

SightCity Forum 2026: „Netzwerk berufliche Teilhabe – arbeitsmarktnah und innovativ", drei Vorträge in einem Mitschnitt
Vortrag 1: Von Screenreadern zu smarter Unterstützung (00:00:30)Ein Jahr nach ihrem Vortrag zur digitalen Barrierefreiheit stellen sich die beiden Referenten die Anschlussfrage: Hat KI das Thema erledigt? Vorgestellt wird zunächst, was die einjährige Grundreha überhaupt vermittelt: Brailleschrift, Screenreader-Bedienung (in dem Fall JAWS), Zehnfingerschreiben, Office-Anwendungen, LPF (lebenspraktische Fähigkeiten), Orientierung und Mobilität sowie berufliche Schlüsselqualifikationen. Zielgruppe sind Berufstätige, die nach Erkrankung oder Unfall zurückkehren, sowie Menschen vor einer Umschulung.KI als Querschnittsthema in der Grundreha (00:07:15)Offiziell steht KI in Lehrplan und Verfahrensanweisung noch gar nicht – genutzt wird sie trotzdem, von Ausbildenden wie Teilnehmenden, jeder nach eigenem Ermessen. Die Kernfrage: Inselthema oder Querschnittsthema? Die Grundreha ist bereits vollgepackt, und bis Teilnehmende überhaupt eine gewisse Souveränität in den Grundkompetenzen haben, vergehen drei bis sechs Monate.Wichtige Unterscheidung im Vortrag: KI auf dem Handy als privates Entertainment einerseits – KI als Werkzeug im Job andererseits. Im Beruf geht es um Datenverarbeitung, nicht um Wetterabfragen. Und: Auch die KI-Oberfläche selbst muss barrierefrei sein, sonst nützt das beste Modell nichts.Ein eigenes Kapitel ist der Datenschutz. Das BFW Halle hat dafür eine KI-Richtlinie für die ganze Firma. Im Unterricht werden zwar keine sensiblen Daten verarbeitet – aber niemand kontrolliert, was Teilnehmende privat hochladen.Vier Themenfelder: Prompting, Quellen, Datenschutz, Fehlertoleranz (00:15:55) Prompting – Je besser die KI mit Informationen gefüttert wird, desto besser das Ergebnis. Konkreter Tipp: der KI eine Rolle geben und sie ausdrücklich auffordern, kritisch zu sein. Sonst geht sie einem „um den Bart" und führt in eine Sackgasse. Quellenprüfung – Auch blinde KI-Nutzende müssen Quellen nachverfolgen und prüfen können: Gibt es das überhaupt, oder ist es aus der Luft gegriffen? Datenschutz – Nicht nur die Frage, welche Personendaten man hochlädt, sondern auch: Wo läuft die KI, in welchem Land steht der Server? Fehlertoleranz – Einschätzen können, ob das Ergebnis plausibel ist, und ein Gespür dafür entwickeln, wann die KI anfängt zu spinnen. Fazit der beiden: An der Notwendigkeit von Tastatur-, PC- und Screenreader-Beherrschung hat sich nichts geändert – die Anforderungen an die Grundkompetenzen steigen eher. Praxisbeispiele: Barrierefreies Dokument und Bewerbungstraining (00:23:43)Das erste Beispiel ist ein Eigentor mit Lerneffekt: Ein KI-Modell erzeugte aus einem nicht barrierefreien PDF ein optisch perfektes Dokument mit Überschriften – nur enthielt es beim Prüfen mit JAWS keine einzige echte Überschriftenformatierung. Erst nach einem präzisen Prompt (Überschriftenformatierung, beschriftete Tabellenkopfzeilen, definierte Listen, ARIA-Labels) kam ein wirklich screenreaderfreundliches Dokument heraus. Ohne Grundkompetenz wäre der Fehler unbemerkt geblieben.Das zweite Beispiel: Bewerbungstraining mit KI. Wer nur „ich habe mich als Sachbearbeiter beworben" eingibt, bekommt beliebige Fragen. Erst mit dem Link zur Stellenausschreibung und geschwärzten Lebenslaufdaten wird das Training realistisch. Der zweite Referent berichtet von einem Übungsgespräch mit Gemini in der Rolle einer Arbeitgeberin im öffentlichen Dienst – auf die Vorgabe „sei streng" hin bis zu Notfall- und Recovery-Szenarien, mit anschließendem Feedback: fachlich gut, aber zu ausweichend bei konkreten Beispielen.Empfohlene Werkzeuge aus dem Vortrag: Notebook LM von Google für quellenbasiertes Arbeiten (mit Quellenangabe und Sprung ins Dokument), Moodle in Verbindung mit KI für die Kurserstellung – wobei ausdrücklich nur eigene, verlässliche Quellen hochgeladen werden, sonst kommen etwa Tastenkombinationen für englische Tastatur-Layouts zurück.Wünsche zum Abschluss: KI als Querschnittsthema fest in den Reha-Verlauf einbauen, Ausbilderinnen und Ausbilder schulen – und Arbeitgeber sollten den Datenschutz nicht als pauschales Ausschlusskriterium vorwegschieben, denn es gibt DSGVO-konforme und offline laufende Modelle. Ausblick: KI-Agenten, die Aufgaben selbstständig im Namen der Nutzenden erledigen. Vortrag 2: KI als Taststock der digitalen Welt (00:39:30)Rainer Brell betreut am BFW Würzburg das Projekt NVDA nachhaltig. Er stellt das kostenlose Add-on KI-Assistent Pro vor, das man über den NVDA-Store installiert und mit einem KI-Dienst verbindet (im Beispiel Gemini per API-Schlüssel).Kurzer Marktüberblick: Gemini von Alphabet/Google, Claude von Anthropic, Copilot von Microsoft, Grok – alles US-Anbieter; in Europa Mistral aus Frankreich als derzeit DSGVO-konforme Option.[Demo] Gezeigt wird die Praxissoftware THEORG für Physiotherapie-Praxen und Masseure – in Deutschland weit verbreitet, für Screenreader aber praktisch unzugänglich: Tab und Shift-Tab bewegen nichts, die Anmeldemaske meldet nur „Eingabefeld leer". Das Add-on macht ein Foto eines Bildschirmausschnitts, schickt es an die KI und lässt sich zurückbeschreiben, was dort zu sehen ist – inklusive Hinweisen auf unterlegte Buchstaben als Shortcuts und darauf, was in welches Feld gehört. Die Live-Demo scheitert an der Internetverbindung, der Ablauf wird deshalb verbal erläutert.Wichtige Einordnung des Referenten: Das ist ein Workaround, um über eine Barriere hinwegzukommen – kein Weg, dauerhaft mit einem Programm zu arbeiten. Dafür ist die KI nicht geeignet und sollte nicht zum Einsatz kommen.Zweites Beispiel: die Beschreibung eines YouTube-Musikvideos von Udo Lindenberg, Szene für Szene, mit der Möglichkeit von Folgefragen (bis hin zum Automodell und dessen PS-Zahl). Übertragen auf den Arbeitskontext: Erklärvideos, Imagefilme, E-Learning-Inhalte. Weitere Funktionen des Add-ons: Spracheingabe zu Text, Transkription von Audio-Mitschnitten (etwa Meetings), Übersetzung, Bilderkennung und die Erklärung von PDF-Dokumenten – im Beispiel ein Organigramm der Stadt Würzburg, dessen Zuordnungen die KI sauber auflöste.Vertiefung: Podcast NVDA HAWAI („Hilfsbereite Anwender werden andere intensiv informieren") – dort ist das Add-on ausführlich in zwei Stunden vorgestellt, mit Links in den Shownotes. Vortrag 3: Orientierungs- und Mobilitätstraining (00:55:32)Jürgen Fischer ist seit gut 30 Jahren Lehrkraft am BFW Mainz, wo behinderte und nicht behinderte Menschen seit über 60 Jahren gemeinsam Ausbildungen im Gesundheitsbereich absolvieren, und führt Orientierungs- und Mobilitätstrainings durch.Drei Fachbegriffe erklärt er vorab: Leitlinie (tastbare Bodenstrukturen, auch eine Hauswand oder eine Bordsteinkante), markante Stelle (Litfaßsäule, Brunnen, Ampel mit Signalton) und innere Landkarte (mentales Bild einer räumlichen Situation).Im Interview berichtet ein blinder Auszubildender in der Physiotherapie: Mobilitätstraining gab es zu Beginn der Ausbildung und noch einmal vor dem Praktikum. Entscheidend für ihn ist die mentale Karte im Kopf – dadurch konnte er sich sicherer und selbstständiger bewegen und musste im Praktikum nicht damit beschäftigt sein, wo er hinmuss. Er nutzt eine Mischung aus Leitlinien, Gehör und taktiler Wahrnehmung über Füße und Langstock. Sein Fazit: Ohne Mobilitätstraining wäre es nicht gelaufen – im Praktikum bekam er schon in den ersten Tagen viel Lob für seine Orientierung. Herausforderungen in Kliniken und Praxen – und Fazit (01:07:59)Was den Klinikalltag für blinde Therapeutinnen und Therapeuten schwierig macht: Komplexe Raumstrukturen – gewachsene Bauten mit uneinheitlichen Anbauten, die Physiotherapie oft im Keller mit ganz anders gestalteten Gängen Wechselnde Einsatzorte – Chirurgie, Orthopädie, Gynäkologie, Ambulanz, wechselnde Behandlungskabinen und Patientenzimmer Menschen unterwegs – Personal und Patienten, wobei die Rücksichtnahme beim Therapeuten liegt, nicht bei den Patienten Bewegte Gegenstände – Visitenwagen, Hygienewagen, Lagerungsmaterial, Rollatoren stehen jeden Tag woanders Geräuschkulisse – Störgeräusche machen die akustische Orientierung unzuverlässig Zeitdruck – Zwanzig-Minuten-Takte, Gespräche mit Arzt und Pflegepersonal, gleichzeitige Patientenversorgung Gleichzeitige Kommunikation – im Kontakt bleiben, Platz machen und sich trotzdem weiter orientieren Daraus folgen die Anforderungen an das Mobilitätstraining: Strategien zur Raumerkundung liefern, den Aufbau der inneren Vorstellung unterstützen und Sicherheit für die konkreten Wege schaffen. Fazit: Orientierungs- und Mobilitätstraining ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Ausbildung und Berufsausübung, fördert Selbstvertrauen und Eigenständigkeit und verbessert die berufliche Handlungskompetenz. Kontakt und Links Podcast NVDA HAWAI (Projekt NVDA nachhaltig, BFW Würzburg) BFW Mainz – integrative Ausbildungen im Gesundheitsbereich Vortragsseite: https://sightcity.net/F031006 SightCity: https://sightcity.net Über die SightCityDie SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net SightCity Kontakt (Allgemein) E-Mail: info@sightcity.net Website: https://www.sightcity.net Social Media: Facebook, Instagram, YouTube, Threads, TikTok, WhatsApp
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