
Evidence-Based-Medicine statt Pharma-Interessen | Günther Egidi
Jeder aus der Medizin-Bubble kennt ihn als kritischen Kommentator und überzeugten Verfechter der Evidence-Based-Medicine: Günther Egidi. In dieser Folge von „5 Minus – Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel“ spricht Dr. Laura Dalhaus mit dem ehemaligen Hausarzt, der 25 Jahre in der hausärztlichen Versorgung tätig war und an 20 bis 30 Leitlinien mitgearbeitet hat – und das teilweise bis heute, obwohl er bereits im Ruhestand ist. Günther ist überzeugt: Im Gesundheitssystem ist grundsätzlich genug Geld vorhanden. Das eigentliche Problem sieht er in einer gleichzeitigen Über-, Unter- und Fehlversorgung. An vielen Stellen werde Medizin erbracht, die keinen echten Mehrwert bietet und wertvolle Ressourcen bindet. Deshalb bewertet er einzelne Maßnahmen des GKV-Spargesetzes durchaus positiv. Dazu gehören beispielsweise das Aus des Hautkrebsscreenings sowie der Wegfall der zusätzlichen Vergütung für Terminservicestellen. Kritisch sieht er dagegen steigende Zuzahlungen für Patient:innen und die hohen Gewinne der Pharma-Industrie. Laura und Günther diskutieren über die Preisgestaltung von Medikamenten sowie den Umgang Deutschlands mit der Pharma-Branche. Laura schildert dazu den deutlichen Preisanstieg von Jardiance nach der Anerkennung eines Zusatznutzens. Auch beim Thema Prävention vertreten beide differenzierte Positionen. Günther spricht bewusst lieber von Gesundheitsuntersuchungen als von Check-up-Untersuchungen. Der Begriff „Check-up“ vermittle den Eindruck, der menschliche Körper funktioniere wie ein Auto beim TÜV. Gerade in diesem Bereich erkennt er erhebliche Überversorgung. Besonders bei älteren Menschen sieht er einen deutlich größeren präventiven Effekt darin, Einsamkeit zu verhindern. Gleichzeitig entstehen immer mehr Angebote außerhalb der klassischen Versorgung – etwa Bluttests, Stuhluntersuchungen oder Urinuntersuchungen. Die Ergebnisse landen am Ende jedoch wieder in den Hausarztpraxen, wo sie eingeordnet werden müssen. Laura bezeichnet diese Entwicklung als unethische Medizin. In diesem Zusammenhang erklärt Günther das Konzept der „Number needed to treat“: Wie viele Menschen müssen behandelt werden, damit eine einzige Person tatsächlich profitiert? Ergänzend spricht er über die „Time needed to treat“, also den zeitlichen Aufwand, der notwendig ist, um einen Behandlungserfolg zu erzielen. Für Günther gehört eine umfassende Aufklärung über Vor- und Nachteile medizinischer Maßnahmen zu den Kernaufgaben des Arztberufs. Wer Patient:innen diese Informationen vorenthält, begeht aus seiner Sicht einen Kunstfehler. Ebenso wichtig ist für Laura die „Number needed to harm“. Sie beschreibt, bei wie vielen behandelten Patient:innen relevante Nebenwirkungen oder Schäden auftreten. Gerade bei älteren Menschen steigen Nutzen und Risiko häufig parallel an. Medizinische Entscheidungen bewegen sich deshalb selten in einem Schwarz-Weiß-Schema – vielmehr müssen Risiken und Nutzen immer individuell gegeneinander abgewogen werden. Die beiden sprechen außerdem über ökonomische Interessen im Gesundheitssystem. Für Volkskrankheiten wie Diabetes besteht ein großer wirtschaftlicher Markt, weil Betroffene häufig lebenslang Medikamente benötigen. Andere Erkrankungen, beispielsweise psychische Erkrankungen, sind wirtschaftlich deutlich weniger attraktiv – obwohl sie auf der Morbiditäts-Mortalitätsliste mittlerweile Herz-Kreislauf-Erkrankungen überholt haben. Laura und Günther teilen die Überzeugung: Armut macht krank und Krankheit macht arm. Mit Blick auf das GKV-Spargesetz erwartet Laura außerdem, dass sich immer mehr Ärzt:innen gezwungen sehen werden, Privatsprechstunden und Selbstzahlerleistungen auszubauen. Das Nebeneinander von Über-, Unter- und Fehlversorgung zeigt sich für Günther besonders deutlich: Während Herzkatheter in vielen Bereichen übermäßig eingesetzt werden, herrscht beispielsweise in der Rheumatologie eine erhebliche Unterversorgung. Doch wie lässt sich das Gesundheitssystem sinnvoll steuern? Eine Staatsmedizin nach britischem Vorbild hält Laura nicht für die Lösung. Stattdessen plädiert Günther für ein demokratisch kontrolliertes und transparentes System, in dem Priorisierung – ausdrücklich nicht Rationierung – offen diskutiert und nachvollziehbar entschieden wird. Ergänzend fordert er eine kleinräumige Bedarfsplanung. Seine Überlegungen reichen sogar bis in die ärztliche Ausbildung. Derzeit können sich Medizinstudierende frei für alle Fachrichtungen entscheiden, ohne dass systematisch berücksichtigt wird, in welchen Bereichen künftig tatsächlich wie viele Spezialist:innen benötigt werden. Folg Laura auch hier: LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/dr-laura-dalhaus-mahm-5470b597/ Instagram: https://www.instagram.com/lauradalhaus/ TikTok: https://www.tiktok.com/@laura.dalhaus Mehr über Laura: https://linktr.ee/lauradalhaus Unterstütz die Mission: https://www.paypal.com/paypalme/podcast5minus oder https://buymeacoffee.com/lauradalhaus Zum Shop von Laura: https://lauradalhaus-shop.de/



















