
#81 Mode und Food: Ein ungleiches Paar mit Carl Tillessen
Die Mode braucht das Essen, umgekehrt gilt das nicht. Modehäuser eröffnen Cafés und Osterias, Luxusmarken schicken Chipstüten aus Leder über den Laufsteg, Discounter verkaufen ihr Logo als Merch. Hinter dem Flirt der beiden Branchen steht ein klares Kräfteverhältnis: Ohne Gastronomie verliert der Modehandel seine Anziehungskraft. Ein Lebensmittelladen kommt ohne Mode gut aus. Carl Tillessen ist Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts und Autor von „Konsum. Warum wir kaufen, was wir nicht brauchen”. Mit Stefan Fak seziert er, was Food und Fashion voneinander gelernt haben. Etwa von Virgil Abloh und seiner Kerze in der zerbeulten Blechdose: Gestalte nicht das Produkt, gestalte den Raum, in dem es steht. Seit ungefähr 2020 verkauft genau dieses Prinzip Jogginghosen und Olivenöl gleichermaßen teurer. Dann wird es spannend. Carl erzählt, wie aus einem Partyfoto von Balenciaga-Kreativdirektor Demna mit Chipstüte eine Handtasche wurde. Und warum Chips essen in einer Gesellschaft voller Selbstoptimierung schon als Tabubruch gilt. Der Tabubruch ist in der Mode eingeplantes Werkzeug: Eine Tomate wird zum Parfum, auf jeder Modenschau laufen Teile, die nie verkauft werden. Sie sollen Aufmerksamkeit erzeugen, damit sich der Rest verkauft. Genau dieses Potenzial zur Provokation hat die Lebensmittelbranche nach Carls Einschätzung kaum auf dem Schirm. Essen ist performativ geworden. Ob jemand Matcha oder Kaffee trinkt, Aperol Spritz oder Negroni, hat oft weniger mit Geschmack zu tun als mit Selbstdarstellung. Dahinter steckt ein starker Wunsch nach Zugehörigkeit und die Angst, mit dem eigenen Lebensstil an den Rand gedrängt zu werden. Carl erklärt damit auch, warum Bratwurst-Videos von Politikern und der Streit um Namen für Fleischersatz so viel Leidenschaft auslösen. Außerdem geht es um Status und Alter. Warum ist die Instant-Nudelsuppe im Studium charmant und mit fünfzig bedenklich? Was hat der Lidl-Trainingsanzug der Linkin-Park-Sängerin in Düsseldorf mit einer Tomatenkerze zu tun? Und warum haben Menschen im Lockdown keine Handtaschen mehr gekauft, obwohl sie die angeblich nur für sich selbst kauften? Für Food-Marken gibt es konkrete Lehren. Aldi und Lidl können über Mode-Kooperationen ein schambesetztes Image drehen. KoRo zeigt mit unscheinbarem Kraftpapier, dass leise Verpackung in lauten Regalen Vertrauen schafft. Und viele Lebensmittelfirmen sind längst designgetrieben, ohne es so zu nennen. Zum Schluss Carls Rat an die Branche: öfter völlig verrückte Produkte machen, die gar nicht verkauft werden müssen. Einfach mal einen raushauen. Mehr zu Food Fak(t) findet ihr auf Instagram unter @foodfakt_podcast. Dort teilen wir regelmäßig vertiefende Inhalte, spannende Hintergründe und zusätzliche Einblicke zu den Themen, über die Stefan und seine Gäste im Podcast sprechen. Weitere Informationen rund um den Podcast sowie alle Folgen auf unserer Website www.foodfakt.de.
- Transcript


















