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show notes
Michelle ist Anfang 30 und steht vor dem Nichts: Ihre Mutter ist an Krebs gestorben, sie hat hohe Schulden, und den kleinen Schmuckladen, in den sie so viel Herzblut gesteckt hatte, musste sie schließen.
Also steigt sie auf ihre Vespa, lässt die Kleinstadt in der Lausitz, in der sie aufgewachsen ist, hinter sich und nimmt einen Job in einem Hotel an. Sie kommt gerade so über die Runden:
„Wenn ihr am 20. des Monats die Raten für die Kredittilgung abgezogen wurden, lebte sie bis zur Lohnzahlung am 29. oder 30. von Nudeln und Gemüsebrühe. Sie wollte auf keinen Fall die Vespa verkaufen, dann lieber nach Feierabend noch eine Extra-Runde auf den Fluren drehen und kalte Pommes von den Servierwagen klauen.“
Liebe auf ungleichem Terrain
Eines Abends lernt Michelle Henry kennen. Er ist attraktiv, intelligent, durch und durch ehrlich und – zumindest in Michelles Augen reich, denn er wohnt in einer Eigentumswohnung und verdient gut in der Finanzbranche. Schnell verliebt sich Henry heftig in Michelle. Er ist fasziniert von ihrer Bodenständigkeit und träumt bald von einer gemeinsamen Zukunft. Nur, dass Geld so ein großes Thema für Michelle ist, versteht er nicht, denn in seiner Welt gab es immer genug davon. „‚Wie fühlt es sich eigentlich an, so abgesichert zu sein?‘, fragte sie ihn in einer Nacht, in der sie nicht schlafen konnte. ‚Es fühlt sich…normal an. Schätze ich‘, sagte er schließlich langsam. ‚Es ist etwas … Selbstverständliches für mich.‘ ‚Ich stelle es mir vor wie eine warme Dusche, wie ein weiches Bett, als wäre das Leben dann perfekt.‘“ In ihrem zweiten Roman erzählt Ruth Maria Thomas keine klassische Liebesgeschichte, sondern davon, wie unterschiedlich zwei Menschen dieselbe Welt erleben können - je nachdem, mit welchen Voraussetzungen sie ins Leben gestartet sind. Klassenunterschiede verhandelt sie in den kleinen Reibungen des Alltags: beim Restaurantbesuch, bei Urlaubs- und Zukunftsplänen.Romantik muss man sich leisten können
Michelle ist dabei die stärkste Figur des Romans. An ihr zeigt Thomas, dass Armut nicht nur den Kontostand verändert, sondern auch das Denken. Michelle fehlt nicht das Selbstvertrauen – ihr fehlt die Freiheit, Risiken einzugehen. Sie wirkt sehr berechnend, sieht überall Preisschilder und scheint sich ebenso in Henrys finanzielle Sicherheit wie in den Mann selbst zu verlieben. Romantik ist für Michelle kein Luxus, den sie sich leisten kann.‚Du möchtest mich heiraten, damit ich … mich sicher fühle?‘ ‚Damit du abgesichert bist.‘ Statt nach dem Ring griff sie nach ihrer Zigarettenschachtel. ‚Mit wie viel Geld wäre ich denn abgesichert?‘Ihm wurde heiß, sein Kopf wurde schwerer, wieso musste sie von Zahlen anfangen, sie waren im Urlaub im Land der Liebe, und er hatte ihr gerade einen verdammten Ring an den Finger stecken wollen.Quelle: Ruth-Maria Thomas – Die zweitgrößte Liebe





