Was hat dazu geführt, dass in Sachsen-Anhalt die AfD mit 43 Prozent der Stimmen triumphiert - allen Warnungen von Wirtschafts- und Sozialverbänden zum Trotz - und obwohl sie als "in Teilen gesichert rechtsextremistisch" eingestuft wird? Fragen wie diese werden seit Tagen öffentlich und privat diskutiert. Die AfD, so heißt es oft, habe einen emotionalen Wahlkampf geführt. Ihr sei es gelungen, die Gefühle der Menschen anzusprechen. Die etablierten Parteien müssten sich deshalb fragen, ob sie nicht zu emotionslos auftreten. Haben wir die Bedeutung des Irrationalen in der Politik unterschätzt?
Gefühle nicht verwechseln mit Affekten
Der Philosoph und Bestseller-Autor Christoph Quarch findet: In Wahlentscheidungen mischt sich viel Irrationales ein, aber: "Ich glaube nicht, dass es sich dabei um Gefühle handelt. Da müssen wir genauer hinschauen. Und dabei kann uns die Philosophie helfen, die zwischen Gefühlen und Affekten unterscheidet. Gefühle - oder auch Emotionen - sind eine Weise, die Welt zu erschließen: Trauer ist ein Gefühl, Mitleid ist ein Gefühl, Liebe ist ein Gefühl. Gefühle kann man nicht machen. Man hat sie, oder man hat sie nicht. Bei Affekten ist das anders. Bei Affekten bleiben wir bei uns selbst. Sie richten sich gegen andere, aber stellen keine Beziehung her: Empörung, Wut, Neid sind Affekte, die man mit etwas psychologischer Kenntnis triggern kann - etwa durch gezielte Manipulation in Social Media. Das beherrscht die AfD virtuos. Ihre Marketing-Leute sind Meister der Affekte. Sie appellieren an den Bauch, aber nicht ans Herz, nicht an unsere Emotionalität."
Sollten Parteien wirklich auf Affekt-Erzeugung setzen?
Wie also könnten die demokratischen Parteien dem begegnen? Sollten sie sich die gleiche Strategie zu eigen machen? Sollten sie ebenfalls auf Affekte setzen? Der Philosoph findet, das wäre die falsche Strategie, denn: "Die Demokratie lebt vom sachlichen und rationalen Austausch der Argumente. Darauf können demokratische Parteien nicht verzichten. Sinnvoller wäre, genau hinzuschauen, was es für Affekte sind, die ihre Gegner so erfolgreich aktivieren. Dann müsste ihnen auffallen, dass man bei ihnen oft eine Art Zerstörungswut findet. Man ist gegen das System: gegen die Sozialpolitik, gegen die Außenpolitik, gegen die Energiepolitik, gegen die Bürokratie - gegen all das, was in der BRD seit 1949 aufgebaut wurde. All das soll weg. Gerade in Ostdeutschland stößt der Staat mit seinen Institutionen auf erbitterte Ablehnung. Man denkt dort laut über eine zweite "friedliche Revolution" nach. Das muss zu denken geben. Wir müssen den Boden verstehen, auf dem diese Affekte wachsen." Denn, so Quarch, es könnte sein, dass vieles daran auch wahr ist. Es könnte sein, dass unser Land tatsächlich eines grundlegenden Wandels bedarf: "Es könnte sein, dass die AfD richtige Fragen adressiert, auch wenn sie die grundfalschen Antworten gibt. "
Gibt es eine Handlungsempfehlung an die Politik aus philosophischer Sicht?
Und was würden solche Einsichten konkret für die demokratischen Kräfte im Land bedeuten? Da wirft der Philosoph Quarch einen Blick auf das größere Bild der momentanen Welt-Lage: "Vieles, was uns lieb und teuer ist, wird künftig verschwinden. Die technologische Entwicklung und die hinter ihr stehenden anti-demokratischen Mächte in den USA oder in China werden unseren demokratischen Institutionen immer mehr zusetzen." Dies müsse aber keine von Zerstörungswut getriebene Katastrophe sein, denn - so komisch dies auch klingen möge: "Es gibt auch eine schöne Katastrophe, in der das Herz und die Liebe und nicht die Wut die Regie führt. Allein mit Rationalität kommen wir dem Wandel nicht bei. Es braucht beherzte Menschen, die eine begeisterungsfähige Vision von einer neuen, zeitgemäßen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit entwickeln. Die AfD bietet nur die Revision hin zu überholten Ideologien der Vergangenheit." Quarchs Fazit: Es sei der "Mut zu einer visionären Disruption, zu einer schöpferischen Zerstörung: das ist es, was wir Demokraten im Herzen kultivieren sollten."