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SWR Kultur lesenswert - Literatur

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  • 27 episodes
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Episodes27

  • Yesterday · 4 min

    Urszenen des Kapitalismus

    Um 1600 war England noch keine Großmacht des Welthandels. Indien dagegen beherbergte ein Fünftel der Weltbevölkerung und produzierte, so die Statistiken, ein Viertel der Güter weltweit, vor allem Edelsteine, Pfeffer, Textilien und Salpeter. Wer solche Handelsware nach Europa importierte, konnte mit jeder Schiffsladung Gewinne von mehreren hundert Prozent machen. Um diese Chancen zu nutzen, gründeten 1599 Kaufleute, Entdecker und Investoren in London die East India Company. Feudaler Reichtum und kapitalistischer Geschäftssinn Daraus wurde ein Handelsimperium, wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Diese erstaunliche Entwicklung beschreibt William Dalrymple in seinem Buch „Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600–1874“. In der Einleitung erklärt er: „Ziel dieses Buches ist es nicht, eine vollständige Geschichte der East India Company zu liefern. Vielmehr sucht es eine Antwort auf die Frage, wie es einem einzigen Unternehmen mit Sitz in einem Londoner Bürohaus gelingen konnte, das mächtige Mogulreich als Herrscher über den riesigen Subkontinent abzulösen.“ Entscheidend für diesen beispiellosen Kolonisierungsprozess waren einerseits die riesigen wirtschaftlichen und finanziellen Ressourcen des indischen Mogulreichs jener Zeit und andererseits der erfinderische kapitalistische Geschäftssinn, mit dem sich das englische Handelsunternehmen diese Bedingungen zunutze machte. Mogulherrscher und ein paar Kaufleute Zunächst aber mussten die Abgesandten der Company klein anfangen und durften die Gunst der ebenso prunksüchtigen wie mächtigen Mogulherrscher nicht verspielen. So beschwerte sich ein verärgerter indischer Würdenträger über einen unfreundlichen Empfang: ‚Welche Ehre bleibt uns denn noch‘, fragte er, ‚wenn ein paar Kaufmänner, die noch nicht einmal gelernt haben, sich den Hintern zu waschen, auf den Befehl eines Herrschers reagieren, indem sie seinen Gesandten mit Füßen treten?‘ Quelle: William Dalrymple – Anarchie Im Unterschied zu anderen Werken über die Ostindienkompanie hat sich William Dalrymple, wie er betont, vorwiegend auf teils noch unerschlossene Quellen aus indischen Archiven gestützt. Damit rückt er die Geschehnisse auf dem Subkontinent ganz in den Mittelpunkt. Anarchie und Tumult Diese aber wurden die längste Zeit von chaotischen Konflikten und grausamen Kriegen bestimmt, an denen in wechselnden Bündnissen sowohl die Kolonialmächte England und Frankreich als auch die regionalen Herrscher beteiligt waren. So viele detailreiche, mit plastischen Figurenporträts bereicherte Beschreibungen von Intrigen, Feldzügen und Brandschatzungen bekommt man selten zu lesen. Eine letzte Schlacht wurde 1809 geschlagen. „So schrecklich die Schlacht von Delhi auch war: Damit endete eine über hundert Jahre dauernde Rivalität. Und es endete das unglückselige Jahrhundert, in dem rivalisierende Armeen um Hindustan Krieg führten und es ausplünderten.“ Trotzdem waren „Anarchie und Tumult“, wie es ein englischer Generalgouverneur nannte, kein Hindernis für das Gedeihen der East India Company. William Dalrymples Geschichte dieser ersten Aktiengesellschaft der Welt ist ein fesselndes Lehrstück in vieler Hinsicht. Zum Beispiel über die Urszenen eines Kapitalismus ohne gesellschaftliche Rücksichten. Und darüber, wie sehr das vermeintlich unblutige Geschäft des Handels mit Gewalt und Krieg verflochten sein kann.

  • Friday · 23 min

    „Man kann ja nicht nur dasitzen und vor sich hin leiden.“

    Die Avenues symbolisieren Simbabwe Sprung hinein in „Die Avenues“ in Harare! In diesem lebendigen Viertel spielt Farai Mudzingwas Debütroman. Er hat selbst mal in den Avenues gelebt, dem ersten Viertel, wo einst die Kolonialherren ihre Villen errichteten, erzählt er auf SWR Kultur. „Als ich dort lebte“, erinnert sich Mudzingwa, „fiel mir auf, dass die Gegend nicht mehr ganz so ruhig und wohlhabend war. Das hat mein Interesse geweckt: Die Veränderungen, die sich in den Avenues vollzogen, spiegelten die Veränderungen, die zu dieser Zeit im ganzen Land stattfanden.“ Ohne Witze geht es nicht So wurde der Roman „Die Avenues“ zweierlei: Zunächst erzählt er die Geschichte des jungen Elektrikers Jedza, der nach Harare kommt und nach seiner verschwundenen Schwester sucht. Zugleich ist er ein Tiefenporträt der jüngeren politischen Geschichte Simbabwes, wozu die Folgen des Kolonialismus, grassierende Korruption und die wirtschaftliche Notlage des Landes gehören. Zur politischen Analyse tragen auch die bissigen Fußnoten bei, die Farai Mudzingwa in den Text streut. „Wir Simbabwer müssen jede Menge Witze reißen über unser Elend“, sagt Mudzingwa, „denn wir können ja nicht einfach nur dasitzen und vor uns hin leiden.“ Die Pfützen, in denen die Wassergeister leben „Die Avenues“ spielen vor allem in der Gegenwart der Jahre 2016-2018. Einige Kapitel gehen aber auch Jahrzehnte zurück. Darin erleben wir Jedza als Kind oder seine Schwester Natsai vor ihrem Verschwinden als Journalistin in Harare. Auch von der Stadtgründung als Kolonialsiedlung im 19. Jahrhundert erzählt Mudzingwa. Weil Harare auf Sumpfland gebaut wurde, entstehen in der Gegenwart des Romans immer wieder rätselhafte Pfützen, in denen die Wassergeister von einst leben. Das polyphone Spiel der Mbira Farai Mudzingwa hat seinen Roman bewusst vielstimmig angelegt. Vorbild war die Mbira, das simbabwische Daumenklavier. „Wenn man Mbira spielt, verweben sich verschiedene Melodien miteinander. Man kann einer Melodie lauschen, oder man kann einer anderen Melodie lauschen, aber man hört doch alle Melodien gleichzeitig, und sie erzeugen all diese polyphonen Rhythmen. Ich habe also versucht, etwas von dieser Musik ins Storytelling des Romans zu übernehmen.“ „Die Avenues“ sind in Harare nicht erhältlich Deswegen ist es auch so unglaublich, dass man „Die Avenues“ in Simbabwe selbst gar nicht kaufen kann. Den Zusammenbruch des Verlagswesens im wirtschaftlich gebeutelten Simbabwe erlebt Farai Mudzingwa als sehr quälend. Deswegen ist die Übersetzung seines Debütromans ins Deutsche eine umso größere Freude. Zumal ihn sein Übersetzer Jan Schönherr während der Arbeit am Buch für ein paar Wochen in Harare besucht hat: „Das war eine schöne Zeit“, sagt Farai Mudzingwa. Von all dem berichtet er exklusiv auf SWR Kultur.

  • Friday · 6 min

    Der Versroman „Golden Gate“ von Vikram Seth

    San Francisco 1980. Aus der einstigen Hochburg der Hippies ist längst eine Stadt von Yuppies geworden. Falls sich jemand nicht erinnern sollte: Der Begriff Yuppie stand damals für die gut ausgebildeten und karrierehungrigen Young Urban Professionals, jene höchstproblematische soziale Kohorte, die dem Siegeszug des Neoliberalismus assistierte. Der in Kalkutta geborene Vikram Seth lebte in den Achtzigern als Wirtschaftsstudent in der Stadt – und stolperte eines Tages in eine Buchhandlung und dort über eine Ausgabe von Alexander Puschkins berühmtem „Eugen Onegin“. Dieser Versroman inspirierte ihn. Wie bei einem Sonett besteht bei Puschkin jede Strophe aus vierzehn Zeilen. Verse mit aktuellen Figuren Vikram Seth wollte das ebenfalls ausprobieren, allerdings mit aktuellen Figuren. War Puschkins Titelfigur ein gelangweilter Dandy aus dem Petersburg der 1820er Jahre, so schreibt Seth über die Yuppies seiner Zeit. Sie leben im sonnigen Kalifornien – irgendwo zwischen Aufstiegsträumen und Kriegsangst, Selbstzweifel und Hedonismus: „Los geht’s, weil mir die Muse lacht! Ich / Erzähle die Geschichte von / ’nem Kerl um Neunzehnhundertachtzig, / Den wir jetzt treffen: Er heißt John, / Ist sechsundzwanzig, macht Karriere, / Zu Hause herrscht die große Leere, /Und eine rote Frisbee killt / Ihn fast im Golden-Gate-Park. Wild / Geworfen, knapp verpasst – nun fragt er:“ „‚Wenn ich mal sterbe, nicht mehr bin, / Wer merkt das überhaupt? Wen in- / teressiert’s?‘ Und um nicht noch verzagter /Zu werden, spielt er Vogel Strauß / Und blendet die Probleme aus.“ So liest sich Seths Versform. Das Politische des Privaten John ist ein haltloser junger Mann, der in der Rüstungsindustrie gutes, wenn auch schmutziges Geld verdient – das Privatleben aber ist holprig. Seine Ex-Freundin Janet, die in einer Punk-Band Schlagzeug spielt und sich als bildende Künstlerin durchschlägt, kann das Elend nicht länger mit ansehen und schaltet für John eine Er-sucht-sie-Annonce in der Zeitung. Das bringt weitere Figuren ins Spiel: allen voran Liz, Rechtsanwältin und Aktivistin und Johns Kurzzeitgeliebte; ihren Bruder Ed, einen Werber mit starkem katholischen Überbau. Gretchenfrage des Kapitalismus Den alleinerziehenden Vater Phil, der seinen hochdotierten Job im Silicon Valley aus moralischen Skrupeln gekündigt hat und mit Ed eine nicht ganz unproblematische Beziehung eingeht, um dann letztlich Liz zu heiraten, was wiederum John zur Weißglut bringt. Was Menschen in ihren 20ern und 30ern halt so umtreibet – und dazu kommen noch die ganzen Probleme der frühen 80er: Die Panik vor einem atomaren Krieg angesichts grenzenloser Aufrüstung in den Reagan-Jahren ist immer spürbar. Und überhaupt stellt sich die Gretchenfrage des Kapitalismus, wie ein richtiges Leben im falschen geführt werden könnte und wie Hedonismus sich mit Verzweiflung verträgt. A - B - A - B - C- C - D - D - E - F - F- E - G - G A - B - A - B - C- C - D - D - E - F - F- E - G - G – so lautet das traditionelle Reimschema, das Seth im Windschatten Puschkins über mehr als 300 Seiten in „Golden Gate“ durchhält. Was für eine Leistung! Und nicht nur Vikram Seth wahrt die Form, auch sein Übersetzer Christophe Fricker. Denn jene verspielten, mit kuriosen Reimen und fantasievollen Satzstellungen improvisierenden Verse von Vikram Seth ins Deutsche zu bringen, muss eine schweißtreibende und titanische Arbeit gewesen sein. Sowas ist bewundernswert und geht doch nicht ohne Reibungsverlust: Den Drive des knappen Englischen ins manchmal etwas schwerfällige Deutsche zu transportieren, ist schier unmöglich. Herausforderung der Übersetzung Viele Wortspiele lassen sich nicht übersetzen, zumal, wenn sie sich auch noch reimen müssen. So wird die deutsche Fassung zum eigenständigen Text, der durchaus funktioniert, wenngleich er artifizieller, gewollter wirkt als das Englische. Hier ein Beispiel von vielen. „A year. A year. That snooty tweedy / Son-of-an-East-Coast-bitch – I thought / You’d see right through this act, his weedy / Compliant charm – or would have fought / The flattery, pressure – what? – temptation? / – What a laugh! – whimsy, inspiration..." So klingt Seth höchstselbst. Daraus werden, nah zwar am Original, aber weniger schmissig, bei Fricker folgende Zeilen: Ein Jahr. Ein Jahr. Der kleine Schisser, / Der Schnösel aus der Schnöselwelt, / Der sich an dich heranschmiss, Pisser, / Der mehr sich selbst als dir gefällt, / Hast du den nicht durchschaut? Verführung, / Und Druck und schmierige Berührung ... Quelle: Vikram Seth – Golden Gate Ein süßer Überfluss Bei aller Kunstfertigkeit stellt sich aber doch irgendwann die Frage: Warum eigentlich erzählt Seth seine moderne Geschichte in altertümlicher Lyrik, wenn es Prosa auch getan hätte? Er fragt sich das sogar selbst: „Wie kann ich diese Form begründen, / Den ganzen komplizierten Reim, / Sind das nicht alles Jugendsünden, / Ein gammeliger Haferschleim, / Den ich in Puschkins Backform gieße? / Was braucht die Welt – verquirlte Grieße?“ Die simple Antwort wäre: Der Autor wählt die Form schlicht aus Jux und Tollerei, also aus reiner Lust am Sonett. Aber diese Lust überträgt sich auf die Lesenden: Lässt man sich auf den Rhythmus ein, auf Sprachmelodie und Sprechtakt, wird man davon leichterhand fortgetragen. Mehrwert durch lyrische Form Und automatisch immer tiefer in die Geschichte hineingezogen. Die lyrische Form erzeugt so durchaus einen Mehrwert. An einer Stelle weist der Erzähler darauf hin, wie sehr einen „Eugen Onegin“ mitreißt – und by the way, warum nicht auch „Golden Gate“? Ich möchte Ihnen nahelegen, / Sich von dem schönen Buch bewegen / Zu lassen, dessen leichter Fluss, / Ja, dessen süßer Überfluss / Mich angeregt hat, so zu schreiben. Quelle: Vikram Seth – Golden Gate Auch der Rezensent kommt zum Schluss, was hier sprießt und fließt, was fasziniert man liest, ist durchaus Genuss, übersetzerisch zuweilen verwegen, weil‘s sich halt reimen muss: deswegen.

  • Friday · 1 min

    Etiketten sind etwas für Apotheker: Jeet Thayil über „Chelsea Girls“

    „Chelsea Girls hat mich nicht mehr losgelassen.“ „Ich habe Eileen Myles Buch „Chelsea Girls“ vor vielen, vielen Jahren gelesen, und es hat mich seither nicht mehr losgelassen“, schwärmt der indische Autor Jeet Thayil. Darin erzählt die amerikanische Autor*in Myles von den 1980er Jahren in New York: von den eigenen lesbischen Beziehungen, den ersten künstlerischen Arbeiten und von der durchaus rauen amerikanischen Kunstszene. Das Buch erschien 1994 und wurde 2020 erstmals ins Deutsche übersetzt. Belletristik, Sachbuch oder Memoir? „Das Buch ist bewegend, es zeugt von emotionaler Intelligenz und es ist wunderschön geschrieben,“ äußert Jeet Thayil. „Außerdem ist es ein experimentelles Werk, denn schon vor so langer Zeit wusste Eileen Myles, dass diese Etiketten, die wir der Literatur aufdrücken – Belletristik, Sachbuch, Memoir –, nichts bedeuten. Etiketten sind etwas für Apotheker und ihre Regale. Aber Etiketten sind nichts für Künstler.“ Eileen Myles performt mit der ILB House Band Jeet Thayil ist Kurator beim internationalen literaturfestival berlin 2026. Da er auch Musiker ist, wird das diesjährige Festival außergewöhnlich musikalisch. Sogar eine ILB House Band wurde gegründet. Bandleader ist der Schlagzeuger Diego Piñera. Mit dieser Band wird auch Eileen Myles während des Festivals performen.

  • Friday · 18 min

    Masala und Diskurs – Zwei neue indische Großromane

    Zwei dicke Bücher über das Indien der jüngeren Vergangenheit – das sind die neuen Romane von Booker-Preisträgerin Kiran Desai und von Debütantin Devika Rege. Beide Romane erzählen von der „inneren Heimatlosigkeit“ vieler Inder. Kiran Desais Roman heißt „Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“. Devika Reges Debüt trägt den Titel „Die rastlosen Jahre“. 700 Seiten Spice und Sinnlichkeit Bei Kiran Desai lernen sich Sonia und Sunny in einem Zug in den USA kennen. Erst später erfahren sie, dass sie einander bereits durch ihre Familien versprochen wurden. Desais 700-Seiten-Werk ist eine „groß angelegte Liebesgeschichte“, findet die Kritikerin Claudia Kramatschek. Trotzdem ist sie von diesem Roman nicht überzeugt, auch wenn er eine politische Skizze des Indiens der Jahrtausendwende liefert. „Der Roman ist stilistisch eine merkwürdige Kreuzung aus 19. Jahrhundert und dem, was man die englischsprachige indische Spice- und Masala-Literatur nennt“, urteilt Kramatschek. Kiran Desais sinnlich-detailliertes Erzählen sei „mit einer Überfülle hypertropher Details aufgeladen“. Auch wenn Hyperrealismus Desais Ziel war, so entstehe doch vor allem ein „Gefühl von Manierismus“. 400 Seiten Dialog und Diskurs Viel überzeugender findet die Kritikerin Devika Reges Roman „Die rastlosen Jahre“. Der 400-Seiten-Roman schließt zeitlich an Desais Werk an und erzählt vor allem vom Jahr 2014, in dem die hindunationalistische BJP an die Macht kam. Anhand von drei jungen Leuten und ihrem Umfeld beleuchtet Rege die politischen Veränderungen dieser Zeit, die auch als indische Identitätskrise zu lesen sind. Auffällig ist, wie viel in diesem Roman diskutiert wird. Dialoge werden zum Stilmittel, das „immer deutlicher macht, dass es bald kein Miteinander mehr gibt, sondern eigentlich nur noch ein Gegeneinander, eine Vereinzelung der Vielen.“ Claudia Kramatschek rühmt Rege für ihre „frische und sehr akkurate Stimme und das sehr akkurate Ausloten der soziopolitischen Veränderungen in der indischen Gesellschaft“. Ihr Fazit zu Rege: „Hut ab!“

  • Wednesday · 4 min

    Ein Augenblick der Schwäche

    An mehreren Stellen dieses Buches möchte man dem Helden zurufen, doch bitte umzukehren, einen anderen Weg einzuschlagen, den vorherigen Fehlern nicht noch einen weiteren hinzuzufügen. Und zugleich hofft man inständig, dass sich der Schlamassel, in den er hineingeraten ist, zum Wohlgefallen aller auflösen möge. Es ist der Kunst des Autors Dror Mishani zuzuschreiben, dass wir auf ganz unmittelbare Weise mit seinem Helden mitfiebern, sein Glück so hautnah empfinden, dass es die reinste Qual ist zu sehen, wie es ihm aus den Händen gleitet. Hinein in psychologische Abgründe Einfach aber ist es nicht, seinen raffiniert konstruierten und ungewöhnlich erzählten Roman „Nicht“ zu würdigen, ohne seine Pointen und Wendepunkte preiszugeben, die zum Lesevergnügen wesentlich beitragen. „Nicht“ ist zwar kein wirklicher Krimi – für seine Krimis um den Ermittler Avi Avraham wird der israelische Autor hoch gelobt –; aber doch ist es ein Buch, das in psychologische Abgründe führt und mit der Vertuschung eines Ereignisses zu tun hat, das zerstörerisches Potential birgt. „All das, was du in einem Augenblick der Unachtsamkeit, oder Schwäche, verloren hast, begreifst du. Der Sack voller Geschenke war eine Illusion, Eli. Oder du hast dich getäuscht, und es war überhaupt kein Sack mit Geschenken, sondern eine Art von Wette. Ein Spiel.“ Selbstgespräch, Selbstbezichtigung Eli ist Anfang fünfzig, seit ein paar Jahren verwitwet. Als Übersetzer hat er sich auf Kriminalromane spezialisiert, aber er weiß: KI wird seiner Profession den Garaus machen. Auch sonst sind seine Erwartungen düster: Seine Tochter, eine erfolgreiche Juristin, fühlt sich zwar mit dem Vater verbunden; sein Sohn aber hat sich nach dem Tod der Mutter von Eli abgewandt – die Gründe erscheinen ihm rätselhaft, und sie bleiben es bis zum Ende. Elis Ahnung, dass in seinem Leben das Beste weit hinter ihm liegt, beherrscht seinen Alltag. Und dann wird diese Grundstimmung doch irritiert: Er lernt die etwas jüngere Cellistin Lia kennen. Lia verliebt sich; Eli verliebt sich. Hier wird einiges schiefgehen Aber so wie die Geschichte erzählt wird, mit Vorausdeutungen und Zögerlichkeiten, in einem Selbstgespräch, das die Verwunderung über das Tun des eigenen Ich illustriert und eine Direktheit herstellt, weiß man doch rasch, dass hier einiges gewaltig schiefgehen wird. „Wir kommen mit der Geschichte nicht recht voran, weil es Dinge gibt, die du aus Angst nicht erzählen willst, aber komm, lass uns das nicht länger aufschieben, das macht keinen Sinn“, schreibt Mishani. „Wir werden ohnehin dazu kommen, denn das ist ja der Grund, warum wir uns hingesetzt haben, um es aufzuschreiben. Wir wollten doch die Wahrheit erzählen, oder nicht? Also los, lass uns auf unserem Weg dorthin keine Zeit mehr verlieren.“ Eine Zwickmühle Was aus Angst nicht erzählt wird, soll hier auch nur angedeutet werden: Eli und Lia kommen sich immer näher. So nahe, dass sie ihn bittet, in seine Wohnung zu ziehen, auf ihren geliebten Hund Felix aufzupassen, während sie zu einem Auftritt ihres Streichquartetts nach Wien fliegt. Ein bisschen nagt an ihm, dass der Leiter des Quartetts einst eine stürmische Affäre mit ihr hatte. Das wird noch eine Rolle spielen. Lia ist also weg, er kümmert sich um den Hund, mit dem er sich anfreundet. Und dann geschieht ein Unglück mit dem Tier, und dieses zieht weitere nach sich: Es ist ein Drama antiken Ausmaßes, eine Situation, in der kein Handeln zu einem guten Ende führen kann. Eine Zwickmühle. Eli entscheidet sich in seiner Panik für einen Weg, der unweigerlich Richtung Abgrund führt: Er verstrickt sich in ein Gespinst aus Lügen. Er kämpft verzweifelt um seine Liebe und gerät dabei in eine komplexe und immer aussichtslosere Situation, die ihm sonst nur aus den Büchern bekannt ist, die er übersetzt. Er muss alles dafür tun, nicht aufzufliegen. Und so wird der Liebesroman „Nicht“ doch noch zu einem außergewöhnlichen Krimi, der sich tief auf die psychologischen Irrungen und Wirrungen eines verzweifelten „Liebestäters“ einlässt – und uns die Dynamik von gnadenlosem Zufall und fataler Intution vor Augen führt.

  • Tuesday · 4 min

    „Blühende Landschaften“ – wie Schlagworte ein Land prägen

    „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Ich bin ein Berliner. Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das.“ Wer kennt sie nicht, Schlagworte wie diese, die bestimmte geschichtliche Epochen einleiteten, beendeten oder beschrieben, mitunter aber auch erst ermöglichten? Wie der Versprecher von Günter Schabowski auf der Pressekonferenz 1989, der Reisefreiheiten für DDR-Bürger „sofort, unverzüglich“ in Aussicht stellte und damit den Fall der Mauer einleitete? Bruno Preisendörfer hat sich 14 solcher berühmten Sätze vorgenommen und beschreibt anhand dieser deutsche Nachkriegsgeschichte. Höhen und Tiefen in der deutschen Nachkriegsgeschichte Launig und anekdotisch, immer faktenreich und mit vielen statistischen Belegen unterfüttert, oft mit persönlichen Bemerkungen gespickt, durchmisst er Höhen und Tiefen politischer, kultureller oder sportlicher Entwicklungen des Landes. Dabei bilden die Schlagworte meist nur den rhetorischen Rahmen. So beleuchtet der Autor im Kapitel „Wohlstand für alle“, das auf Ludwig Erhards Sachbuch von 1957 anspielt, auch, was dahinter stand: Das Interesse der USA an einer starken Wirtschaft und prosperierenden westdeutschen Gesellschaft – Stichwort Marshallplan und 1949 eingestellte Reparationen – während im Osten bis 1954 20% der industriellen Anlagen abgebaut und in die Sowjetunion transportiert wurden und viele DDR-Betriebe ausschließlich für den Export nach Moskau arbeiteten. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten Schlagwortartig zusammengefasst: die USA investierte, die Sowjetunion demontierte. Quelle: Bruno Preisendörfer – Schlagworte, die Geschichte machen Die divergierende Entwicklung in beiden Ländern führte dazu, dass bis 1961 zwei Millionen DDR-Bürger ausreisten. Dem musste ein Riegel vorgeschoben werden. „Im Juni 1961 reagierte Walter Ulbricht während einer Pressekonferenz auf die Frage einer Korrespondentin, ob es Pläne gebe, das Brandenburger Tor tatsächlich zu schließen, mit einem spöttischen Dementi:“ „Ich verstehe Ihre Frage so, dass es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer aufzurichten. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Fokus Bundesrepublik Ulbrichts letzter Satz wurde zu einem der wohl bekanntesten Schlagworte, das Geschichte machte. Das entgegen der weltberühmten Behauptung nunmehr geteilte Land ist für Bruno Preisendörfer allerdings kein Anlass, gleichberechtigt auf beide Staaten zu blicken. Sein Fokus bleibt auf die Bundesrepublik gerichtet. Aber nicht auf die Politik allein: Der Wohlstand in der Breite, wenn auch nicht für alle, setzte Kräfte und Mittel frei, um für Kultur in der Breite zu sorgen. Quelle: Bruno Preisendörfer – Schlagworte, die Geschichte machen „Kultur für alle“ heißt das dazugehörige Motto nebst Kapitel, angelehnt an das Buch von Hilmar Hoffmann aus dem Jahr 1979. Innerdeutsche Migrationsgeschichte Doch im vorliegenden Buch geht es dann doch wieder vorrangig um politische Entwicklungen. Bis hin zum letzten Kapitel: „Wir schaffen das“, Angela Merkels am 31. August 2015 ausgegebene Parole, die dem Verfasser Anlass bietet, einmal genauer auf die innerdeutsche Migrationsgeschichte zu schauen. Von 1950-1990 siedelten rund 5,275 Millionen DDR Bürger in die Bundesrepublik über, in umgekehrter Richtung waren es etwas über 500.000. „Darunter Wolf Biermann, der als Sechzehnjähriger im Mai 1953, also kurz vor den Aufständen des 17. Juni, ein Internat in der Nähe von Schwerin bezog, natürlich nicht ahnend, dass er 23 Jahre später ausgebürgert werden würde.“ Und weiter: „Und Angela Merkel, die 1954 noch in der Wiege lag, als ihre Eltern in die DDR übersiedelten, und der an dieser Wiege nicht gesungen wurde, dass sie einmal Kanzlerin in einem Deutschland werden würde, dessen Vereinigung von Menschen erzwungen worden war, die zu Hunderttausenden die entgegensetzte Richtung genommen hatten wie ihre Eltern 1954.“ Ein typisch hintersinniger Satz von Bruno Preisendörfer, der weise und unterhaltsam deutsche Nachkriegsgeschichte Revue passieren lässt.

  • August 3 · 4 min

    Zorniger Trip durch Putins Reich

    Die Schlüsselfigur von Viktor Jerofejews großem Rundblick auf die russischen Verhältnisse der Gegenwart heißt „Pontschik“, was auf russisch Krapfen bedeutet. Gemeint ist natürlich Putin. Da heißt es: „Schauen wir uns den Charakter von Pontschik an. Pontschik kann nicht leben ohne Feinde und ihre Entlarvung. Das kommt bei ihm aus der Kindheit, die schmerzlich, arm und voller Kränkung und Verhöhnung war. Er ist mehr Produkt seiner Kindheit als Zögling und Offizier des KGB.“ Der Weg in die neue Barbarei Es ist offensichtlich: Jerofejew liebt die karikierende, mal satirische, mal groteske Überzeichnung. Thematisch jedoch ist das vor allem ein Buch über die Frage, wie Russland auf den Weg in die titelgebende „Neue Barbarei“ geraten konnte. Es geht um Schuld, Nationalcharakter, politische Verbrechen, historische Lasten und den Überfall auf die Ukraine. Doch Jerofejew nutzt die essayistische Darstellung, die sich für eine solche Fragestellung anbietet, nur gelegentlich. Stattdessen hat er sich um eine freiere Form bemüht. Er nennt sie im Untertitel „Romanfantasie über die russische Schuld“. Wie sieht das aus? Das wesentliche Kunstmittel, durch das der Autor seinen Argumentationen narrative Bildhaftigkeit verleiht, ist der Einsatz allegorischer Figuren, indem er etwa die russische Schuld in Gestalt einer jungen Frau personifiziert. Und mehr noch: Ich heirate. Ich heirate die russische Schuld. In unserem Land kann man nicht nur Menschen heiraten, sondern auch Begriffe, abstrakte Gedanken, Utopien und obszöne Wörter. Quelle: Viktor Jerofejew – Die neue Barbarei Russische Geschichte und Gegenwart An der Seite dieser Ehefrau durchquert der Ich-Erzähler in 140 locker verbundenen Kapiteln eine zwischen Realismus und Phantastik changierende Landschaft von russischer Geschichte und Gegenwart. In Dialogform mit verteilten Rollen ergreifen historische und allegorische Figuren das Wort, die allerdings nur als Sprechblasen in Erscheinung treten: Hannah Arendt, Karl Jaspers, Thomas Mann zum Beispiel, oder Dostojewski und Turgenjew, aber auch zeitgenössische Minister, russische Volkstypen, ein Drohnenpilot, sogar die Vernunft persönlich. Ein Museumsleiter mit dem sprechenden Namen Leckomio exponiert die moralische Dickfelligkeit, die Jerofejew dem russischen Volkscharakter zuschreibt. Viel Zorn, Gram und Spott Das Buch quillt über von historischen Schlaglichtern, Anekdoten, persönlichen Reminiszenzen und Reflexionen, immer wieder zugespitzt durch satirische Obertöne, groteske Szenen, fulminante Anklagen. Ein Fazit ist dieses: „Was also ist die Barbarei des 21. Jahrhunderts, die in meinem Land den Sieg davongetragen hat? In erster Linie bedeutet sie das vollständige Ersetzen von Gerechtigkeit durch den Kult der Stärke. Pontschik wird getrieben von einem primitiven menschlichen Siegerinstinkt. Das ist toxisch.“ Trotz solcher klaren Ansagen gerät der Erkenntnisgewinn im Hin und Her zwischen kritischer Darstellung, fiktionalen Elementen und karikierender Überzeichnung nicht selten unter die Räder. Gewiss: Jerofejew hat sich damit offenbar viel Zorn, Gram und Spott von der Seele geschrieben. Darin steckt einiges an Gegenwehr gegen die Macht der faktischen Tyrannei. Aber gleichwohl ist der Nutzen, den sein Lesepublikum daraus ziehen kann, wohl nicht immer ganz so groß wie für ihn selbst.

  • August 2 · 3 min

    Weit weg sein und zu sich kommen: Martina Zschockes „Reisepsychologie“

    Dieses Buch stammt unverkennbar von einer begeisterten Reisenden. Martina Zschocke hat nicht nur Forschungsergebnisse zusammengetragen; es schwingt auch eigene Faszination mit. Ob es auch daran liegt, dass ihr während ihrer Jugend in der DDR verwehrt war, wirklich die ganze Welt zu bereisen? Reisen, so sagt sie jedenfalls, öffne buchstäblich alle Sinne. Und mehr noch: Das andere ist, dass durch Reisen einfach eine ganz grundlegend positive Stimmung kommt – also auch mehr Aufmerksamkeit, mehr Konzentration, einfach darauf basierend, dass insbesondere Neues sehr viel Dopamin ausschüttet – Quelle: Martina Zschocke „Also, das ist eines unserer besten Neurotransmitter, die wir so haben – was natürlich dazu führt, dass es eben einfach auch dieses Wohlgefühl macht. Das hängt natürlich stark von der Reiseform ab.“ Vom Ballermann bis zum Schweigeretreat: Formen des Reisens Von vielen Reiseformen erzählt die Psychologin in ihrem Buch. Vom atemlos-flüchtigen Erleben der Sensationslustigen ebenso wie vom kontemplativen Wandern in den Bergen mit seiner Wirkung buchstäblich auf Leib und Seele. Das Buch betrachtet, wie Menschen ihre Reise vorbereiten, wie sie sich dann auf den Weg machen, wie sie am Ziel ankommen und wie sie später auf ihre Reise zurückblicken. Alles basiert auch auf der langjährigen eigenen Untersuchung der Autorin. Interessant ist nicht zuletzt, was Reisen eigentlich bewirken kann. Reisen fördert Kreativität Unter anderem kann es Kreativität fördern. Martina Zschocke hat dazu mit vielen Kreativen gesprochen: mit Schriftstellern und Dichtern, mit Fotografen, Architekten und Komponisten. „Viele haben erzählt, dass Transiträume sehr stimulierend sind: Züge, Bahnhöfe oder Cafés, also Übergangsräume zwischen innen und außen. Dieses gleichzeitige Bei-sich-Sein und Draußensein hat eine sehr stimulierende Wirkung.“ Architekten erzählten mir häufig, dass sie in Flugzeugen kreativ werden. Das war auffällig, weil das sonst niemand nannte. Dichter und Schriftsteller dagegen beschrieben eher Züge als inspirierende Orte. Quelle: Martina Zschocke Wer anders als die Kreativen das ganze Jahr über im Büro oder auf dem Bau arbeitet, der erwartet tendenziell anderes von seiner Reise: Erholung. Aber die zu finden, ist gar nicht so leicht. So die Psychologin: „Für Erholung ist entscheidend, die eigenen Bedürfnisse im jeweiligen Moment zu kennen – und nicht einfach das zu machen, was alle tun oder was gerade auf Social Media gehypt wird. Was braucht man gerade jetzt am meisten für sich?“ Selbst Erleben statt Instant-Glück auf Insta Viele lassen sich nach Martina Zschockes Beobachtung eben doch davontragen: von Reiseberatungs-Apps oder den sogenannten sozialen Medien. Gerade der Einfluss von Instagram und Co. drängt das wirkliche Erleben zurück: das Sich-treiben-lassen, um die Welt selbst zu erkunden, mit allen Sinnen. Die Autorin plädiert für diese Form des Reisens, denn dann weite sich entscheidend der Blick: „Manchmal sind es die kleinen Entdeckungen am Rand, die den tiefsten Eindruck hinterlassen – die Dinge, mit denen man in Resonanz geht. Oft ist es gerade das Unerwartete: ein Lebensstil, ein bestimmtes Licht, eine Art zu bauen und zu leben oder bestimmte Farben. Alles mögliche.“ Dieses höchst anregende Standardwerk erfüllt eine doppelte Funktion: Zum einen beschreibt es das Reisen umfassend auf wissenschaftlichem Niveau. Zum anderen taugt es mit etwas Weiterdenken als praktische Anleitung auch für Laien: wenn man nämlich selbst eine unvergessliche Reise planen und erleben möchte.

  • July 31 · 11 min

    Özge Inan: „Ich mache mich als Autorin mitschuldig an dem, was ich beschreibe“

    Aufstieg einer jungen Dichterin Mit „Die Dichterin“ legt Özge Inan einen Roman vor, der den Literaturbetrieb als Spannungsfeld von Wahrheit, Erzählung und Aufmerksamkeitsökonomie ins Zentrum stellt. Im Buch wird die gefeierte Lyrikerin Emma Rodenstock zur Projektionsfläche einer Klassismus-Debatte und zugleich zur Figur in einem literarischen Spiel mit Authentizität. Jägerin und Gejagte Der Roman lebt von der Dynamik zwischen zwei Frauen: der Dichterin Emma und der jungen Journalistin Nazanin Esfahani. Die möchte Emma Rodenstock eigentlich nur für ein Porträt interviewen. Doch dann fällt ihr auf, dass an Emmas Biografie – sie verarbeitet in ihren Gedichten ihr Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen in Spandau – etwas nicht stimmen kann. „Früher oder später begeben sie sich in eine Situation der Jägerin und der Gejagten“, sagt Inan im Gespräch bei SWR Kultur. Aus einem harmlosen Porträt wird ein Journalismus-Thriller über Widersprüche, Inszenierungen und den Wunsch nach der „guten Geschichte“. Migration ohne Opferrolle Besonders eindrücklich ist, wie Inan dabei Nazanins Herkunft miterzählt: nicht als Defizit, sondern als selbstverständlicher Teil ihrer Professionalität. Özge Inan ist diese Darstellung wichtig, denn sie empfindet sie als authentische Darstellung einer Lebenswelt: Menschen mit Migrationsgeschichte, „die einfach ihren Job machen. Punkt.“ Anklage und Mitschuld Inan klagt in ihrem Roman nicht nur Medien und Feuilleton an, „die die Wirklichkeit in Gefäße pressen“, sondern auch sich selbst, als Autorin: „Ich bin natürlich Teil dieses Vertrags zwischen Autorin und Leserinnen.“ Der Roman zeigt den Literaturbetrieb als „exzellentes Feld für Lügen und Schwindeleien“. Wie viel Wahrheit verträgt dieser Betrieb wirklich?

  • July 31 · 9 min

    Wie Literatur Halt gibt, wenn Hass die Öffentlichkeit vereinnahmt: „Lesen per se ist schon widerständig“

    Ein Anschlag, ein Buch, ein rauer Wind Der tödliche islamistische Angriff auf den Berliner CSD hat Bianca-Maria Brandshofer tief getroffen: „Es ist schon ein Tieferschlag, ein Rückschlag, aber gleichzeitig dürfen wir uns davon nicht total verunsichern lassen.“ Die Mitbegründerin der queer-feministischen Buchhandlung o*books in Wien sieht den Anschlag im Kontext eines „anderen, raueren Windes“, der seit Jahren gegen queeres Leben weht. Diese Stimmung ist Ausgangspunkt für das Sachbuch „Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm“, das sie gemeinsam mit Tobi Schiller und Marlon Braunshofer geschrieben hat. Was macht einen Text queer? Gemeinsam gehen sie auch der Frage nach, was ein Buch queer macht: Queer sei „alles, was nicht der heteronormativen, gesellschaftlich akzeptierten Form des Lebens oder Liebens“ entspricht, meint Braunshofer im Gespräch im SWR Kultur „lesenswert Magazin“. Im Buch eröffnet das Autor*innentrio einen Kanon von Sappho bis Thomas Mann – und entdeckt Queerness sogar neu bei Kafka. Lesen als leiser Widerstand Doch wie kann Literatur Akzeptanz vermitteln? Brandshofer beschreibt Lesen als widerständigen Akt: „Lesen per se ist ja ein Akt, der schon alleine, weil er so leise ist, widerständig sein kann.“ Literatur könne Identifikation ermöglichen, „Exit-Strategien“ bieten und helfen, gesellschaftliche Bedrohungen innerlich zu verarbeiten. Queerness ins Klassenzimmer Brandshofer fordert mehr vollständige Bücher in Lehrplänen und Mut zur queeren Schullektüre: Queerness gehöre „zu unser aller Leben dazu“. Ihr Gespräch macht deutlich: Wer queer liest, liest die Welt anders – und lernt, sie nicht kampflos hinzunehmen.

  • July 30 · 6 min

    „Wenn ich dieses Buch lesen würde, würde ich es gegen die Wand werfen“

    Viele Lügen ab der ersten Seite Schon auf der ersten Seite beginnt diese Ruby Cooper, ihre Leserinnen und Leser zu täuschen, lügt und betrügt. Und trotzdem folgt man ihr bereitwillig über mehr als fünfhundert Seiten: „Zum zweiten Mal innerhalb von sechs Wochen bin ich neben dem falschen Ehemann aufgewacht. Meine Kleider waren überall im Zimmer verstreut, genauso wie damals in Boston und ich versuchte nicht daran zu denken. Schuld ist meine Schwester.“ Quelle: Liz Nugent – Die Wahrheit über Ruby Cooper Liz Nugent betritt vermintes Gelände Ruby wächst Ende der 90er als Tochter eines Pastors in Boston auf. Ihre Familie ist wohlhabend, liebevoll. Eines Tages beschuldigt sie Milo, den Freund ihrer Schwester Erin, der Vergewaltigung. Die Beweise sind erdrückend und Milo wird zu 13 Jahren Haft verurteilt. Und auch Erin ist schließlich von Milos Schuld überzeugt. „Er blieb dabei, dass es keine Penetration gegeben habe und dass er sich gegen sie wehren musste. Ein zierliches Mädchen wie Ruby? Ein DNA Test besiegelte sein Schicksal und brach mein Herz in zwei Teile.“ Quelle: Liz Nugent – Die Wahrheit über Ruby Cooper Ohne zu viel zu verraten: die Vergewaltigung hat es nicht gegeben, Ruby lügt. Liz Nugent betritt damit vermintes Gelände – und das ganz bewusst: Vorgetäuschte Vergewaltigungen kommen nur äußerst selten vor, viel wahrscheinlicher ist es, dass Vergewaltigungsopfern nicht geglaubt wird. Dass ihr Roman durchaus als antifeministisches Statement betrachtet werden könnte, diese Befürchtung hatte die irische Autorin Liz Nugent beim Schreiben natürlich auch. Trotzdem hofft sie, dass die Leserinnen ihren Frust über Ruby nicht am Buch abreagieren. „Ich hoffe, die Leser werfen das Buch nicht gegen die Wand“ „Gott, wenn ich dieses Buch lesen würde – würde ich es gegen die Wand werfen oder weiterlesen, sobald ich an diese Stelle komme? Und ich hoffe, dass niemand es gegen die Wand wirft; ich hoffe, dass an dieser Stelle niemand aufgibt, denn man muss einfach weiterlesen, um zu erfahren, was der Vorfall tatsächlich für Konsequenzen hat“, sagt Liz Nugent über ihr Buch. Es geht Liz Nugent weder um einen gesellschaftspolitischen Kommentar, noch um die Details eines Kriminalfalls. Sie interessiert sich für Fragen von Schuld und für das Seelenleben ihrer Figur, einer Figur, die kaum auszuhalten ist. Neben ihrer älteren Schwester Erin fühlt Ruby sich minderwertig, denn Erin ist hübscher, klüger, beliebter – Ruby ist zutiefst neidisch. Ruby ist keine eindimensionale Bösewichtin Ruby lügt und täuscht ihre Umgebung jahrzehntelang. Dennoch ist sie keine eindimensionale Bösewichtin- sondern einfach nie über Verletzungen, die sie als Jugendliche erlebt hat, hinweggekommen. Nugent beschreibt: „Zum einen gibt es einen sehr gruseligen Vorfall mit einem Mann aus ihrer Kirchengemeinde. Und dann hört sie eines Abends wie ihr Vater zu ihrer Mutter sagt: Warum kann Ruby nicht wie ihre Schwester Erin sein? Sie macht es einem schwer, sie zu lieben. Und wissen Sie, wenn Sie das Ihren Vater über sich sagen hören, wie verletzt wären Sie?“ Liz Nugent entschuldigt ihre Protagonistin nicht, macht aber deutlich, wie sehr Kränkungen sich in die Seele eingraben können. Die Geschichte folgt Ruby über Jahrzehnte ihres Lebens. Sie zieht mit ihrer Mutter, die ursprünglich aus Irland kommt, weg aus den USA, nach Dublin. Die einst glückliche Familie zerreißt und Ruby findet keinen Frieden. Passenderweise wird sie Schauspielerin. Und: Alkohol- und Drogenabhängig, die Sucht ist der Preis, den sie für die Lüge zahlt. Ohne Ehrlichkeit kann man die Sucht nicht besiegen „Ich sollte eine siebenwöchige Entziehungskur machen. Man musste bei der Ankunft nüchtern sein. Mom gab mir noch ein paar Ratschläge, bevor ich hineinging: ‚Denk dran, Ruby, du bist ein Vergewaltigungsopfer, das ist die Wurzel deines Problems. Sag ihnen, was du der Polizei gesagt hast. Ich bin sicher, sie werden dir helfen können‘“. Suchterkrankungen sind ein großes Thema des Romans. Liz Nugent kennt sich damit aus, auch ihr Vater war alkoholabhängig. „Ehrlichkeit ist der erste Schritt auf dem Weg aus der Sucht. Aber Ruby kann nicht ehrlich sein. Sie hat Phasen, in denen sie trocken ist, aber sie ist nie wirklich trocken, weil sie nie wirklich ehrlich ist“, erklärt Liz Nugent. Die Figuren führen Liz Nugent durch den Roman „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist ein Roman, der genau darum kreist: Unehrlichkeit und Selbsttäuschung – um die Geschichten, die Menschen sich erzählen, damit sie weiterleben können. Liz Nugent braucht keine billigen Cliffhanger, sondern vertraut auf die Sogwirkung des komplexen Psychogramms ihrer Figur. Sie plant ihre Romane nicht bis ins Detail, weiß selbst am Anfang nicht wie die Geschichte ausgeht. Sie lässt sich einfach von ihren Figuren leiten: „Ich fordere meine Leser gerne heraus, und ich mag es, wenn die Dinge unvorhersehbar sind. Ich glaube, genau deshalb plane ich meine Bücher auch nicht im Voraus“, sagt Liz Nugent über ihren Schreibprozess. „Würde ich sie planen, könnte ich es mir wahrscheinlich nicht verkneifen, hier und da einen kleinen Hinweis einzubauen. Aber das mache ich nicht. Und ich denke: Wenn es für mich eine Überraschung ist, dann ist es das auch für den Leser.“ Psychothriller auf höchstem Niveau Immer wieder bekommt Ruby die Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen. Und immer wieder entscheidet sie sich dagegen. Man sieht ihr dabei zu, wie sie das Leben aller Menschen zerstört, die ihr nahestehen – und schließlich auch ihr eigenes. Sie führt ihre Leserinnen und Leser tief in Rubys Gedankenwelt – und es ist wirklich keine schöne Welt. „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist ein Psychothriller auf höchstem Niveau, brillant konstruiert, der mit jeder Seite heftigere Emotionen auslöst. „Ich weiß, dass man Ruby nicht mögen wird. Sie ist keine sympathische Figur, aber irgendwie kompliziert. Als ich sie geschrieben habe, war ich sie gewissermaßen selbst. Deshalb kann ich alles aus ihrer Perspektive sehen. Und ich verstehe, wie viel sie zu verlieren hat, wenn sie die Wahrheit sagt.“ So beschreibt Nugent ihre Protagonistin: „Ich habe wohl etwas mehr Mitgefühl mit ihr, als es die Leser vermutlich haben werden. Ich glaube, die Leser werden sie wirklich hassen, aber ich hoffe, dass sie sich trotzdem auf die Reise mit ihr einlassen.“ Ein extrem kluger Sogroman „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist ein extrem kluger Sogroman über Schuld und die zerstörerische Macht einer einzigen Lüge. Ruby Cooper ist eine Figur, die man liebt zu hassen. Man möchte sie schütteln, anschreien, sie endlich die Wahrheit sagen hören – gerade deshalb kann man Ruby einfach nicht entkommen. Selten war eine Romanfigur so schwer zu ertragen – und so unmöglich wieder zu vergessen.

  • July 30 · 4 min

    Lieben mit Preisschild

    Michelle ist Anfang 30 und steht vor dem Nichts: Ihre Mutter ist an Krebs gestorben, sie hat hohe Schulden, und den kleinen Schmuckladen, in den sie so viel Herzblut gesteckt hatte, musste sie schließen. Also steigt sie auf ihre Vespa, lässt die Kleinstadt in der Lausitz, in der sie aufgewachsen ist, hinter sich und nimmt einen Job in einem Hotel an. Sie kommt gerade so über die Runden: „Wenn ihr am 20. des Monats die Raten für die Kredittilgung abgezogen wurden, lebte sie bis zur Lohnzahlung am 29. oder 30. von Nudeln und Gemüsebrühe. Sie wollte auf keinen Fall die Vespa verkaufen, dann lieber nach Feierabend noch eine Extra-Runde auf den Fluren drehen und kalte Pommes von den Servierwagen klauen.“ Liebe auf ungleichem Terrain Eines Abends lernt Michelle Henry kennen. Er ist attraktiv, intelligent, durch und durch ehrlich und – zumindest in Michelles Augen reich, denn er wohnt in einer Eigentumswohnung und verdient gut in der Finanzbranche. Schnell verliebt sich Henry heftig in Michelle. Er ist fasziniert von ihrer Bodenständigkeit und träumt bald von einer gemeinsamen Zukunft. Nur, dass Geld so ein großes Thema für Michelle ist, versteht er nicht, denn in seiner Welt gab es immer genug davon. „‚Wie fühlt es sich eigentlich an, so abgesichert zu sein?‘, fragte sie ihn in einer Nacht, in der sie nicht schlafen konnte. ‚Es fühlt sich…normal an. Schätze ich‘, sagte er schließlich langsam. ‚Es ist etwas … Selbstverständliches für mich.‘ ‚Ich stelle es mir vor wie eine warme Dusche, wie ein weiches Bett, als wäre das Leben dann perfekt.‘“ In ihrem zweiten Roman erzählt Ruth Maria Thomas keine klassische Liebesgeschichte, sondern davon, wie unterschiedlich zwei Menschen dieselbe Welt erleben können - je nachdem, mit welchen Voraussetzungen sie ins Leben gestartet sind. Klassenunterschiede verhandelt sie in den kleinen Reibungen des Alltags: beim Restaurantbesuch, bei Urlaubs- und Zukunftsplänen. Romantik muss man sich leisten können Michelle ist dabei die stärkste Figur des Romans. An ihr zeigt Thomas, dass Armut nicht nur den Kontostand verändert, sondern auch das Denken. Michelle fehlt nicht das Selbstvertrauen – ihr fehlt die Freiheit, Risiken einzugehen. Sie wirkt sehr berechnend, sieht überall Preisschilder und scheint sich ebenso in Henrys finanzielle Sicherheit wie in den Mann selbst zu verlieben. Romantik ist für Michelle kein Luxus, den sie sich leisten kann. ‚Du möchtest mich heiraten, damit ich … mich sicher fühle?‘ ‚Damit du abgesichert bist.‘ Statt nach dem Ring griff sie nach ihrer Zigarettenschachtel. ‚Mit wie viel Geld wäre ich denn abgesichert?‘ Quelle: Ruth-Maria Thomas – Die zweitgrößte Liebe Ihm wurde heiß, sein Kopf wurde schwerer, wieso musste sie von Zahlen anfangen, sie waren im Urlaub im Land der Liebe, und er hatte ihr gerade einen verdammten Ring an den Finger stecken wollen. Wo der Roman zu viel erklärt Ruth-Maria Thomas besitzt ein gutes Gespür für Dialoge und zwischenmenschliche Spannungen. Ihre Figuren sprechen lebendig und lebensnah, sie findet starke Szenen. Gleichzeitig vertraut sie der Wirkung dieser Szenen nicht immer und lässt stattdessen ihre Figuren ihre Gefühle und gesellschaftlichen Konflikte erklären, obwohl die längst klar sind: „‚Zieh zu mir. Zieh zu mir, spar dir die Miete, ich unterstütze dich.‘ Und er erschrak kurz über seine eigene Courage. ‚Du spinnst‘, sagte sie, und er konnte nicht erkennen, ob sie ihr Gesicht verzog“, schreibt sie. „Mit den nun glühendsten Wangen des Universums entschuldigte er sich, so habe er es nicht gemeint, nein, unterstützen im Sinne von dabei unterstützen, vielleicht doch noch einmal anzufangen, mit dem Schmuck, mit dem, was sie so sehr konnte und liebte, und da seufzte sie nur: ‚Ach, du Träumer.‘“ „Die zweitgrößte Liebe“ ist ein Roman, der die richtigen Fragen stellt: Wie frei kann Liebe eigentlich sein, wenn Geld ständig mit am Tisch sitzt? Nicht jede Szene trifft den richtigen Ton, doch Ruth Maria Thomas gelingt ein präzises Porträt zweier Menschen, die sich lieben – und dennoch an völlig unterschiedlichen Vorstellungen von Sicherheit scheitern.

  • July 29 · 6 min

    Tod des Autors im Luxushotel: Slata Roschals neuer Roman

    Slata Roschals dritter Roman „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“ oder „Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt“ – die Titel, die Slata Roschal für ihre Bücher wählt, sind ein Albtraum für Verlagsvertreter: Zu lang, das Gegenteil von griffig, erstmal unverständlich. Das gilt auch für ihren neuen Roman, Titel „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“. Vermutlich hat Roschal gute Argumente, um mit so etwas durchzukommen. Zum Beispiel, dass sie schon vielfach ausgezeichnet wurde und Jahr um Jahr mehrere Arbeitsstipendien erhält. Die Münchner Autorin, 1992 in Sankt Petersburg geboren, seit 1997 in Deutschland aufgewachsen und promoviert über Dostojewski, erfreut die Kritik mit Lyrik und erzählender Prosa zwischen widerständiger Originalität und Formbewusstsein. Identitäten, die nicht in Deckung zu bringen sind Ihr Schreiben speist sich aus ihren eigenen Lebensthemen, ihrer Erfahrung der nicht in Deckung zu bringenden Identitäten zwischen Sprachen, Kulturen, Religionen und weiblichen Rollen. Hinzu kommen ihr israelsolidarisches Engagement und ein scharfer Blick auf die brutalen ökonomischen Tatsachen des gegenwärtigen Literaturbetriebs. So ist es auch in ihrem neuen Roman mit dem Dreizehn-Wörter-Titel. Da verbringt Lea Stein, eine Frau Mitte dreißig mit Sohn im Grundschulalter, blödem Ehemann und prekärem finanziellem Hintergrund, vier Nächte in einem luxuriösen Literaturhotel. Eine neue Chance durch finanzielle Möglichkeiten? Eingeladen hat sie Erwin Groß, ein erfolgreicher Literaturagent Mitte fünfzig. Er will Lea als Sekretärin beziehungsweise Mädchen für alles anstellen. Sie sieht den Job als letzte Chance auf einen Neustart, eine Scheidung vielleicht. „Ich will ein anständiges Gehalt und eine Wohnung. Ich will, dass alle Geiseln nach Israel zurückkehren und dass jeder Fanatiker und Frauenhasser erschossen wird. Ich will meinen Mann ängstlich statt verärgert sehen, wenn ich ihm sage, dass ich ihn verlasse.“ Dabei hat Lea kein gutes Verhältnis zu sich selbst, zu ihrem aus dem Leim gegangenen Körper mit dem Intimvirus, zu ihrer Prägung durch die russisch-jüdischen, christlich-frömmelnden, postsozialistisch kleinbürgerlichen Eltern. Sie beobachtet sehr genau die anderen Frauen im Hotel, die selbstsicheren, gepflegt-alterslosen Damen mit Geld, vor allem aber die Arbeitsmigrantinnen aus Osteuropa, die den zahlenden Gästen hinterherputzen und diese ihrerseits beobachten. Was das Zimmer der Putzfrau über den Gast verrät Neben Lea kommen in Roschals auktorial-multiperspektivischem Erzählen einige dieser Frauen zu Wort. Hana zum Beispiel, die für Leas Zimmer zuständig ist: „Nummer siebzehn ist weg zum Frühstück, denkt Hana um neun Uhr fünfzehn. Ich klopfe. Halte die Karte ran, rolle den Wagen rein [...] Ich hole neue Mülltüten und spanne sie auf, mache das Bett, sammle Kleidung vom Boden. Dunkelrote Hose, schwarze Bluse, so dünn, dass sie sich nicht falten lässt, Socken, Wäsche, die Unterhose hat mehr Luft als Stoff, wohl breite Hüften und kleine Brust. Wische die Krümel vom Tisch, gehe den Staubsauger holen, am ersten Tag lassen die Leute alles liegen, dann merken sie, dass ich da bin, und räumen auf.“ Vom Nebeneinander der Soziotope Und dann ereignet sich der vielzitierte Tod des Autors – aber wortwörtlich: Ein Kriminalschriftsteller, der im Hotel eine Lesung geben sollte, wird leblos in seinem Zimmer aufgefunden, mit blutender Kopfwunde. Unfall? Mord? Erwin, ein alter weißer Literaturbetriebsonkel, wie er leider schon vielfach im Buche steht, drängt Lea unmotiviert zu einer Art Ermittlungsarbeit. Die Lösung des Falls wirkt willkürlich. Tut nichts, die locker gestrickte Kriminalhandlung liegt löchrig über dem, wovon Slata Roschal eigentlich erzählen will: Vom Nebeneinander der Soziotope, deren Angehörige sich durch den Zugang zu Finanzmitteln wie zu Distinktionsmarkern unterscheiden. Das gibt Gelegenheit zu ausführlichem Aneinander-vorbei-Reden der beiden und inneren Monologen der, wie könnte es anders sein, scham- und komplexbehafteten Lea. Wie verortet man sich in der Welt der feinen Unterschiede? Die Welt der „feinen Unterschiede“ und die Selbstverortung literarischer Figuren darin, das scheint, nicht erst seit der Erfindung des Konsumkapitalismus, ein unkaputtbares Thema, das jede Autorengeneration neu durchbuchstabiert. Derzeit verbindet es sich bruchlos mit Moden des Buchmarkts – zu denen der Literaturagent Erwin, der sich mit allem gut auskennt, selbstredend eine lässig vorgetragene Ansicht hat: „Arme Migrantenkinder, sag ich mal, die sich auf ihre Wurzeln besinnen, frische Absolventen der Literaturinstitute, die wiederum glauben, ihre traurige Jugend aufarbeiten zu müssen, bevor es mit dreißig ins richtige Leben geht. Der Migrationskontext kann variieren, Türkei, Russland, Armenien, und ob der Absolvent nun nonbinär oder traumatisiert oder schizophren ist, macht keinen großen Unterschied. Und jedes dieser Bücher wird als bahnbrechend, originell beworben, eine Entdeckung der Saison“. Sprachliche Ambitionen und Klischees Ganz falsch liegt Erwin da nicht. Man denke nur an die vielen literarischen Nachahmerprodukte, die, themenfixiert und qualitätsblind eingekauft, die Verlagsprogramme verstopfen und angepriesen werden „für Leser von“ Saša Stanišić oder Fatma Aydemir oder Sasha Marianna Salzmann oder Kim de l‘Horizon. Slata Roschal wollte unübersehbar anderes und mehr, als auf schmalen 160 Seiten eine traurige Jugend oder migrantische Wurzeln aufarbeiten. Sie wollte sogar viel mehr – Mental Load, Missbrauch und Mansplaining vorkommen lassen zu Beispiel, die Nazizeit, die Schoa sowie das Trauma des 7. Oktober 2023 streifen. Das ist stellenweise einfach zu viel. Zudem lässt sich kaum ignorieren, dass durch sprachlich ambitionierte Sätze nicht selten die Klischees schimmern. Ohne all dies hätte „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“ vermutlich ein guter Roman werden können.

  • July 29 · 5 min

    Spannend, komisch, traurig und klug: Yael Inokais neuer Roman „Die Auster“

    Ein Kaufhaus als Roman-Schauplatz „Dass ich über ein Kaufhaus schreiben wollte, das wusste ich schon sehr lange. Für mich steckt da wahnsinnig viel Verheißung drin, ein unfassbarer Aufwand für diese Verheißung und auch die ganze Leere des Konsums. Das ist etwas, das ich immer spannend fand und wo ich dachte, da möchte ich Figuren haben, da möchte ich was erzählen," verrät Yael Inokai. In ihrem neuen Buch „Die Auster“ führt sie ihre Leser nun an einen mondänen Ort par excellence: das Nobelkaufhaus. Darin ist die Schweizerin geübt: Sie gehört zu den ortskundigsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ihre Romane leben von Schauplätzen, die weit mehr sind als bloße Kulisse: Sie erzeugen eigene soziale Regeln, Wahrnehmungen und Zeitlichkeiten und werden so zu literarischen Mikrokosmen. In „Ein simpler Eingriff“ von 2022 sorgten eine Klinik und das zugehörige Schwesternwohnheim für die sanft-beklemmende Grundstimmung des Romans. Das Kaufhaus in „Die Auster“ – das unverkennbar an das Berliner KaDeWe erinnert, hat seine besten Tage hinter sich: Auch wenn man in der Feinkostabteilung unterm Dach noch Austern schlürfen kann, ist der Glanz des Exquisiten längst dem schnöden Konsum gewichen. Im Herz des Wohlstands Doch damit nicht genug: eines Morgens im Winter wird der Leiter des Kaufhauses, Dr. Joachim Bronstedt, ermordet in seiner Villa in Berlin-Grunewald aufgefunden. Die erste am Tatort: seine 73-Jährige Putzfrau Leonora Bloch. „Er lag am wärmsten Ort des Hauses. Leonora hatte sich selbst einmal auf diesen Boden gelegt, in einem selbstvergessenen Moment vor vielen Jahren. Seither war das für sie untrennbar mit Reichtum verknüpft: nach einem Arbeitstag an der Tür die Schuhe ausziehen und barfuß durch das Haus spazieren.“ Verlustängste haben, einen Mantel aus Kaschmir besitzen, von einer Fußbodenheizung getröstet werden. Quelle: Yael Inokai - Die Auster Leonora kennt den Westberliner Wohlstand aus jahrzehntelanger Anschauung. Nicht nur reinigte sie rund 40 Jahre lang Bronstedts Villa, sie kann auch auf eine lange „Karriere“ als Aushilfe im Kaufhaus zurückblicken. Obwohl Leonora ihr Leben lang gearbeitet hat, hat sie nie viel besessen – und bereits vor Jahrzehnten das Wichtigste verloren: ihren Sohn Sebastian. Seither macht sie um Gespräche einen Bogen und führt ein Leben am Rand der Gesellschaft: nicht glücklich, aber immerhin selbstbestimmt. Sehen, ohne gesehen zu werden Im Großen und Ganzen war sie unsichtbar, konnte durch die Welt gehen, als gäbe es sie nicht. Quelle: Yael Inokai - Die Auster „Nur manchmal hob sich das auf. Dann war es wie ein Scheinwerfer, der auf sie fiel. Die Leute kamen drauf, dass sie als Putzfrau arbeitete, sie dachten an ihre Omas und Mütter, an ihre eigene Rente, an das Elend des Älterwerdens, und die Augen füllten sich mit Mitleid.“ Wer so unsichtbar ist wie Leonora Bloch, bekommt viel mit. Klar, dass sie, die den Toten fand, in Verdacht gerät. Zumal sie vor dem Eintreffen der Polizei noch pflichtbewusst alle Blutspuren bereinigt hat. Mit großem Vergnügen verfolgt man, wie Inokai aus der Gemengelage von Polizei, Presse und neugierigem Großstadtpublikum eine kollektive Erregung entstehen lässt. Und wie diese Aufregung in Leonora Bloch einen unerbittlichen Wellenbrecher findet, an dem alle aufdringlichen Fragen abprallen. In Begleitung dieser renitenten Antiheldin kommen weder die Leser noch die Polizei der Lösung des Falles näher. Doch genau diese Langsamkeit wird zum eigentlichen Kunstgriff des Romans. Denn so souverän Inokai diese Klaviatur auch bespielt, ihr Text ist weit mehr als nur ein Krimi. Poetik des Alters „Die Auster“ ist ein beeindruckender Roman über Müdigkeit und über das Altern in einer rastlosen Gegenwart. Am beeindruckendsten aber ist, wie Inokai die Mühsal des Alters in eine literarische Qualität verwandelt. Denn unter der Langsamkeit der Leonora Bloch dehnt sich der Raum um sie und tritt wie in Zeitlupe geschärft hervor: Das Kaufhaus, das mit seinen tausend Gerüchen, den Menschenmassen und dem Lärm im Grunde genommen eine einzige große Zumutung ist. Und Berlin, diese große Stadt, deren Hektik sich in Leonoras Müdigkeit bricht und für deren winterliche Trostlosigkeit der Roman die richtigen Worte findet. „Ein einsamer Fahrradfahrer trat gegen den Wind an. Nicht einmal die Stadt selbst sah an dieser Ecke aus, als wäre sie gern hier. Viel lieber hätte sie Gehsteige, Gebäude, ihre Straßenlampen und Bushaltestellen eingepackt, um über die Bahngleise an einen netteren Ort abzuhauen.“ ‚Bringt nichts‘, brummte Leonora. Sie hatte immer geglaubt, anderswo könne ein Winter unmöglich so traurig sein wie hier. Aber er reiste allen hinterher, die schon zu lange in dieser Stadt lebten. Quelle: Yael Inokai - Die Auster Yael Inokai ist ein Roman gelungen, der vieles zugleich ist: spannend, komisch, traurig und klug – und bei alledem zutiefst berlinerisch. Vor allem aber ist er, wie schon ihre früheren Bücher, eine gute Schule für unsere Aufmerksamkeit.

  • July 28 · 4 min

    Auf der Suche nach „Zukunftsmut“. Gabriele von Arnims Tagebuch der Polykrise

    Gabriele von Arnim wird achtundsiebzig und beschließt an ihrem Geburtstag, ein Jahr lang Tagebuch zu führen über das Thema Abschied in seinen vielen Formen: als Trennung und Verlust ebenso wie als Befreiung und Verwandlung. Im Verlauf dieses Jahres wird in den USA Trump die Allianzen in der Welt verändern, Israel wird den Iran angreifen und Friedrich Merz wird mit Hilfe der AfD sein sogenanntes „Zustrombegrenzungsgesetz“ durch den Bundestag bringen. Die engagierte Demokratin von Arnim ist entsetzt. Sprache prägt das Denken „Sprache prägt das Denken, und aus dem Denken erwachsen Handlungen, Taten. Je häufiger wir das Wort hören, umso weniger soll es uns stören. Wieder ein gefährliches Normalisierungsgeschleiche in unsere Köpfe. Um dann ungestört die neue Normalität durchzusetzen“, schreibt von Arnim in ihrem Tagebuch. Trump macht es vor. Merz übt sich innenpolitisch noch im Trumpismus. Ich musste die Debatte im Bundestag immer wieder abstellen, weil mir übel wurde. Quelle: Gabriele von Arnim – Abschied leben Gabriele von Arnim muss sich im Jahr 2025 von vielen Gewissheiten verabschieden, politisch und privat. Freundinnen werden dement und schwer krank, sie selbst ist gehbehindert und wagt sich bei Glatteis nicht mehr auf die Straße. Aber sie verabschiedet sich auch von ihrem lebenslangen Kontrollzwang und erlaubt es sich, Tage auf dem Sofa zu verträumen. „Ich will auf Zerstörung nicht mit Selbstzerstörung antworten“, sagt sie, aber dann stürzt sie sich jeden Morgen wieder mit, wie sie es nennt, „räuberischer Gier“ auf die Nachrichten. „Immer mal wieder entferne ich mich vom Weltgeschehen, übe mich in der Ausblendung aktueller Schrecken. Aber die Gefühle des Entsetzens, die innere Unruhe fräsen sich immer mehr in mich hinein. Immer wieder muss ich Kraft und Lachen suchen in mir, Weltmut.“ Auf der Suche nach Zukunftsmut Politik nimmt den größten Raum in diesem Tagebuch ein, und heute wissen wir: Es ist vieles noch schlimmer gekommen. Das Medium Buch eignet sich nicht gut für Tagespolitik, das können Zeitungen und das Internet besser. Gabriele von Arnim macht sich bei Psychologinnen, Historikern, Soziologen und Schriftstellerinnen auf die Suche nach dem, was sie Zukunftsmut nennt. Sie findet durchaus Beispiele gelebten Miteinanders, aber sie selbst scheint sich nicht ermutigt zu fühlen und wird von Fragen umgetrieben. Wie kann eine Gesellschaft resilienter, wie repariert werden, wie übt man Widerstandskraft, wie lernen, den erreichten Fortschritt zu beschützen und daraus Befriedigung zu ziehen. Woran sich orientieren, wenn ‚Weltverlust‘zu ‚Selbstverlust‘ führt. Quelle: Gabriele von Arnim – Abschied leben Räume des gegenseitigen Vertrauens schaffen Das ganze Jahr über ringt Gabriele von Arnim darum, trotz der Ereignisse in der Welt ihre Kraft nicht zu verlieren. Dieser Balance-Akt ist Menschen, die bewusst leben, sehr vertraut. Gerade deshalb wäre es so wichtig gewesen, dass diese kluge Autorin nicht nur ein Zeitgefühl in Worte fasst, sondern zeigt, wie man sich auch als politisch wache Person Freude und Leichtigkeit bewahren kann. Im Grunde weiß sie ja, was nötig wäre, auch wenn es bei ihr vorerst noch wie eine Beschwörung klingt. „Jetzt gilt es mehr denn je, Anstand und Rebellion, Mitgefühl und Freiheit zu leben und zu bewahren, Ideen zu entwickeln. Uns mit anderen zu verbinden und zusammen kleine Räume der Offenheit oder gar Zartheit zu gestalten, Räume des gegenseitigen Vertrauens. Das Freiheits-Fundament, das wir noch haben, zu befestigen, damit auch die nächste Generation noch einigermaßen stabil darauf stehen kann.“

  • July 27 · 4 min

    Wie eine Frau gegen ihre Seelenqualen kämpft

    Die Ich-Erzählerin von Naja Marie Aidts Roman „Aus dem Dunkel“ führte ein auf den ersten Blick normales Leben. Doch dann stößt ihr im Alter von 57 Jahren etwas Schreckliches zu, über das sie unfähig ist, zu sprechen. Sie wird krank, muss ihre Arbeit als Leiterin einer Kita aufgeben. Selbst die Bewältigung des Alltags fällt ihr schwer und Begegnungen mit den drei Söhnen, den beiden Enkelinnen oder mit ihren vier Freundinnen aus Jugendzeiten steht sie oft nicht durch. Ihre Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung. Sie besucht regelmäßig einen Therapeuten, den sie den PTBS-Mann nennt. „Es ist mitten am Tag, aber das Wintergrau wirft keine Schatten, zerfließt beinahe. Ich liege auf dem grünen Sofa und schreibe Nicola. Die Lampe mit dem gelben Schirm wirft sanftes Licht auf die Kommode in der Wohnzimmerecke. Februar. Mein Körper ist bleischwer, wie immer, wenn ich zurückkomme“, schreibt Naja Marie Aidt. Nach den Sitzungen bin ich wahnsinnig erschöpft. Mir wurde strenge Ruhe verordnet. Das ist sehr belastend, hat man mir erklärt, wenn Sie hier waren, dürfen Sie sich erst mal nichts anderes vornehmen. Quelle: Naja Marie Aidt – Aus dem Dunkel Eine Art Therapietagebuch Der Roman ist eine Art Therapietagebuch. Die Erzählerin lässt die Leserschaft an den Sitzungen teilhaben. Sie gibt Teile der Dialoge mit dem PTBS-Mann wieder, andere fasst sie zusammen. Sie wird von Sitzung zu Sitzung tapferer, sich ihren Dämonen zu stellen. Dabei kommt unter anderem heraus, dass sie als Kind unter der Gewalt des Vaters und einer wegschauenden Mutter litt und im Alter von neunzehn Jahren vergewaltigt wurde. Mit dem furchtbaren Erlebnis, das die Posttraumatische Belastungsstörung ausgelöst hat, kann sie sich und die Leserschaft erst am Ende der Therapie – und des Romans – konfrontieren, weil ihr zuvor die Kraft fehlt. Das macht das Buch spannend. Die Leserschaft erfährt auch, dass dieses Erlebnis nicht die alleinige Ursache für den Zusammenbruch war, der sich etwa in Angstattacken äußert: „Trauen wir uns, allein in einem Ferienhaus mit großen Fenstern zu übernachten trauen wir uns, allein spazieren zu gehen, im tiefen Wald am verlassenen Strand trauen wir uns, abends durchs Industriegebiet zu radeln trauen wir uns, einen späten Zug nach Hause zu nehmen (wie kommen wir vom Bahnhof nach Hause?) trauen wir uns, ein Taxi zu nehmen, trauen wir uns, dem Fahrer zu trauen? Und so weiter.“ Wir trauen uns besser nicht. Nicht, weil wir übertrieben ängstlich sind, sondern weil wir einen Grund haben. Quelle: Naja Marie Aidt – Aus dem Dunkel Der öffentliche Raum als Bedrohung Der Roman ist nur vordergründig die fesselnde Überlebensgeschichte einer einzelnen Person, er setzt vielmehr literarisch um, was Millionen von Frauen tagtäglich erleben: Sie sind der Gewalt von Männern ausgesetzt und der öffentliche Raum ist eine Bedrohung für sie. Viele Frauen werden sich deshalb in dem Roman wiederfinden. Aidts Erzählerin klagt nicht, sie kämpft, was das Buch erst recht lesenswert macht. Unterstützung hat sie dabei von ihren vier Jugend-Freundinnen. Im Gegensatz zu ihrer Familie geben sie ihr Halt, ohne Gegenleistungen zu erwarten. „Nicola schickt mir oft ein Herz, wenn ich zu Hause angekommen bin. Nicola mit den krausen Haaren und den kräftigen Händen. Und Annie und Lea und Rose. Meine Freundinnen. Wir sitzen gern in einer unserer Küchen zusammen und trinken Kaffee.“ Ohne diese Freundinnen, diese Frauen, die alle ihr Päckchen zu tragen haben, hätte ich mein Leben nie bewältigt. So sehe ich das. Sie sind meine Gefolgschaft und umgekehrt. Quelle: Naja Marie Aidt – Aus dem Dunkel Ein Mutmacher-Buch Naja Marie Aidts Roman ist somit ebenfalls ein Plädoyer für Freundschaft. Auch sie hilft ihr aus der Depression. Man erfährt vom Auf und Ab der Therapie und kennt schließlich das Leben der Erzählerin mit all ihren kleinen und großen Geheimnissen. Wenn es zunächst so aussehen mag, als sei „Aus dem Dunkel“ ein pessimistischer Roman – er ist genau das Gegenteil: Ein Mutmacher.

  • July 26 · 4 min

    Macht und Sex im antiken Rom

    Valeria Messalina – Hochadelige im antiken Roman und Ehefrau des Kaisers Claudius. Messalina – bis heute Synonym für sexuelle Ausschweifung, Nymphomanie und Habgier. Wie kam es zu diesem Geschichtsbild? Es ist die Geschichte einer Frau, die es in einer Welt von Männern wagt, Macht auszuüben, und die Folgen ihrer Entscheidung zu tragen hat. Quelle: Honor Cargill-Martin – Messalina Messalina und die männlichen Geschichtsschreiber Die Autorin Honor Cargill-Martin stellt zu Anfang ihres Buchs „Messalina. Intrigen, Macht und Orgien im antiken Rom“ eines klar heraus: Diejenigen, die nach dem Tod Messalinas über sie schrieben, waren ausschließlich Männer. Natürlich betrieben sie Nachforschungen, doch historische Genauigkeit oder Ausgewogenheit war damals kein Kriterium. Für Cargill-Martin ist es allerdings eines! Sie hat genau recherchiert und vor allem bettet sie das Leben der Messalina in die Geschichte ihrer Zeit. Mehr Bedeutung für die Rolle der Frau Mit Octavian, der als Herrscher den Namen „Augustus“ trug, änderten sich in Rom die politischen Verhältnisse gravierend. Die Republik mit ihrem Senat wurde mehr und mehr zu einer Monarchie umgestaltet. Dabei gewann die Rolle der Frau an Bedeutung. Sie avancierte zur Garantin dynastischer Nachfolge. Und damit hatte sie auch politischen Einfluss, wie sich bei Livia, der Frau des Kaisers zeigt. Messalina war sich dessen bewusst, als sie als Frau des Claudius 41 nach Christus den Thron bestieg. Wie Livia bei Augustus gehörte sie zum engsten Beraterkreis des Claudius. Privilegien und Politikwechsel Die Kaiserin hatte beträchtlichen Einfluss auf ihren Ehemann. Sie hatte ständig Zugang zu ihm und zu seinem Bett, und das wusste sie zu nutzen. Quelle: Honor Cargill-Martin – Messalina Kaiser Claudius konnte von zwei Sachen nicht lassen: Wein und Frauen. Zumindest sexuell soll er Messalina geradezu hörig gewesen sein. Der Senat wiederum erkannte, dass es von großem Vorteil sein konnte, wenn zur Kaiserin gute Verhältnisse aufgebaut wurden. Man erteilte ihr zwei Privilegien: Sie bekam in der ersten Reihe der Theater einen gesonderten Ehrenplatz und man gestattete ihr einen eigenen „carpentum“, einen geschlossenen Wagen – wir würden das heute „Staatskarosse“ nennen. Beide machten sie sichtbar und in den Augen der Öffentlichkeit bedeutender, und indem Claudius ihr erlaubte, sie anzunehmen, signalisierte er einen Politikwechsel. Quelle: Honor Cargill-Martin – Messalina Macht, Sex und Intrige Messalina erfüllte auch eine äußerst wichtige Funktion als Kaiserin: Sie gebar Claudius eine Tochter und einen Sohn. Damit schien die Erbfolge gesichert. Cargill-Martin schildert das antike Rom nicht als Hort des Friedens und der Eintracht. Intrigen waren an der Tagesordnung. Messalina entwickelte sich zu einer Meisterin der Intrige. Macht zu haben und an der Macht zu bleiben, war ihr Ziel. Dabei schuf sie sich eine Menge Feinde. Dazu kam, dass sie tatsächlich mit einigen Untergebenen Sex hatte – was stillschweigend akzeptiert wurde. Doch als sie mit dem jungen Senator Gaius Silius ein offen zur Schau gestelltes Verhältnis einging, schlugen ihre Gegner zu. Sie fiel bei Claudius in Ungnade, wurde nun selbst eines geplanten Staatstreichs bezichtigt und ermordet. Der tiefe Fall einer Kaiserin Das alles erklärt noch nicht, weswegen Messalina zum Symbol sexueller Ausschweifung stilisiert wurde. Vielleicht aber so: Der Vorgänger von Claudius am Thron war Caligula – gefürchtet für seine Unberechenbarkeit und Grausamkeit. Wahrscheinlich war er tatsächlich dem Wahnsinn nahe. Machtmenschen wie Caligula, aber auch wie Messalina bedeuteten eine Gefahr für das Bestehen des Staatswesens. Sie in den Annalen der Geschichte als menschliche Monstren erscheinen zu lassen, war letztlich ein Gebot der Ordnung – ein Mahnruf an die Mächtigen, sich zu mäßigen. Honor Cargill-Martins Messalina-Biographie besticht durch historischen Faktenreichtum, ausgewogene Argumentation und erzählerisches Können. Und dabei rückt sie Messalina ins rechte Licht der Historie. Besser kann man es nicht machen!