quintenstimmung. Es war ein Problem, dass man eigentlich noch viel mehr Tasten gebraucht hätte. Denn zum Beispiel befinden sich das Fis und das Ges auf der Klaviatur auf der gleichen Taste, obwohl es streng genommen zwei verschiedene Töne sind. Aber da hat man sich dann schon früh gesagt: Damit es nicht zu kompliziert wird und wir in jeder Oktave 30 bis 40 Tasten brauchen, ignorieren wir diese feinen Unterschiede und begnügen uns mit 12 Halbtönen pro Tonleiter. Danke an Annette Otterstedt vom Staatlichen Instrumentenmuseum Berlin für die Hilfe bei der Beantwortung der Frage

  • January 21 · 2 min

    Wie ökologisch lebten die Inkas?

    Inka trieben keine Überweidung und setzten auf Vorratshaltung Oft werden die Inka als Ökowegweiser für unsere heutige Gesellschaft gesehen. Das Ressourcen-Management der Inka war selbstsuffizient und nicht im Übermaße ausbeuterisch und damit, wie man heute sagt, nachhaltig. Es gab keine Überweidung, die Landwirtschaft wurde experimentell betrieben, man hat sich drauf eingestellt, Vorräte zu halten, über alle Klimaperioden hinweg. Es wurden Hungersnöte vermieden, man hat aus der Geschichte gelernt. Die Vorgängerkulturen sind untergegangen deswegen, die Maya auch. Sie waren schon untergegangen, als die Spanier kamen. Die Azteken sind dafür bekannt, dass sie exzessiv Menschenopfer betrieben haben. Das haben die Inka nicht so exzessiv gemacht, wenn sie auch Bergopfer gebracht haben. Ihr intensiver Anbau in diesen steilen Andenbergen, die sie mit Terrassen übersät haben, was die Erosion verhindert hat, machte eine intensive Bewässerung nötig. Man musste die Bewässerungskanäle drei-, viermal im Jahr reinigen und bearbeiten. Die Inka haben dafür gesorgt, dass sie in Notzeiten durch tausende Speicher mit Mais, Kartoffeln, Quinoa und anderen Nahrungsmitteln gut versorgt waren. Die Inka betrieben also einen bewussten und nachhaltigen Umgang mit der Natur, besaßen diplomatisches Geschick in der Politik und waren kunsthandwerklich und technisch eine sehr hochstehende Kultur? Genau. Und sie vermieden exzessiven öffentlichen Luxus, wie das in den Gräbern der Pharaonen, im alten Ägypten bis zu dem Gräbern der Maya oder anderen berühmten Gräbern der Fall ist, wo man sogar im Jenseits als der große Machthaber da stehen wollte. Das haben die Inka nicht gemacht. Sie haben sich mumifizieren lassen und lebten wie normale Menschen.

  • January 20 · 2 min

    Kann ein Mensch zum Atmen mit reinem Sauerstoff auskommen?

    100 Prozent Sauerstoff: kurzfristig kein Problem beim Atmen Grundsätzlich ja – wir können reinen Sauerstoff einatmen, ohne dass wir gleich tot umfallen. Das ist nicht ganz selbstverständlich: Die normale Atmosphäre besteht zu fast vier Fünfteln aus Stickstoff und nur zu einem Fünftel aus Sauerstoff. Natürlich ist der Sauerstoff das, was wir brauchen, was für uns wichtig ist. Trotzdem: Reinen Sauerstoff zu atmen, ist für den Körper etwas anderes als eine Luft, in der der Sauerstoff nur 21 Prozent ausmacht. Kurzfristig ist das kein Problem – in der Notfallmedizin kommt reiner Sauerstoff ja auch zum Einsatz. Das heißt, der Mensch hält das vorübergehend aus. Sauerstoffgabe per Druckluft: Sauerstoffradikale können entstehen Auf Dauer ist es aber nicht gesund. Das gilt vor allem, wenn der Sauerstoff über Druckluftflaschen zugeführt wird. Denn normalerweise bilden die Sauerstoffatome Pärchen – immer zwei Atome bilden ein Molekül, deshalb auch die chemische Formel O2. Wenn wir viel Sauerstoff aufnehmen, steigt die Konzentration und damit auch der Partialdruck von Sauerstoff im Körper. Dann trennen sich diese Pärchen und es entstehen im Körper Sauerstoffradikale, also einzelne Atome. Die können zu Schäden in der Lunge und im Gehirn führen. Man spricht dann von einer Sauerstoffvergiftung. Der Druck ist also ein ganz wichtiger Faktor. Auch Taucher atmen übrigens keinen reinen Sauerstoff. Man spricht zwar landläufig oft von "Sauerstoffflaschen", aber auch in diesen Behältern ist ein Gasgemisch, bei dem bewusst die Druckverhältnisse in der Tiefe berücksichtigt werden: Je tiefer man vorhat zu tauchen, desto geringer ist der Sauerstoffanteil im Atemgas – und zwar meist deutlich geringer als in der Atmosphäre, gerade damit es unter erhöhtem Druck nicht zu einer Sauerstoffvergiftung kommt. Körper ist an natürlichen Sauerstoffgehalt der Luft von 21 Prozent angepasst Aus diesen Gründen wird reiner Sauerstoff normalerweise nur sehr kurzfristig in der Notfallmedizin zur Wiederbelebung eingesetzt. Ansonsten ist der menschliche Körper an den natürlichen Sauerstoffgehalt von 21 Prozent optimal angepasst. Sauerstoff ist reaktives Gas: Waldbrandgefahr bei zu hohem Anteil in der Luft Mehr Sauerstoff wäre also nicht besser. Im Gegenteil, denn wenn wesentlich mehr Sauerstoff in der Atmosphäre wäre, brächte das andere Gefahren mit sich: Sauerstoff ist ein sehr reaktives Gas. Hätte die Atmosphäre deutlich mehr Sauerstoff, wäre zum Beispiel die Waldbrandgefahr ungleich höher.