
Sonderfolge direkt vom Lido: Die Tops, Flops und heißen Oscaranwärter - unsere erste große Bilanz der Filmfestspiele von Venedig 2026.
Sonderfolge vom Lido: Die Filmfestspiele von Venedig eröffnen traditionell die heiße Phase der Award Season – und auch 2026 versammelt sich wieder ein großer Teil des internationalen Autorenkinos an der Lagune. Für diese Folge sprechen wir direkt mit Yannick Vollweiler vor Ort über die ersten Favoriten, Enttäuschungen und Oscar-Hoffnungen des Festivals. m Zentrum steht „Wild Horse Nine“, die neue Komödie von Martin McDonagh. Der Film über zwei CIA-Agenten, die kurz vor dem chilenischen Militärputsch 1973 auf die Osterinsel geschickt werden, gehört bislang zu den großen Publikumslieblingen am Lido. Vor allem John Malkovich sorgt für Gesprächsstoff und bringt sich früh als möglicher Oscar-Kandidat in Stellung. Auch Sam Rockwell, Steve Buscemi, Parker Posey und Tom Waits gehören zum prominent besetzten Ensemble. Große Erwartungen gab es auch an „Primetime“ mit Robert Pattinson. Der Film rekonstruiert die Geschichte der kontroversen US-Realityshow „To Catch a Predator“ und untersucht, wie sich investigativer Journalismus, moralischer Kreuzzug und quotengetriebene Inszenierung miteinander vermischen. Pattinson überzeugt in der Hauptrolle – doch reicht das in einem bereits jetzt stark besetzten Oscar-Jahr für eine Nominierung? Auch der Eröffnungsfilm über Rupert Murdoch und den Aufstieg der britischen „Sun“ sorgt für Diskussionen. Danny Boyle erzählt vom Siegeszug eines Boulevardjournalismus, der Skandal, Sensation und Reichweite zum Geschäftsmodell macht. Mit Jack O’Connell, Guy Pearce und Claire Foy ist der Film prominent besetzt und hoch unterhaltsam – bei seiner politischen Medienkritik bleibt er aus unserer Sicht allerdings widersprüchlicher. Weniger überzeugt hat dagegen Werner Herzogs neuer Spielfilm, obwohl der deutsche Regieveteran mit prominenter Besetzung in den Wettbewerb zurückkehrt. Auch Nanni Moretti und Paul Schrader bleiben mit ihren neuen Arbeiten hinter den Erwartungen zurück. Ganz anders die Reaktionen auf den südkoreanischen Oscar-Beitrag „Possible Love“, der sich nach den ersten Vorführungen zu einem der Favoriten auf den Goldenen Löwen entwickelt. Wir sprechen außerdem darüber, was Venedig in diesem Jahr auffällig fehlt: die ganz großen Hollywood-Studiofilme. Trotzdem zeigt sich, dass ein Festival auch ohne Blockbuster-Premieren genügend Aufmerksamkeit erzeugen kann – solange die wichtigen Autorenfilme liefern. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob sich die großen Studios dauerhaft von den Festivals entfernen oder schon bald wieder verstärkt zurückkehren. Natürlich bleibt auch die Politik am Lido präsent. Offene Briefe, Gaza-Debatten und politische Statements gehören inzwischen fast selbstverständlich zur Begleitmusik der großen Festivals. Besonders gespannt wird auf „Naza“, den neuen Dokumentarfilm der „No Other Land“-Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor, gewartet, der sich erneut mit dem Krieg in Gaza beschäftigt und bewusst erst spät im Festival gezeigt wird. Und während in Venedig noch um den Goldenen Löwen gerungen wird, kommen bereits die nächsten Signale aus Telluride und der beginnenden US-Award-Season. Besonders Nathan Fielders „You Can See Everything“, ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm über den Theranos-Skandal, sorgt für erste euphorische Reaktionen. Auch Julianne Moore bringt sich mit einem weiteren Titel früh als mögliche Oscar-Favoritin ins Gespräch. Abschluss ziehen wir eine erste Zwischenbilanz: Welche Filme haben bislang die besten Chancen auf den Goldenen Löwen? Kann „Possible Love“ seine Favoritenrolle verteidigen – oder entscheidet sich die Jury am Ende für einen international sichtbaren Award-Contender wie „Wild Horse Nine“?