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Flurfunk Geschichte

Daniel und Solveig

Wir sind Daniel und Solveig und begeistern uns für Geschichte. Wir haben lange zusammen im Museum gearbeitet und Führungen gemacht. Im Mittelpunkt unserer Folgen stehen Menschen, ihre Lebenswelt und die Frage, warum sich unsere Sicht auf frühere Epochen immer wieder verändert. Jeden Monat erzählen wir Euch eine unserer Lieblingsgeschichten.

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  • 21 episodes
  • monthly
  • Avg 1 hr 49 min
  • German
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  • #72
    August 20 · 2 hr 10 min

    FG072 - Friedrich Barbarossa - Der Kaiser, der kniete

    Ein Kaiser kniet vor seinem Vasallen, fleht ihn an – und wird trotzdem abgewiesen. Diese Szene aus dem Jahr 1176 gilt spätestens seit dem 19. Jahrhundert als eine der großen Demütigungen der deutschen Geschichte. Guido Knopp nannte sie 2008 „eines der spektakulärsten Ereignisse der Weltgeschichte". Doch genau diese Wahrnehmung – wer sich hier eigentlich blamiert hat – ist der Ausgangspunkt der Folge: Solveig nimmt den sogenannten Kniefall von Chiavenna zum Anlass, ganz grundsätzlich zu fragen, was im Hochmittelalter überhaupt als männlich, ehrenhaft und herrschertauglich galt. Ihre These: Nicht Barbarossas Kniefall war die eigentliche Schande, sondern dass sein Cousin Heinrich der Löwe sich weigerte, Erbarmen zu zeigen. Wer hier also wirklich gedemütigt wurde, hängt ganz davon ab, mit welchem Männlichkeitsbild man an die Quelle herangeht – und das des 19. Jahrhunderts unterscheidet sich fundamental von dem des zwölften. Der Kniefall von Chiavenna 1176 bittet Friedrich I. Barbarossa seinen Cousin Heinrich den Löwen in Chiavenna um Waffenhilfe gegen den Lombardischen Städtebund – und Heinrich sagt Nein. Wir vergleichen zwei Chroniken aus etwa derselben Zeit: Otto von St. Blasien erzählt nur von einem Streit und Heinrichs Abreise, kein Kniefall. Erst Arnold von Lübeck, rund 30 Jahre nach dem Ereignis, liefert die dramatische Eskalationsstufen-Erzählung: erst Schmeichelei, dann die Erinnerung an geschworene Eide, dann die Bitte als Freund, als Verwandter, als König – und am Ende der Fußfall des Kaisers, den Heinrich unbeeindruckt lässt. Solveig liest das nicht als verlässlichen Tatsachenbericht, sondern als literarisch komponierte Fallgeschichte über Heinrichs Hochmut, geschrieben mit dem Wissen, wie dessen Karriere endet. Zwei Cousins, ein Doppelherzogtum Um zu verstehen, worum es in Chiavenna wirklich ging, blicken wir zurück auf die verwickelten Familienverhältnisse der Staufer und Welfen: Barbarossas Mutter Judith und Heinrichs Vater Heinrich der Stolze sind Geschwister, und der Streit ums Doppelherzogtum Sachsen-Bayern zieht sich durch eine ganze Generation, bis Barbarossa 1152 seine Wahl mit dem Versprechen absichert, Heinrich beide Herzogtümer zu geben. Wir folgen den beiden Cousins durch Jahrzehnte gemeinsamer Italienpolitik, durch das Kirchenschisma zwischen Alexander III. und Viktor IV., die verheerende Seuchen-Katastrophe vor Rom 1167 und schließlich zur Schlacht bei Legnano 1176, in der das kaiserliche Heer ohne Heinrichs Unterstützung vernichtend geschlagen wird. Der Sturz Heinrichs des Löwen Was danach kommt, erzählen wir chronologisch nach: Heinrichs wiederholtes Fernbleiben vom Hoftag, seine Ächtung 1180, das Exil bei seinem Schwager Heinrich II. von England und sein Feilschen mit Barbarossa um eine mögliche Rückkehr – lieber ein Teil der Herrschaft sofort oder alles später, wenn er mit auf Kreuzzug zieht? Heinrich entscheidet sich für Nein und England, bis hin zum Tod beider Männer und dem Streit um Philipp von Schwaben und Otto IV., der die nächste Generation prägt. Der vermeintliche staufisch-welfische Gegensatz Ein eigenes Kapitel widmen wir der Frage, wie aus dieser sehr persönlichen Fehde zweier Cousins im 19. Jahrhundert der große „staufisch-welfische Gegensatz" wurde – eine nationalistische Projektion, die mit dem tatsächlichen Guelfen-und-Ghibellinen-Konflikt in Italien nicht das Geringste zu tun hat, aber bis in die Selbstinszenierung des Kaiserreichs als Gegensatz zwischen Preußen (den „neuen Staufern") und dem Haus Hannover (den Welfen) fortwirkt. Daniel erinnert dabei an die Kaiserdeputation von 1849, die in Braunschweig Abbitte für Heinrichs „Verrat" leistete. Der maskuline Mann des Mittelalters Den größten Teil der Folge verwendet Solveig darauf, ihre eingangs aufgeworfene These zu belegen: Das mittelalterliche Männlichkeitsideal des Hochadels war nicht Härte und Unnachgiebigkeit, sondern Demut, Güte, Mäßigung und Milde. Mit Belegen aus dem Nibelungenlied (die Szene um Rüdiger von Bechelaren), einer Ritterschlag-Beschreibung voller Seide und Freigiebigkeit und einem herrlich schlecht gelaunten Text von Bernhard von Clairvaux über eitle, hübsch gemachte Ritter zeichnet sie nach, wie unser heutiges Bild vom „harten" mittelalterlichen Mann eher eine Erfindung der Aufklärung und des 19. Jahrhunderts ist – bei Historiker Knut Görich widerspricht sie dabei in einem Punkt ausdrücklich. Daniel bleibt trotz aller Argumente treu auf der Seite von Heinrich dem Löwen. Friedrich I. Barbarossa | Römisch-deutscher Kaiser ab 1155, Protagonist der Kniefall-Episode Heinrich der Löwe | Cousin Barbarossas, Herzog von Sachsen und Bayern Arnold von Lübeck | Chronist, einzige Quelle für den Kniefall (um 1210) Lombardischer Städtebund | Bündnis norditalienischer Städte gegen Barbarossas Herrschaftsanspruch Schlacht bei Legnano | Vernichtende Niederlage des Kaiserheeres 1176 Guelfen und Ghibellinen | Italienischer Parteienkonflikt, oft fälschlich mit Staufern/Welfen gleichgesetzt Bernhard von Clairvaux | Zisterzienser-Abt, Kritiker höfischer Ritterschaft Knut Görich | Mediävist, führender Barbarossa-Forscher Verwandte Folgen FG011 – Oh, wie schön ist Goslar: Erster Auftritt Barbarossas bei uns, samt Streit um die Bergstadt Goslar FG014 – Inquisition | Ketzer sind Vegetarier! und FG015 – Inquisition | Sie meinen es doch gut!: Mehr zu Bernard Gui und Innozenz III., für alle, die nach der Post-Erwähnung neugierig geworden sind FG025 – Sizilien | Herrschaft des Antichrist und FG026 – Sizilien | Das staufische Natterngeschlecht: Der tatsächliche Guelfen-Ghibellinen-Konflikt in Italien FG028 – Nibelungen | Das Kriemhild-Lied und FG029 – Nibelungen | Treu in den Untergang: Rüdiger von Bechelaren und die Frage, wann ein Kniefall verpflichtet FG052 – Konklave – Machtkampf und Heiliger Geist: Mehr zum Papstwahldekret und schismatischen Wahlen Literatur (in der Folge genannt) Alice Hesselmeier: Hilfsbuch für den Geschichtsunterricht an den unteren und mittleren Klassen der Gelehrten- und Realschulen und verwandten Lehranstalten Württembergs, 1897 Otto von St. Blasien: Chronik Arnold von Lübeck: Chronik (entstanden um 1210) Albert von Stade: Chronik Burchard von Ursberg: Chronik Das Nibelungenlied, 37. Aventiure Lambert von Ardres: Historia comitum Ghisnensium (Geschichte der Grafen von Guînes) Jean de Marmoutier: Historia Gaufredi ducis Normannorum et comitis Andegavorum (Geschichte Gottfrieds, Herzog der Normannen und Graf von Anjou) Bernhard von Clairvaux: De laude novae militiae (Lob der neuen Ritterschaft) Knut Görich: Jäger des Löwen oder Getriebener des Fürsten? Friedrich Barbarossa und die Entmachtung Heinrichs des Löwen, in: Staufer & Welfen. Zwei rivalisierende Dynastien im Hochmittelalter, hg. v. Werner Hechberger und Florian Schuller, Regensburg 2009, S. 98–117; sowie Tagungsband 2024 zu Herrschaft und Nichtentscheiden bei Barbarossa Gerd Althoff: Spielregeln der Politik im Mittelalter, 1997 Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. 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  • #71
    July 23 · 1 hr 21 min

    FG071 - Siegfried Wagner und der Bayreuther Wahn

    Am heißesten Tag des Jahres geht es um zwei Männer und um zwei Dinge, die im Juli zusammenfallen: die Bayreuther Festspiele und das Ende des Pride Month. Weil man das eine nicht ohne das andere versteht, beginnt Solveig nicht mit Siegfried, sondern mit dem Vater – jener Person aus dem „Personenkreis, über den wir eigentlich nie sprechen wollten", wie Daniel trocken anmerkt. Vom Heine-Fan zum Hetzer: Richard Wagner Richard Wagner ist zunächst ein glühender Bewunderer Heinrich Heines, dichtet sogar in dessen Stil und trifft ihn um 1839/40 in Paris. In den 1840ern kippt die Verehrung: Wagner leugnet fortan, Heine je geschätzt zu haben, und wendet sich von Modernität und Kosmopolitismus in der Kunst ab – für Solveig antisemitische Dog Whistles. 1850 kulminiert das in der Hetzschrift Das Judenthum in der Musik, erst unter dem Pseudonym „K. Freigedank", 1869 überarbeitet unter echtem Namen und bestärkt von seiner zweiten Frau Cosima. Besonders perfide trifft es Felix Mendelssohn Bartholdy, dem Wagner Talent zugesteht, nur um ihm die tiefe Wirkung abzusprechen. Sein Einfluss ist real: Danach gilt Mendelssohn zunehmend als sentimental und weichlich – wobei sichtbar wird, wie eng Antisemitismus und Antifeminismus verzahnt sind. Wagners „Lösung" ist die Taufe, obwohl Heine wie Mendelssohn getauft waren und es ihnen nichts nützte. Wahnfried und der Bayreuther Kreis Zwischen 1850 und 1880 schafft Wagner seine großen Werke und deutet sie zu „deutschen" Mythen um, auch wo die Stoffe französisch sind. 1871 lässt er sich in Bayreuth nieder; die Villa Wahnfried wird zum Herzstück der Familie. Nach seinem Tod 1883 führt Cosima die Festspiele mit harter Hand und wird zur „hohen Frau", während Wagner „der Meister" bleibt. Um Wahnfried entsteht etwas Sektenhaftes: Reliquienkult um Flügel und Dirigierstab, dazu der Bayreuther Kreis, in dem deutschnationale, antisemitische und rassistische Ideen zu einer regelrechten Heilserwartung verschmelzen – „an Wagners Wesen soll die Welt genesen". Zum Scharnier zwischen Bayreuth und der späteren NS-Ideologie wird Houston Stewart Chamberlain, der mit Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts (1899) ein Werk vorlegt, das über Alfred Rosenberg bis zu Hitler wirkt und sich seinerseits aus Arthur de Gobineau speist.Und hier trifft es uns dann doch: Ausgerechnet Philipp zu Eulenburg, der bei uns bislang eigentlich immer ein Good Boy war, entpuppt sich als glühender Gobineau-Verehrer, der dem Franzosen sogar einen begeisterten Nachruf schrieb. Gobineau soll gesagt haben, nur zwei Männer hätten seine rassistischen Ideen wirklich verstanden: Richard Wagner und Philipp zu Eulenburg. Ein herber Verlust für unsere Sympathien – „na, vielen Dank auch". Clement Harris und die Reise "in den Osten" In dieses Umfeld wird Siegfried Wagner hineingeboren; mit 13 verliert er den Vater und ist als einziger Sohn dynastisch als Erbe gesetzt – dabei wollte er eigentlich Architekt werden. Den Wendepunkt bildet eine sechsmonatige Seereise 1892 mit seinem Freund Clement Harris nach Kanton, Singapur und Hongkong, nach der er das Erbe annimmt. Auffällig: Von seinen 173 Memoirenseiten entfallen 103 auf diese Reise, während er über Gefühle schweigt; der einzige zärtliche Satz über Clement steht in einem nicht aufgenommenen Reisebericht. Harris fällt 1897 mit 25 Jahren im türkisch-griechischen Krieg; Siegfried behält zeitlebens sein Bild auf dem Schreibtisch und widmet ihm inoffiziell zwei symphonische Dichtungen, Sehnsucht (1892) und Glück (1923). Die Folge verhandelt hier, wie schwierig gleichgeschlechtliches Begehren historisch fassbar ist – zumal es unter Paragraph 175 kriminalisiert war. Druck von allen Seiten 1914 gerät die Familie unter Druck. Isolde, Cosimas Tochter, verklagt die Familie erfolglos auf Anerkennung als Wagner-Tochter statt von Bülow. Im Zuge des Prozesses lässt der Journalist Maximilian Harden – der schon Eulenburg zu Fall gebracht hatte und selbst getaufter Jude war – die Bemerkung fallen, die der Folge ihren Titel gibt: Siegfried als „Heiland aus andersfarbiger Kiste". Parallel laufen 1913 die Urheberrechte an Wagners Werken aus; das Bemühen um Verlängerung scheitert am Reichstag, was die Familie prompt einer „jüdisch-sozialistischen Verschwörung" zuschreibt. Wegfallende Tantiemen und drohender Skandal führen dazu, dass der mit 46 noch unverheiratete Siegfried rasch mit der 18-jährigen, aus völkisch-nationalem Milieu stammenden Winifred Williams verheiratet wird. Nähe und Distanz zum Nationalsozialismus Winifred wird als glühende Hitler-Verehrerin berüchtigt. Ob Siegfried diese Begeisterung teilte, bleibt fraglich – Hitler selbst nennt ihn 1942 „politisch neutral". Tatsächlich verweigert sich Siegfried mehrfach: 1921 lehnt er es ab, Juden aus Publikum und Kulissen auszuschließen; 1926 tritt er, anders als Winifred, nicht in die NSDAP ein, was Goebbels mit feminisierenden Spottversen quittiert; und 1929 legt er jedem Gast das Libretto seines neuen Werks Das Flüchlein, das jeder mitbekam auf den Teller, dessen Bösewicht, ein Räuberbaron namens Wolf, Hitlers Spitznamen trägt. Das Stück wurde nie aufgeführt. Kein Widerstandskämpfer Siegfried stirbt 1930 an einem Herzinfarkt während der Tannhäuser-Proben, nur vier Monate nach seiner Mutter. Ausgangspunkt für Solveigs Interesse ist die Ausstellung des Schwulen Museums* Berlin von 2017, die mit hoher Sicherheit von einem homosexuellen Mann spricht. Zum Widerständler macht ihn das nicht. Sein Antisemitismus kommt schnell hoch, sobald er kritisiert wird (etwa in einem Brief an den Bayreuther Rabbiner Falk Salomon). Erst nachdem er Hitlers Schriften las, soll deren exterminatorischer Antisemitismus ihn zu einem bekennenden „Philosemitismus" bewegt haben – der, wie Solveig betont, dieselben Stereotype nur positiv wendet und deshalb keine echte Lösung ist. Der Kern der Folge ist genau diese Uneindeutigkeit: Siegfried ist weder rein noch verkommen, sondern tief in seiner Bayreuther Bubble verankert – bequem abgesichert durch Geld, das auch Erpresser zum Schweigen bringt, und geformt von einer Ideologie, ohne sie mit Leidenschaft zu vertreten. Die Bubble verließ er nur einmal, mit Clement Harris, der ihm bei antisemitischen Äußerungen widersprochen haben soll. Zum Schluss der Blick nach vorn: Erst Urenkel Gottfried Wagner rechnete 1997 mit Wer nicht mit dem Wolf heult öffentlich ab, und die heutige Festspielleiterin Katharina Wagner zeigt sich offener – sichtbar an der zunächst zurückgezogenen, dann erneuerten Einladung Michel Friedmans. Siegfried Wagner | Komponist, Dirigent, Bayreuther Festspielleiter (1906–1930); einziger Sohn Richard Wagners; Zentrum dieser Folge Richard Wagner | Komponist, Verfasser der Hetzschrift Das Judenthum in der Musik; Vater Siegfrieds Cosima Wagner | Zweite Frau Richard Wagners, „die hohe Frau", Festspielleiterin nach 1883 Felix Mendelssohn Bartholdy | Komponist, von Wagner im Judenthum in der Musik namentlich abgewertet; getauft Clement Harris | Britischer Pianist, enger Freund Siegfrieds; fällt 1897 im türkisch-griechischen Krieg Houston Stewart Chamberlain | Rassetheoretiker, Verfasser der Grundlagen des 19. Jahrhunderts; Schwiegersohn Cosimas Arthur de Gobineau | Franz. Rassentheoretiker, Ideengeber Chamberlains Philipp zu Eulenburg | Diplomat, Gobineau-Verehrer, Bindeglied zwischen Wilhelm II. und Bayreuth Maximilian Harden | Journalist (Die Zukunft), prägte das Wort vom „Heiland aus andersfarbiger Kiste"; getaufter Jude Winifred Wagner | Ehefrau Siegfrieds, Hitler-Verehrerin, Festspielleiterin nach 1930 Alfred Rosenberg | NS-Ideologe, von Chamberlain beeinflusst (Der Mythos des 20. Jahrhunderts) Verwandte Folgen FG012 – Die schwule Hofkamarilla: Zu Philipp zu Eulenburg und dem Eulenburg-Skandal, der in dieser Folge mehrfach anklingt. FG028/FG029 – Nibelungen (Das Kriemhild-Lied / Treu in den Untergang): Zum Nibelungenstoff und seiner nationalistischen Rezeption im 19. Jahrhundert – hier hatte man Richard Wagner noch bewusst herausgehalten. Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. 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  • #70
    June 18 · 2 hr 2 min

    FG070 – Ptolemaios und das Erbe Alexanders

    Wie wird man eigentlich König eines Reiches, mit dem man weder verwandt ist noch ursprünglich etwas zu tun hatte? Solveig nimmt uns mit zu Ptolemaios I., einem von Alexanders Feldherren, der nach dessen Tod nicht nur Ägypten an sich riss, sondern auch den einbalsamierten Leichnam Alexanders kurzerhand vereinnahmte – und so die langlebigste aller Diadochendynastien schmiedete. Diese Folge ist zugleich der Auftakt zu einem kleinen Ptolemäer-Schwerpunkt: Während wir hier mit dem ersten Ptolemäer beginnen, endet Solveig auf YouTube mit der letzten Ptolemäerin. Ihr YouTube-Video widmet sich Kleopatra und ihrer Rezeptionsgeschichte – also der Frage, was spätere Jahrhunderte aus ihr gemacht haben und was das über uns selbst verrät. Unbedingt jetzt schon abonnieren und reinschauen! Von Makedonien bis Indien: Alexander der Große Ohne Alexander lässt sich Ptolemaios nicht erzählen – „am Anfang war Alexander", wie Solveig sagt. Makedonien galt den übrigen Griechen lange als halbbarbarischer Außenseiter: Königsherrschaft statt Polis, ein schwer einzuordnender Dialekt und die Unsitte, den Wein unvermischt zu trinken. Erst Philipp II. machte daraus durch Militärreformen eine Großmacht und versprach einen Rachefeldzug gegen die Perser. Nach seiner Ermordung 336 v. Chr. übernahm sein Sohn Alexander mit rund 20 Jahren. Alexander besiegte das Heer von Dareios III. in den Schlachten bei Issos (333) und Gaugamela (331), ließ sich im Orakel von Siwa als Sohn des Ammon begrüßen und zog bis an den Indus. Wichtig ist Solveig dabei: Die schiere Größe des Reiches war weniger eine eigene Leistung als das Ergebnis der Übernahme des bestehenden persischen Satrapien-Systems – oft genügte es, wenige Statthalter für sich zu gewinnen. In seinen letzten Jahren band Alexander persische Eliten ein und übernahm persisches Hofzeremoniell wie die Proskynese, was bei den Makedonen auf erheblichen Widerstand stieß und in der Massenhochzeit von Susa (324) gipfelte. Alexander starb 323 v. Chr. in Babylon, erst etwa 32 Jahre alt – ob durch Krankheit, Erschöpfung oder Gift, ist bis heute unklar. Solveig stellt bewusst zwei Quellen nebeneinander: Diodor, der das Ende dramatisch zuspitzt (samt der berühmten, wohl erfundenen Szene, in der Alexander das Reich „dem Stärksten" vermacht), und den nüchterneren Arrian, der als zuverlässigster Alexander-Historiker gilt. Die Diadochen und der Griff nach Ägypten Nach Alexanders Tod blieben nur nominelle Könige – sein nachgeborener Sohn Alexander IV. und sein Halbbruder Philipp III. –, während die Diadochen je eine Satrapie verwalteten. Ptolemaios griff früh und gezielt nach Ägypten: ein außerordentlich reiches Land, das durch seine Geografie – nur ein schmaler Zugang über den Sinai – leicht zu verteidigen war. Während sich die übrigen Diadochen um den Rest balgten, hielt er sein Kerngebiet kontinuierlich.Die Idee vom geeinten Großreich zerbrach rasch: Alexander IV. und Roxane wurden um 310 ermordet, beim Diadochenfrieden 311 bekam jeder, was er hielt, und ab 306/305 ließen sich die Diadochen nacheinander zu Königen ausrufen – bezeichnenderweise nicht mit Krone, sondern mit dem schlichten Diadem. Zur Legitimation beriefen sie sich auf das „speergewonnene Land" und zunehmend direkt auf den rasch vergöttlichten Alexander. Der geklaute Leichnam Ptolemaios' genialster Schachzug war wörtlich zu nehmen. Alexanders einbalsamierter Körper sollte in einem prunkvollen Goldwagen zur Oase Siwa überführt werden; Ptolemaios zog dem Zug entgegen, übernahm den Leichnam und leitete ihn kurzerhand nach Ägypten um – zunächst wohl nach Memphis, schließlich nach Alexandria. Damit verankerte er seine Herrschaft im Erbe Alexanders. Über das Mausoleum (das Sema) kamen über Jahrhunderte regelrechte Pilgerströme – bis hin zu Caesar und Augustus. Das Grab ist heute verschollen. Alexandria: Leuchtturm, Bibliothek und Kulturpolitik Ptolemaios baute Alexandria zum Zentrum der hellenistischen Welt aus: den Leuchtturm (Pharos), eines der Sieben Weltwunder, die Bibliothek von Alexandria mit dem Museion als Forschungsstätte und das Serapeion. Mit dem Serapis-Kult schuf er eine Gottheit, die ägyptische und griechische Vorstellungen verband. Die Herrschaft blieb dennoch klar griechisch geprägt: Ägypter waren von Verwaltungsämtern ausgeschlossen. Eine erstaunlich langlebige Dynastie Von allen Diadochenreichen hielten sich die Ptolemäer am längsten: knapp 300 Jahre. Die später übernommene Geschwisterehe ordnet Solveig ein – sie wurde wohl überwiegend repräsentativ geführt. Erst mit Kleopatra VII. endete die Dynastie in römischer Abhängigkeit.Darüber legt sich eine größere Frage, die Solveig und Daniel offen diskutieren: Erzählen wir uns die Antike zu gern als großen, dramatischen Niedergang? Am Beispiel der Bibliothek von Alexandria – deren populäre Brandgeschichte heute als fragwürdig gilt – wird deutlich, dass vieles in der Geschichte nicht mit einem Knall, sondern langsam geschieht. Und ob etwas „Niedergang" oder bloß Veränderung ist, entscheidet oft erst der Rückblick. Verwandte Folgen & mehr FG069 – Ödipus und der Wille der Götter: die direkt vorangehende Folge zu griechischer Tragödie und Mythologie FG066 – Heinrich Schliemann – Mit Dynamit nach Troja: Antikenrezeption, Archäologie und der Umgang mit (zerstörtem) Erbe FG018 – Achill und Patroklos sowie FG017 – Spartacus will nach Hause: weitere Ausflüge in die Antike Solveigs YouTube-Video zu Kleopatra: über die letzte Ptolemäerin und vor allem ihre Rezeptionsgeschichte – der perfekte Abschluss zu dieser Folge Diese Folge ist Teil unseres Ptolemäer-Schwerpunkts. Im Nachklapp für unsere Steady-Unterstützer:innen wird es außerdem um die besondere Beziehung zwischen Alexander und Hephaistion gehen. Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. 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  • #69
    May 21 · 1 hr 29 min

    FG069 - Ödipus und der Wille der Götter

    Er tötete seinen Vater, heiratete seine Mutter und gab einem der bekanntesten psychoanalytischen Konzepte seinen Namen. In unserer Folge wird Ödipus vor allem als das vorgestellt, was er in den antiken Quellen wirklich ist: ein Mann, der dem Willen der Götter trotzt. Und dafür einen hohen Preis zahlt. Außerdem spricht Solveig über die Labdakiden, die Familie des Ödipus, die weitere Tragödien erlebt. Diesen sind daher auch eigene Stücke gewidmet, wie Antigone und die Sieben gegen Theben. Die griechische Tragödie Bevor wir in die Geschichte einsteigen, schauen wir uns an, wie griechische Tragödien überhaupt funktionieren und warum das Theater im antiken Athen mehr war als Unterhaltung. Entstanden im 5. Jahrhundert v. Chr., geprägt von drei Autoren — Aischylos, Sophokles und Euripides — war das Theater eine Form kultischen Handelns, fast ein Gottesdienst. Der Chor dabei ist mehr als Dekoration: Er spiegelt, wie die Gesellschaft auf das Handeln der Figuren reagiert und ist damit eine Art kollektives Gewissen auf der Bühne. König Ödipus Die Geschichte beginnt nicht mit einer Liebesgeschichte, sondern mit einer Seuche. Theben leidet, und der Seher Teiresias (unter dem Schutz Athenas stehend, nicht wie üblich Apollons) soll Aufklärung bringen. Was er dann sagt, will Ödipus zunächst nicht hören. Wie Ödipus nach Theben kam, wer ihm dabei begegnete und warum sein Name „Schwellfuß" bedeutet, das entfaltet sich schrittweise, ganz so wie es Sophokles angelegt hat: nicht als vorwärts erzählte Handlung, sondern als schrittweise Enthüllung einer längst vergangenen Geschichte. Zur Sphinx, die den Weg nach Theben bewacht, gibt es zudem einen kleinen Exkurs: Wie dieses Wesen aus dem alten Ägypten zu einem Monster in der griechischen Mythologie wurde, ist ein schönes Beispiel für den Kulturtransfer im antiken Mittelmeerraum. Die Sieben gegen Theben Der Titel klingt nach Hollywood, aber Sieben gegen Theben von Aischylos ist deutlich weniger spannend umgesetzt, als der Stoff es verdient hätte. Die Kriegsdarstellungen verstellen den Blick auf das Drama, dass sich zwischen den Kindern des Ödipus entfaltet: Hat Polyneikes ein Recht auf die Herrschaft, die ihm versprochen wurde? Hat Eteokles eine Pflicht, die Stadt zu verteidigen, auch wenn er den Deal des Tausches gebrochen hat? Und verliert man sein Anrecht, wenn man die eigene Heimatstadt angreift? Antigone Das stärkste Stück dieser Folge ist Antigone. Kreon, der neue Herrscher Thebens, verbietet die Bestattung des gefallenen Polyneikes. Antigone widersetzt sich — nicht aus Trotz, sondern weil sie das göttliche Gesetz über das menschliche stellt. Solveig macht deutlich, dass Kreons Frauenfeindlichkeit dabei keine Nebensache ist, sondern ein entscheidender Fehler. Erst als Teiresias ihn ein zweites Mal warnt, lenkt Kreon ein. Zu spät. Der menschliche Hochmut Der Kern der Erzählungen ist nicht Begehren, nicht Schicksal als blinde Kraft, sondern Hybris: der Hochmut des Menschen, es besser zu wissen als die Götter. Solveig zeigt, dass diese Idee nicht auf die Antike beschränkt ist. Die christliche Superbia, die schlimmste der Todsünden, beschreibt dasselbe unter anderem Namen. Und auch die mittelalterliche Ketzerverfolgung folgt einer ähnlichen Logik: nicht falscher Glaube wird bestraft, sondern der Ungehorsam. Antiker Feminismus Am Ende weitet sich der Blick: Die Labdakiden-Tragödien spiegeln eine Gesellschaft im Wandel. Wo in der archaischen Zeit Herakles mit Körperkraft als Ideal stand, siegt Ödipus durch Verstand und ist körperlich behindert. Damit steht er für einen Wandel in den Vorstellungen von Männlichkeit und Heldentum.Und dann ist da noch Euripides, der in dieser Folge eine besondere Würdigung bekommt: Er hat die mythologischen Frauenfiguren — Medea, Hekabe, Andromache — mit Zorn, Handlungsmacht und Leid ausgestattet, lange bevor das als Errungenschaft verbucht wurde. Verwandte Folgen In dieser Folge verweist Solveig auf unsere frühere Episode zu Achilles und Patroklos, in der das Thema der griechischen Bestattungsrituale und die Bedeutung des unbegrabenen Todes bereits eine Rolle spielte. Wer den Ödipus-Komplex aus psychoanalytischer Sicht kennenlernen möchte, findet das Thema im Nachklapp zu dieser Folge — exklusiv für Steady-Unterstützer*innen. Hintergrundmusik der Zitate ist: Seikilos Epitaph with the Lyre of Apollo by Lina Palera (Lyre 2.0 Project player) is licensed under a Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 International License. 00:00:00 Ödipus ohne Komplex 00:05:15 Die griechischen Tragödien 00:10:19 Ödipus nach Sophokles 00:13:23 Ein ungeklärter Mord 00:22:29 Von Korinth nach Theben 00:30:39 Familiäre Verwicklungen 00:38:55 Qual der Wahrheit 00:42:26 Sieben gegen Theben 00:49:07 Atigone wehrt sich 00:54:34 Der WIlle der Götter 01:03:02 Hochmut wider die Götter 01:16:24 Wandel der antiken Gesellschaft 01:21:21 Ruhm dem Euripides! Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. 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  • #68
    April 30 · 2 hr 13 min

    FG068 - Von Gottes Gnaden: Friedrich Wilhelm IV.

    Friedrich Wilhelm IV. lehnte 1849 die Kaiserkrone ab – und gab damit einer ganzen Generation den Korb. Aber warum? Daniels Lieblingspreußenkönig bekommt endlich seine eigene Folge – zur Freude des einen, zum leisen Leid der anderen: Solveig findet die Hohenzollern bräsig, jedenfalls deutlich weniger unterhaltsam als die Habsburger. Zusammen schauen wir diesmal tief in Briefe, Reden und private Notizen – von der Kindheit im Exil bis zur Revolution 1848 – und fragen: Was hat diesen Mann geformt? Und was war ihm am Ende wichtiger als die Kaiserkrone? Die Folge ist eine Doppelfolge mit Flurfunk Paulskirche, Folge 11: Erwählter Kaiser der Deutschen. Dort geht es um die Ereignisse von 1848 aus der Perspektive der Nationalversammlung. Kindheit im Exil und stete Ermahnungen Friedrich Wilhelm IV. wird 1795 geboren. Seinen zwölften Geburtstag erlebt er im Exil in Memel – Napoleon hat Preußen besiegt, die Familie ist geflohen. Der Kronprinz überrascht seine Mutter mit einem kleinen Geschenk. Königin Luise antwortet mit einem Brief, der Druck aufbaut: Preußens Größe sei dahin, der Vater unglücklich – und von ihm, dem Kronprinzen, erwarte sie Fleiß, Gehorsam und Opferbereitschaft. Auch sein Erzieher und sein Vater mahnen in dieselbe Richtung: Gehorsam, Ordnung, Opfer. Den Hang zum Zeichnen und zur Kunst soll er bitte zurückstellen. König des Friedens Mit dem Tod Friedrich Wilhelms III. 1840 besteigt Friedrich Wilhelm IV. den Thron. Er amnestiert die Demagogen – die Brüder Grimm dürfen nach Berlin, Arndt zurück nach Bonn. Liberale Geister schöpfen Hoffnung. In seinen Huldigungsreden – zuerst in Königsberg, dann in Berlin – betont er die Verbindung von Volk und König und seine Verantwortung vor Gott. Dabei tut er etwas Neues: Er tritt als erster König in der preußischen Geschichte vor die Menschen und hält eine Volksansprache – fragt sein Volk nach einem „ehrenfesten Ja" und bekommt es von tausenden Stimmen zurück. Der schönste Satz dieser Rede, so findet zumindest Daniel, ist der verklausulierte Friedensappell: Wem der Sinn nicht nach einer sogenannten glorreichen Regierung steht, der fasse Vertrauen zu mir. Er will kein zweiter Friedrich der Große werden, sondern ein friedvoller Patriarch. Der göttliche Draht Novalis hat es formuliert, Friedrich Wilhelm hat es gelebt: Die Monarchie beruht auf dem Glauben an einen höher geborenen Menschen. Die Konstitution besteht aus der Verantwortung des Monarchen vor Gott – nicht aus einem Stück Papier. Dazu kommt eine mystisch-sakrale Überzeugung, die Friedrich Wilhelm selbst gegenüber seinem Freund Bunsen formuliert: Es gebe Dinge, die man nur als König wisse – nicht weil man den Schlüssel zu Papas Aktenschrank bekommt, sondern weil der Heilige Geist auf mystische Weise eingibt, was das Volk braucht. Das klingt für heutige Ohren befremdlich. Für Friedrich Wilhelm war es der Kern seiner Identität. Der Dom der Einheit Als Kronprinz hatte Friedrich Wilhelm 1815 seine Hände in den Rhein getaucht und sich drei Kreuze auf die Stirn gezeichnet. Der Kölner Dom – seit Jahrhunderten Bauruine, Baukran inklusive – wird für ihn zum Symbol deutscher Einheit und konfessionellen Friedens. Als König fördert er 1840 den Dombauverein, gibt 50.000 Taler und legt 1842 den Grundstein – mit Metternich und Erzherzog Johann gegenüber, die mindestens genauso viel geben wollen, damit bloß kein falscher Eindruck preußischer Vorherrschaft entsteht. Seine Rede zur Grundsteinlegung bewegt alle – der preußische König geht dem Erzbischof auf der Estrade entgegen, dessen Vorgänger sein Vater noch in die Festung Minden gesperrt hatte. Doch der neue König scheint einen Hang zum Katholizismus zu haben und bietet dem Papst – ganz ernst gemeint – Schloss Brühl als Exilresidenz an, als die Revolution von 1848 den Kirchenstaat bedroht. Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zur Eröffnung des " Vereinigten Landtags" am 11. April 1847 Bankrotterklärung Im Laufe des Revolutionsjahres 1848 scheint sich der König mit einer neuen - konstitutionellen - Identität anzufreunden. Doch am 12. Oktober 1848 streicht die preußische Nationalversammlung mit 217 zu 134 Stimmen die Worte „Von Gottes Gnaden" aus dem Verfassungsentwurf. Der Abgeordnete Schulze-Delitzsch vergleicht die Formel mit einer bankrotten Firma, die man nicht ins neue Geschäft hinübernehme. Was die Mehrheit für eine leere Floskel hält, ist für Friedrich Wilhelm der Kern seines Selbstverständnisses – und das Ende seiner Kompromissbereitschaft. Das Ministerium wird entlassen, General Wrangel rückt in Berlin ein, die Nationalversammlung wird aufgelöst. Aus eigener Machtvollkommenheit oktroyiert Friedrich Wilhelm seinem Land dann doch eine Verfassung – im Wesentlichen das, was die Versammlung erarbeitet hatte, aber eben von ihm gegeben, nicht erkämpft. Mit „Von Gottes Gnaden" im Titel und später redigiert. An Kaiser Franz Joseph schreibt er 1854: Er habe eine „miserable, französisch-moderne Konstitution" beschworen, aber sein Wort sei heilig. Weltbild als Architektur Nach 1848 ist Friedrich Wilhelm nach Aussage von Zeitgenossen nicht mehr der Alte. In architektonischen Entwürfen versucht er weiterhin sein Weltbild festzuhalten. Sein bleibendes Vermächtnis ist die Potsdamer Parklandschaft mit Friedenskirche und Schloss Charlottenhof. 1857 erleidet er Schlaganfälle, sein Bruder Wilhelm übernimmt. Am 2. Januar 1861 stirbt er in Sanssouci und wird in der von ihm selbst geplanten Friedenskirche in Potsdam beigesetzt. Sein Herz liegt gesondert bei seiner Mutter im Mausoleum Charlottenburg. Gruft in der Friedenskirche mit den Sarkophagen Friedrich Wilhelms IV. (vorne) und Königin Elisabeths (dahinter) Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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  • #67
    April 9 · 1 hr 17 min

    FG067 - Kaiser Wilhelms große Liebe: Elisa Radziwill

    In dieser Folge widmen wir uns einer Beziehung, die weit über eine private Romanze hinausging und als Sinnbild für das komplexe Verhältnis zwischen Deutschland bzw. Preußen und Polen gelesen werden kann. Wir untersuchen die Begegnung zwischen dem preußischen Prinzen Wilhelm I. und der polnischen Adeligen Elisa Radziwiłł und gehen der Frage nach, welche historischen Weichenstellungen durch das Scheitern dieser Verbindung möglicherweise verpasst wurden. Eine Fortsetzung unserer Reihe zu preußischen Frauen Mit dieser Folge löst unser Gast Michael ein Versprechen ein, dass er in einer früheren Folge gegeben hat. Denn schon im Rahmen unseres Frauenjahres war Michael bei uns zu Gast und hat uns von preußischen Königinnen erzählt. Im zweiten Teil ging es damals dann um morganatische Ehen und Mätressen. Heute geht es um eine Ehe, die eigentlich die Chance hatte, Staatsräson und wahre Liebe zu vereinen. Am Ende aber doch nicht sein durfte. Das Haus Radziwiłł: Macht und europäische Verflechtung Zunächst sprechen wir über die Bedeutung des Hauses Radziwiłł. Wir stellen fest, dass diese Familie keineswegs zum niederen Adel gehörte, sondern als eines der einflussreichsten Geschlechter im polnisch-litauischen Raum agierte. Mit ihrem enormen Grundbesitz und ihren bedeutenden Residenzen, wie dem Palais Radziwiłł in der Berliner Wilhelmstraße oder dem heutigen Präsidentenpalast in Warschau, waren sie über Jahrhunderte eng mit den europäischen Dynastien verwoben. Wir beleuchten in diesem Zusammenhang auch die politische Struktur Polens als Adelsrepublik mit Wahlkönigtum, die in deutlichem Kontrast zum preußischen Herrschaftsverständnis stand. Die Hürde der Ebenbürtigkeit und das System der Gutachten Der entscheidende Wendepunkt der Geschichte liegt in der Frage der Ebenbürtigkeit der Radziwiłł mit den Hohenzollern. Wir stellen dar, wie sich mit dem Aufstieg Brandenburg-Preußens zur Königswürde die Maßstäbe für standesgemäße Ehen verschärften. Trotz ihres historischen Ranges galten die Radziwiłls plötzlich nicht mehr als gleichrangig mit den Hohenzollern. Wir diskutieren, wie dieser neue dynastische Standesdünkel durch insgesamt 22 juristische Gutachten, unter anderem durch den Geheimrat Friedrich von Raumer, untermauert wurde. Sogar eine Adoption Elisas durch den Zaren Alexander I. oder einen preußischen Prinzen wurde in Betracht gezogen. Politische Dimensionen und historische Folgen Abschließend betrachten wir die langfristigen Folgen dieser Entscheidung vor dem Hintergrund der Heiligen Allianz. Wir sehen die verbotene Ehe als Beispiel für ein starres politisches System, das keine Abweichungen zuließ, insbesondere da Preußen nach dem Wiener Kongress in ein fragiles internationales Gleichgewicht eingebunden war. Die Geschichte von Wilhelm und Elisa bleibt für uns daher mehr als eine Liebesgeschichte; sie ist ein aufschlussreiches Fallbeispiel für die harten Grenzen des dynastischen Denkens und die vertanen Möglichkeiten in den preußisch-polnischen Beziehungen. Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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  • #66
    March 12 · 1 hr 25 min

    FG066 - Heinrich Schliemann - Mit Dynamit nach Troja

    In dieser Folge beschäftigen wir uns mit einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Figuren der Archäologiegeschichte: Heinrich Schliemann. Sein Name ist untrennbar verbunden mit der Suche nach dem historischen Troja – und mit spektakulären Grabungen, die ihm Ruhm, aber auch viel Kritik einbrachten. Wir sprechen über seinen ungewöhnlichen Lebensweg im 19. Jahrhundert, seine Begeisterung für antike Dichtung und darüber, wie aus dieser Leidenschaft eine der berühmtesten archäologischen Unternehmungen der Geschichte wurde. Der ungewöhnliche Weg von Heinrich Schliemann Zu Beginn der Folge schauen wir uns an, wie der Lebensweg von Heinrich Schliemann überhaupt zur Archäologie führte. Anders als viele Wissenschaftler seiner Zeit begann er seine Karriere nicht an einer Universität, sondern im Handel. Schliemann arbeitete zunächst als Kaufmann und war in verschiedenen Ländern erfolgreich. Durch seine Geschäfte gelang es ihm, ein beträchtliches Vermögen aufzubauen. Gleichzeitig entwickelte er eine außergewöhnliche Begabung für Sprachen und brachte sich zahlreiche Fremdsprachen selbst bei. Diese internationale Erfahrung und seine finanzielle Unabhängigkeit ermöglichten es ihm später, sich ganz seiner neuen Leidenschaft zu widmen: der Suche nach den Schauplätzen der antiken Epen. Die Faszination für Homer und die Welt der Ilias Ein entscheidender Ausgangspunkt für Schliemanns archäologische Ambitionen waren die Werke des Dichters Homer. Besonders das Epos Ilias prägte seine Vorstellung von der antiken Welt. Während viele Gelehrte des 19. Jahrhunderts die Geschichten aus der Ilias vor allem als Mythologie betrachteten, war Schliemann überzeugt, dass sich hinter den Erzählungen reale historische Ereignisse verbergen könnten. Für ihn waren die Beschreibungen der Stadt Troja, des Trojanischen Krieges und der darin auftretenden Figuren nicht nur dichterische Erfindung, sondern mögliche Hinweise auf reale Orte und vergangene Kulturen. Diese Überzeugung sollte zum Ausgangspunkt seiner Grabungen werden. Die Suche nach Troja Im Mittelpunkt der Folge steht Schliemanns entschiedene Suche nach der sagenhaften Stadt Troja. Schließlich begann er mit Ausgrabungen an einem Hügel in der heutigen Türkei: Hisarlık. Dieser Ort war bereits zuvor von anderen Forschern als möglicher Standort der antiken Stadt diskutiert worden. Schliemann ließ dort großflächig graben, weil er überzeugt war, dass sich unter dem Hügel die Überreste von Troja befinden müssten. Dabei gingen er und seine Arbeiter mit großer Geschwindigkeit vor. Um schneller zu den vermeintlich ältesten Schichten vorzudringen, ließ Schliemann große Teile des Hügels abtragen. In der Folge sprechen wir darüber, wie dieses Vorgehen später zu massiver Kritik führte, weil dabei wichtige archäologische Schichten zerstört wurden. Die drastischen Methoden brachten ihm den Ruf ein, sich gewissermaßen „mit Dynamit nach Troja“ gegraben zu haben. Der spektakuläre Fund des Schatzes des Priamos Einer der bekanntesten Momente in Schliemanns Grabungen war der Fund eines Goldschatzes, den er mit dem trojanischen König Priamos in Verbindung brachte. Der Schatz bestand aus zahlreichen goldenen und wertvollen Objekten und machte Schliemann schlagartig weltberühmt. In der Folge sprechen wir auch darüber, wie Schliemann diesen Fund präsentierte und welche Rolle dabei seine Frau Sophia Schliemann spielte. Berühmt wurde ein Foto, auf dem sie den Schmuck trägt, der angeblich aus dem Schatz des Priamos stammt. Der Fund sorgte weltweit für Aufmerksamkeit, löste jedoch gleichzeitig auch Diskussionen über Datierung, Fundumstände und den Umgang mit den Artefakten aus. Mehr darüber erzählen wir in unserer NACHKLAPP-Folge für alle Unterstützer*innen auf Steady. Weitere Ausgrabungen in Mykene Schliemanns Interesse beschränkte sich nicht nur auf Troja. Wir sprechen auch über seine späteren Ausgrabungen in der antiken Stadt Mykene. Dort entdeckte er mehrere reich ausgestattete Gräber mit wertvollen Beigaben. Besonders bekannt wurde eine goldene Totenmaske, die Schliemann mit dem legendären Herrscher Agamemnon in Verbindung brachte. Auch hier zeigt sich, wie stark Schliemanns Interpretation der Funde von den homerischen Erzählungen geprägt war. Seine Ausgrabungen in Mykene trugen maßgeblich dazu bei, die bronzezeitlichen Kulturen Griechenlands stärker ins Blickfeld der Forschung zu rücken. Zwischen Genie und Kritik Zum Ende der Folge werfen wir einen Blick auf Schliemanns Vermächtnis. Einerseits trugen seine Grabungen entscheidend dazu bei, das öffentliche Interesse an der Archäologie zu wecken. Seine Entdeckungen machten die Welt der bronzezeitlichen Kulturen der Ägäis international bekannt. Gleichzeitig wird seine Arbeit bis heute kritisch betrachtet. Viele seiner Grabungsmethoden gelten aus heutiger Sicht als problematisch, weil durch das schnelle und teilweise zerstörerische Vorgehen wichtige archäologische Informationen verloren gingen. Trotz dieser Kritik bleibt Heinrich Schliemann eine zentrale Figur der Archäologiegeschichte – ein Mann, der mit großer Leidenschaft versuchte, die Welt der homerischen Epen mit der archäologischen Realität zu verbinden. Hast du Lust, mit uns am 15. März in die Ausstellung „Roads Not Taken“ im Deutschen Historischen Museum zu gehen? Dann melde dich jetzt per Email an: Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. 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  • #65
    February 12 · 1 hr 53 min

    FG065 - Hermann und der deutsche Geist

    In dieser Episode tauchen wir tief in die Symbolik und Bedeutung von Arminius, dem Cheruskerfürsten, ein. Wir diskutieren, wie er als „Hermann“ zum Inbegriff des deutschen Nationalgefühls wurde und welche Rolle er in der Identitätsstiftung spielt. Dabei beleuchten wir die komplexen historischen und kulturellen Kontexte, die seine Figur umgeben, und wie diese über die Jahrhunderte hinweg – vom antiken Schlachtfeld bis in die bürgerlichen Wohnzimmer des 19. Jahrhunderts – interpretiert wurden. Hermann und die deutsche Identität Wir beginnen mit einer Einführung in die Figur des Hermann und seiner historischen Bedeutung, insbesondere im Kontext der Varusschlacht. Wir fragen uns: Welche Rolle spielt er in der Konstruktion des deutschen Nationalbewusstseins? Dabei beleuchten wir die verschiedenen Narrative, die sich um Hermann ranken, und wie diese durch die Wiederentdeckung des Tacitus eine neue Dynamik erhielten. Besonders im 19. Jahrhundert wurde Hermann zur „Urzelle“ des Deutschseins hochstilisiert, wobei wir zeigen, dass diese Identität oft über eine künstliche Abgrenzung zu allem „Undeutschen“ definiert wurde. Zwischen Befreiungskrieg und Denkmalbau Im weiteren Verlauf widmen wir uns der Rezeption Hermanns während der Nationalbewegung. Wir diskutieren, wie Literaten wie Friedrich Gottlieb Klopstock oder Heinrich von Kleist (in „Die Hermannsschlacht“) Hermann als Symbol für Einheit und Widerstand gegen äußere Bedrohungen – insbesondere gegen Napoleon Bonaparte – verwendeten. Ein zentraler Ort dieser Verehrung ist Detmold am Teutoburger Wald. Hier realisierte Ernst von Bandel mit dem Hermannsdenkmal ein Lebensprojekt, das schließlich unter Kaiser Wilhelm I. zur Vollendung kam und den Sieg über Frankreich zementieren sollte. Nationalismus und Antisemitismus Ein zentrales Thema unseres Gesprächs ist der Zusammenhang zwischen der deutschen Identitätssuche und dem Antisemitismus. Solveig analysiert, wie die Konstruktion eines „reinen deutschen Volkes“ mit dem Ausschluss der jüdischen Bevölkerung einherging. Dies wird schon beim Wartburgfests 1817 deutlich, wo die „Germanomanie“ in der Verbrennung von Saul Aschers Werken gipfelte. Ideologen wie Jakob Friedrich Fries forderten die „Ausrottung der Judenschaft“, da sie diese als Fremdkörper im „deutschen Geist“ betrachteten. Der Nationalismus jener Zeit war somit von Beginn an ein Projekt der Ausgrenzung. Die Karlsbader Beschlüsse und die Angst vor dem Geist Wir ordnen die Karlsbader Beschlüsse von 1819 neu ein: Diese waren nicht nur staatliche Repression des Systems Metternich, sondern eine direkte Reaktion auf die Radikalisierung der Nationalbewegung. Der Mord von Karl Ludwig Sand an August von Kotzebue wird hierbei als Wendepunkt sichtbar, an dem die Suche nach Freiheit endgültig in einen fanatischen und gewaltbereiten Patriotismus umschlug, der alles „Weichliche“ und „Fremde“ tilgen wollte. Hermann "Ari" bei Netflix Abschließend werfen wir einen Blick darauf, wie Hermann heute gesehen wird. Wir reflektieren über die problematische Nutzung der Figur während des Nationalsozialismus und fragen uns, welche Bedeutung Hermann und sein Denkmal in der heutigen Zeit noch haben. Dazu wirft Solveig ab 14. Februar noch einen gesonderten Blick auf die Netflix-Serie "Barbaren" und erzählt euch in diesem Video auf YouTube, was sie von deren Darstellung hält. Jetzt schon folgen und benachrichtigen lassen! Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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  • #64
    January 29 · 1 hr 12 min

    FG064 - Irgendwas mit Bismarck | Planlos zur Einheit

    In der Fortsetzung unserer Bismarck-Reihe konzentrieren wir uns auf das Entscheidungsjahr 1866. Wir fragen nach der Herkunft des Mythos vom „Reichsschmied“ und wie planvoll der Weg zum deutschen Nationalstaat war. Wir blicken auf verschiedene Akteure. analysieren die technischen Innovationen auf dem Schlachtfeld und diskutieren mögliche alternative Geschichtsverläufe. Attentat und Kriegsbeginn Kurz bevor der Konflikt mit Österreich im Mai 1866 eskalierte, hätte es auch schon wieder vorbei sein können: Ein junger Mann namens Ferdinand Cohen-Blind feuerte in Berlin fünf Schüsse auf Bismarck ab. Bismarck überwältigte seinen Attentäter höchstpersönlich, doch die öffentliche Reaktion war überraschend unterkühlt. Liberale Blätter sahen in Cohen-Blind fast schon einen Patrioten, der das Land von einem „Unhold“ befreien wollte. Wir besprechen, wie Bismarck diesen Moment für seinen Heldenmythos nutzte und wie schließlich ein Streit um Zuständigkeiten in Schleswig-Holstein den offiziellen Kriegsgrund gegen Österreich lieferte. Mit der Bahn nach Böhmen Bei Ausbruch des Deutschen Krieges standen die meisten Wetten wahrscheinlich gegen Preußen. Nicht nur Friedrich Engels sah die Preußen noch als unerfahrene „Friedensarmee“ und gegen Dänemark hatten die Österreich deutlich mehr Beachtung bekommen. Der preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke setzte auf Schnelligkeit und Risiko. Für einen schnellen Aufmarsch nutzte er das wachsende Eisenbahnnetz und brachte die österreichische Nordarmee unter General von Benedek schnell in Bedrängnis. Preußen und sein neuer Bund Nach dem Sieg wurden die Karten in Deutschland neu gemischt. Wir beleuchten die Gründung des Norddeutschen Bundes und das Schicksal vieler kleinerer deutscher Staaten. Während Staaten wie Hannover von der Landkarte verschwanden, musste die freie Stadt Frankfurt die preußische Härte schmerzhaft spüren. Wir erzählen die tragische Geschichte des Frankfurter Bürgermeisters Karl Fellner, der sich angesichts der preußischen Geldforderungen und Kanonendrohungen das Leben nahm. Gleichzeitig entsteht mit der neuen Bundesverfassung der erste deutsche Bundesstaat. Erweitert um die süddeutschen Staaten entsteht daraus noch im Krieg gegen Frankreich 1871 das deutsche Kaiserreich. Die „Englische Alternative“ und liberale Träume Zum Ende werfen wir einen Blick auf einen hypothetischen Wendepunkt der Geschichte. Was hätte es bedeutet, wenn der Kronprinz (später Friedrich III.) früher an die Macht gekommen wäre? Wir diskutieren die sogenannte „Englische Alternative“: Friedrich war mit Victoria, der Tochter von Queen Victoria, verheiratet und galt als Hoffnungsträger für einen britisch geprägten Liberalismus in Preußen. Hätte ein starkes Parlament den "preußischen Militarismus" frühzeitig einhegen können? Wir klären, warum diese Idee falschen Vorstellungen folgt und welche fortschrittlichen Ideen letztlich durch die konservative Führung umgesetzt wurden. Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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  • #63
    January 15 · 1 hr 11 min

    FG063 - Irgendwas mit Bismarck | Eisen und Blut

    Wir starten das neue Jahr mit einem echten Titanen der deutschen Geschichte. In dieser Folge widmen wir uns einer Figur, die bis heute polarisiert wie kaum eine andere: Otto von Bismarck. Ob als „Schmied des Reiches“ verehrt oder als „Brecher des Friedens“ verdammt – wir schauen uns an, wie preußische Machtpolitik schließlich einen kleindeutschen Nationalstaat schuf. Projektionsfläche und Politikum Wir steigen ein mit der Frage, warum Bismarck eigentlich heute noch so präsent ist. Während er für manche noch immer (oder wieder) eine Ikone ist, die jedes Denkmal verdient, sehen andere in ihm die „Ursünde“ der deutschen Nationalstaatsgründung durch Blut und Eisen und den Beginn eines Weges über Kolonialismus zu Hitler und Völkermord. Der Wendepunkt: 1866 statt 1871 In dieser Folge lenken wir den Blick weg vom Gründungsjahr des Kaiserreiches 1871 und fokussieren uns stattdessen auf das eigentliche Schicksalsjahr: 1866. Spätestens im zweiten Teil werden wir diskutieren, warum dieses Jahr als der wahre Wendepunkt gelten muss, an dem die Weichen für ein kleindeutsches Reich unter preußischer Führung gestellt wurden. Es ist die Geschichte einer angeblichen Vision Bismarcks, der über drei Etappen – die sogenannten Einigungskriege – führte. Verfassungskonflikt und die Rolle des Königs Ein zentrales Thema ist der Preußische Verfassungskonflikt. König Wilhelm I. wollte sein Heer reformieren, das liberale Parlament verweigerte das Geld. In dieser verfahrenen Situation holte Wilhelm den „letzten Bolzen der Reaktion“ – Bismarck – als Ministerpräsidenten, der bereit war, den Willen des Königs auch ohne genehmigten Haushalt durchzusetzen. In diesem Zusammenhang hält Bismarck die berühmte "Eisen-und-Blut"-Rede vor dem Budgetausschuss des Parlaments. Strategische Allianzen und diplomatisches Kalkül Wir beleuchten auch das geschickte (und skrupellose) Spiel auf dem diplomatischen Parkett. Ob es die „gütliche Einigung“ mit Österreich über die Verwaltung der Elbherzogtümer war oder das geheime Militärbündnis mit dem jungen Königreich Italien, um Österreich in einen Zweifrontenkrieg zu zwingen – Bismarck nutzte jede Gelegenheit, um Preußens Macht auszubauen. Hast du Lust, mit uns am 15. März in die Ausstellung „Roads Not Taken“ im Deutschen Historischen Museum zu gehen? Dann melde dich jetzt per Email an: Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge. Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.de Flurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Insta Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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  • #62
    Dec 11, 2025 · 1 hr 45 min

    FG062 - Kulturkampf um den Heiligen Rock

    Wir beschließen unser halbwegs heiliges Jahr mit einer Wallfahrt zum Heiligen Rock nach Trier. Wir erzählen, wie sich Trier als besonders „heilige Stadt“ inszenierte und warum gerade diese Reliquie zum identitätsstiftenden Symbol wurde. Dabei ordnen wir den Heiligen Rock in die Tradition der Reliquienverehrung ein: von Kreuzsplittern über Nägel bis zu Kleidungsstücken, die Jesus zugeschrieben werden. Wir sprechen darüber, wie Städte mit ihren Heiligtümern Pilger, Prestige und Geld anziehen und sich damit ein regelrechter religiöser Wettbewerb entwickelt. Gleichzeitig wird der Rock zum Politikum: Wie wurde die Wallfahrt im Jahre 1844 zum Auslöser für Streit, Spott und Kulturkampf? Kreuzfund der heiligen Helena und die Frage der Echtheit Zunächst schauen wir auf die Legende von der heiligen Helena, der Mutter von Konstantin dem Großen. Wir erzählen, wie sie der Tradition nach nach Jerusalem reist, das Kreuz Jesu und weitere Passionsreliquien findet und nach Rom bringen lässt – in Varianten von der knappen Notiz bis zur farbig ausgeschmückten Legenda Aurea. Wir greifen die Figur des Judas/Kyriakus auf, der der Legende nach bei der Suche hilft, und zeigen, wie solche Geschichten den Glauben stärken sollen, dass auch Kleidungsstücke Jesu überliefert sein könnten. Zugleich diskutieren wir nüchtern die Frage der historischen Plausibilität: Was berichten antike Autoren wie Flavius Josephus, was bedeuten Zerstörung Jerusalems, römische Politik unter Titus und Hadrian oder der Bar-Kochba-Aufstand für die Überlieferungschancen eines Kreuzes? Danach hält es Solveig durchaus für denkbar, das Helena tatsächlich ein Kreuz fand, das frühe christliche Pilger als das Kreuz Christi verehrten. Vom mittelalterlichen Pilgermagnet zum Politikum im Rheinland Dann wenden wir uns der konkreten Geschichte des Heiligen Rocks in Trier zu. Wir erklären, wie die Stadt im Mittelalter eine ungeteilte Tunika Jesu, das „Gewand ohne Naht“, beansprucht und damit ihren Rang als Pilgerzentrum aufwertet – nicht zuletzt im Wettbewerb mit anderen Heiligtümern wie der Aachener Heiligtumsfahrt oder Kreuzreliquien in Prüm. Wir erzählen, wie der Rock bei großen Anlässen „erhoben“ und öffentlich gezeigt wird, mit aufwendiger Inszenierung, Gerüsten, Baldachinen und liturgischen Texten. Später kommen regelmäßige Wallfahrten hinzu, Ablässe – etwa durch Papst Leo X. – und gewaltige Pilgerströme, die der Region ökonomisch nutzen, aber auch heftige Kritik provozieren. Begriffe wie „Bescheißerei von Trier“ stehen für den Verdacht, dass hier mit Glauben Geschäfte gemacht werden. Nach Kriegen und Revolutionen wird der Rock mehrfach ausgelagert, unter anderem nach Ehrenbreitstein, Böhmen und Augsburg, bevor er wieder nach Trier zurückkehrt – in eine Region, die nach dem Wiener Kongress nun zum überwiegend protestantischen Preußen gehört. Genau hier beginnt die Geschichte des Heiligen Rocks als politisches Symbol im katholisch geprägten Rheinland. Kölner und Trierer Wirren: Mischehenstreit und die Wallfahrt 1844 In einem großen Block schlagen wir die Brücke von der Reliquienverehrung zu den Kirchenkonflikten des 19. Jahrhunderts. Zunächst erklären wir die Kölner Wirren: den Streit um Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten im Königreich Preußen, die Rolle des Theologen Georg Hermes und des Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering, der verhaftet wird. Wir zeigen, wie sich hier das Ringen zwischen Rom und dem preußischen Staat zuspitzt – ein Vorspiel zum späteren Kulturkampf. Danach wechseln wir nach Trier zu den „Trierer Wirren“ um Bischof Wilhelm Arnoldi, der 1844 die große Heilig-Rock-Wallfahrt organisiert. Wir erzählen, wie Hunderttausende nach Trier pilgern, wie Predigten von Heilungen und Wundern berichten und wie die Wallfahrt zu einem Medienereignis wird. Gleichzeitig formiert sich Widerstand: Liberale Katholiken und Protestanten sehen Täuschung, Aberglauben oder politisch motivierte Frömmigkeit, während konservative Kreise das Ganze als geistliches Großereignis feiern. So wird Trier zum Schauplatz eines Kulturkampfs im Kleinen – mitten im Vormärz. Johannes Ronge und der Deutschkatholizismus An diesem Punkt tritt Johannes Ronge auf den Plan. Wir schildern, wie der schlesische Priester in einem offenen Brief an Bischof Arnoldi die Heilig-Rock-Wallfahrt als „Götzendienst“ und bewusste Irreführung armer Gläubiger angreift. Wir verfolgen, wie dieser Brief erst regional, dann reichsweit verbreitet wird, wie er in Leipzig gedruckt und von Akteuren wie Robert Blum unterstützt wird und zu einem publizistischen Paukenschlag wird. Ronge wird exkommuniziert, doch um ihn herum bilden sich Gemeinden, die sich von Rom lösen – der Beginn des Deutschkatholizismus. Wir erklären, wie diese Bewegung Heiligenkult, Papsttum und Beichte kritisiert und eine nationale, „vernünftige“ Form des Christentums propagiert, eng verbunden mit liberalen und demokratischen Kreisen im Vormärz. Wir greifen auch Figuren wie Hans Blum auf und zeigen, wie die Debatten um den Heiligen Rock direkt in die politische Dynamik der Revolution von 1848 hineinreichen – bis hin zu späteren Auseinandersetzungen, in denen dann Otto von Bismarck eine zentrale Rolle spielt. Spätere Wallfahrten mit und ohne Ablass Zum Schluss schauen wir in einem Bogen über das 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wir erzählen von späteren Heilig-Rock-Wallfahrten 1891, 1933, 1959, 1996 und 2012, von wechselnden politischen Kontexten – Kaiserreich, Nationalsozialismus, Bundesrepublik – und von der Frage, wie viele Menschen jeweils nach Trier kommen. Zuletzt sogar evangelische Christen, denen der Verzicht auf den sonst üblichen Ablass die Hemmungen nehmen sollte. 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  • #61
    Nov 27, 2025 · 1 hr 45 min

    FG061 - Besessenheit und Exorzismus

    In dieser Folge setzen wir unser Gespräch über das Böse fort und wenden uns Vorstellungen von Besessenheit und Exorzismus in Bibel, Kirchengeschichte und Gegenwart zu. Ausgangspunkt ist ein Gebet zum heiligen Erzengel Michael, mit dem wir uns symbolisch „rüsten“, bevor wir an unsere vorige Folge über Hölle und Teufel mit Dante Alighieri anschließen. Biblische Dämonenerzählungen und frühe Taufexorzismen Anhand verschiedener neutestamentlicher Erzählungen über Jesus und „Dämonen“ sprechen wir darüber, wie eng damals Krankheit, gesellschaftliche Ausgrenzung und Besessenheitsvorstellungen miteinander verknüpft sind. Wir erinnern an Geschichten, in denen Dämonen Jesus ansprechen, beim Namen genannt werden und in eine Schweineherde fahren, und überlegen gemeinsam, wie diese Texte funktionieren, ohne sie vorschnell medizinisch oder nur symbolisch „aufzulösen“.Von dort aus schlagen wir eine Linie in die frühe Kirche: Wir greifen auf Tertullian zurück, der heidnische Götter als Dämonen versteht, und auf Origenes, der die Anrufung des Namens Jesu betont. In den Erzählungen über Antonius den Großen bei Athanasius von Alexandrien werden Kämpfe mit Dämonen Teil eines asketischen Ideals; wir kontrastieren das kurz mit anderen Heiligenbildern.Ein Schwerpunkt liegt auf dem Taufexorzismus: Wir lesen Stellen bei Augustinus von Hippo und anderen Quellen, in denen beschrieben wird, wie Taufbewerber:innen durch Gebet, Anhauchen und Ausblasen „gereinigt“ werden, bevor sie getauft werden. Wir zeigen, wie sich diese Praktiken in fränkischen Riten fortsetzen, in denen Wasser, Salz und Öl exorziert werden und ganze Gemeinden in der Fastenzeit in kollektive Exorzismen einbezogen sind. Der große Exorzismus und das Rituale Romanum Im nächsten Schritt klären wir, was die Kirche überhaupt unter Exorzismus versteht. Ausgehend vom Codex Iuris Canonici unterscheiden wir zwischen „kleinen" Taufexorzismen und dem „großen Exorzismus“ über Einzelpersonen, der nur mit bischöflicher Erlaubnis von eigens beauftragten Priestern durchgeführt werden darf. Wir sprechen darüber, dass Exorzismus als sakramentale Handlung verstanden wird, in der die Kirche im Namen Jesu um Befreiung von der Macht des Bösen bittet.Daran anschließend nehmen wir das Rituale Romanum in den Blick, in dem seit 1614 die maßgeblichen Exorzismusformeln gesammelt sind. Wir lesen längere Ausschnitte aus dem großen Exorzismus und klären den Unterschied zwischen depräkativer Bitte um Gottes Beistand und der imprekativen diekten Ansprache des Dämons. Dabei wird für uns spürbar, wie belastend der Text ist – und gleichzeitig, wie sehr er davon ausgeht, dass die Kirche dem Teufel im Kampf gegenübersteht. Glaube, Wunder und Aufklärung: Johann Joseph Gaßner Ausgerechnet im Zeitalter der Aufklärung zieht der Pfarrer Johann Joseph Gaßner als Exorzist und Wunderheiler viel Aufmerksamkeit bekam. Er sah in den meisten Krankheiten Dämonen am Werk und heilte Gläubige durch seinen Segen.. Seine Praxis wird zum Streitfall zwischen Aufklärung, medizinischer Deutung, kirchlicher Kontrolle und volkstümlicher Frömmigkeit – inklusive Konflikten mit Bischöfen und weltlichen Herrschern. Leoninische Gebete, Konzilsreformen und der Fall Anneliese Michel Dann wenden wir uns den sogenannten „Leoninischen Gebeten“ nach der Messe zu und der Legende, Papst Leo XIII. habe nach einer Vision das Gebet zum Erzengel Michael formuliert. Wir erzählen, wie diese Gebete im 19. und 20. Jahrhundert im Kontext des politischen Ringens um den Kirchenstaat unter Pius IX. und später neu gedeutet unter Pius XI. stehen – bis hin zu Bezügen zu Russland und Marienerscheinungen.Im Anschluss sprechen wir über die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils: neue Messordnung, Landessprache, veränderte Kommunionpraxis und die Spannungen zwischen denen, die darin eine Erneuerung sehen, und jenen, die einen Bruch mit der Tradition wahrnehmen. Diese Auseinandersetzungen bilden den Hintergrund im Fall Anneliese Michel. Wir erzählen ihre Biografie in groben Linien, sprechen über ihre gesundheitlichen Probleme und ihre intensive Frömmigkeit, über Wallfahrten und vermeintliche Erscheinungen. Wir greifen die Rolle des Jesuiten Adolf Rodewick und des Exorzisten Arnold Renz auf, der den großen Exorzismus nach dem Rituale Romanum durchführte, und schildern die langen Reihen von Exorzismussitzungen. Anneliese Michel starb schließlich infolge extremer Unterernährung, die Exhumierung, die Gerichtsprozesse und die Fragen nach Verantwortung, Seelsorge und Krankheit, die uns dabei nicht loslassen. Reformen des Exorzismus und mediale Bilder des Bösen Im Anschluss schauen wir auf kirchliche und theologische Reaktionen: auf Kommissionen, in denen Bischöfe, Theologen, Ärzt:innen und Psycholog:innen über Kriterien für Exorzismen beraten, und auf die Überarbeitung des Exorzismusritus, die 1999 in einem neuen Buch mündete. Wir erklären, dass darin deprekative Gebete stärker betont werden und die direkte Anrede des Dämons vorsichtiger gehandhabt wird, ohne dass der alte Ritus vollständig verschwindet – ein Spannungsfeld, das innerkirchliche Konflikte auslöst.Ein großer Befürworter des alten Rituale war Gabriele Amorth. Als Exorzist des Bistums Rom war er Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Internationalen Vereinigung der Exorzisten. Zum Schluss dieses Blocks geht es um die mediale Verarbeitung: um den Horrorfilm „Der Exorzist“ und den Film „Exorzist des Papstes“ mit Russell Crowe, die auf Amorth Bezug nehmen – und um die Frage, wie sehr solche Bilder unsere Vorstellungen von Teufel und Besessenheit prägen. Gegenwart, Freikirchen und Luthers Rat Zum Schluss schlagen wir einen Bogen in die Gegenwart. Wir sprechen darüber, dass Exorzismen nicht nur ein katholisches Thema sind, sondern auch in evangelikalen und pfingstlichen Milieus vorkommen, und erzählen von Freikirchen, die auf TikTok und YouTube Live-Exorzismen zeigen. Luther dagegen befand, dass man den Teufel am besten verspottet und auslacht, weil er Verachtung nicht ertragen kann. Die Goldene SchindelWir sind beim Podcaster-Quiz „Die Goldene Schindel“ dabei! Das ist ein Wettbewerb von unabhängigen Geschichtspodcasts im DACH-Raum. Die ersten vier Folgen sind bereits online.Die fünfte Runde ist am 27. November mit Solveig.Übertragen wird das Ganze live auf Twitch, auf dem Kanal von Historia Universalis Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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  • #60
    Nov 13, 2025 · 1 hr 26 min

    FG060 - Teufel und Dämonen

    In dieser Folge sprechen wir darüber, wie das Böse gedacht und erklärt wurde – und welche Rolle Dämonen und der Teufel darin spielen. Wir verfolgen, wie sich die Vorstellung von Dämonen und Teufel von der Antike über das frühe Christentum bis in die Neuzeit verändert hat. Vom antiken Dämon zum christlichen Teufel Wir beginnen mit dem alten Begriff „Dämon“, der in der Antike noch nichts Böses meinte. In der griechischen Welt waren Dämonen Mittlerwesen zwischen Göttern und Menschen – nicht gut oder schlecht, sondern Teil einer durchlässigen spirituellen Ordnung. Im Christentum verändert sich dieses Bild grundlegend. Dämonen werden nun als feindliche Mächte verstanden, als Kräfte des Bösen, die den Menschen in Versuchung führen oder ins Unglück stürzen. Wir sprechen darüber, wie aus der neutralen Bezeichnung ein Synonym für das Böse wurde – und wie eng diese Entwicklung mit dem Glauben an Krankheit, Besessenheit und Sünde verknüpft war. Dämonen im Neuen Testament Wir betrachten die Evangelien, in denen Dämonen in vielen Erzählungen auftauchen. Jesus treibt Dämonen aus, heilt Menschen und konfrontiert das Böse direkt. Dabei wird deutlich, dass die Vorstellungen von Besessenheit und Heilung Teil des damaligen Weltbildes sind. Wir fragen, wie diese Texte zu verstehen sind: als Symbolik, als Ausdruck antiker Vorstellungen oder als Berichte realer Erfahrungen. Im Gespräch wird klar, wie tief der Glaube an dämonische Mächte das Denken der frühen Christen geprägt hat. Vom heidnischen Gott zum Dämon Ein wichtiger Wendepunkt: die Auseinandersetzung mit den Religionen der Antike. Die frühen Christen sahen in den heidnischen Göttern keine neutralen Wesen, sondern dämonische Gegner. Was zuvor als göttlich galt, wurde zu einer Bedrohung. Wir sprechen darüber, wie dieser Perspektivwechsel half, die eigene Glaubenswelt abzugrenzen – und wie heidnische Kulte dadurch zu einem Teil der Dämonologie wurden. Satan, Luzifer und die gefallenen Engel Im Zentrum steht der Teufel selbst: seine Gestalt, seine Herkunft, seine Entwicklung. Im Alten Testament erscheint Satan zunächst als Ankläger im göttlichen Hofstaat; erst später wird er zum Gegenspieler Gottes. Die Vorstellung vom Sturz der Engel führt uns zur Idee der gefallenen Wesen, die durch ihren Ungehorsam zu Dämonen werden. Luzifer – der Lichtträger, der sich gegen Gott erhebt – steht sinnbildlich für diesen Umbruch. Aus dem Engel wird der Herrscher der Finsternis. Wir sprechen darüber, wie diese Bilder die Vorstellung vom Bösen prägten – und wie sie bis heute nachwirken. Der Teufel in Literatur und Theologie Ein großer Teil der Folge widmet sich den literarischen Bildern des Teufels. Dante Alighieri entwirft in seiner Göttlichen Komödie die neun Höllenkreise – eine Ordnung des Bösen, in der jede Sünde ihren Platz hat. Der Teufel wird hier zu einer festgelegten Figur, gefangen im Eis, fern von der göttlichen Wärme. Die Vorstellung des Limbus – des Ortes zwischen Himmel und Hölle – wird wird auch in der Kirche lange tradiert und schließlich verworfen. Die Goldene Schindel Wir sind beim Podcaster-Quiz „Die Goldene Schindel“ dabei! Das ist ein Wettbewerb von unabhängigen Geschichtspodcasts im DACH-Raum. Die erste Folge ist bereits online; die weiteren Termine sind: am 17., 18., 19. sowie am 27. November. Wir sind dabei – am 19. mit Daniel, und am 27. November übernimmt Solveig. Übertragen wird das Ganze live auf Twitch, auf dem Kanal von Historia Universalis Zum Ausblick: In zwei Wochen bleiben wir beim Thema und sprechen über den Exorzismus. Bis dahin hört doch (nochmal) die Folge "Hexen & Antike Magie" an: Wir waren zu Gast bei "Alle Zeit der Welt". Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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  • #59
    Oct 9, 2025 · 1 hr 50 min

    FG059 - Die Leichensynode

    Rom im Jahr 897: Auf dem päpstlichen Thron sitzt ein Mann, der seit Monaten tot ist. Papst Formosus – einst Bischof, Diplomat und Pontifex – wurde aus seiner Gruft geholt, in päpstliche Gewänder gekleidet und vor ein kirchliches Gericht gezerrt. Ein Diakon übernimmt seine Verteidigung. Sein Ankläger ist sein Nachfolger: Stephan VI. und daher steht auch das Urteil in diesem Schauprozess schon vor Beginn fest, denn solange der verstorbene Formosus als Papst zählt, ist Stephans Wahl illegal. Das makabre Schauspiel geht als Leichensynode in die Geschichte ein. Rom in Aufruhr – zwischen Kaisern, Königen und Kirchenrecht Die Ewige Stadt steht zu dieser Zeit am Beginn einer dunklen Zeit - des Saeculum obscurum. Die Macht des karolingischen Schutzherrn schwindet und italienische Familien gewinnen an Einfluss. Formosus musste zwischen ihnen lavieren: Als Papst stand er zwischen dem ostfränkischen König Arnulf von Kärnten, den er in Rom zum Kaiser krönte, und den einflussreichen Herzögen von Spoleto. Bereits Formosus' Vorgänger hatte jedoch die Widonen als mächstigstes Haus zu seinen neuen Schutzherrn und Lambert von Spoleto zum Kaiser gemacht. Wollte Stephan VI. also hier wieder die Seite wechseln? Papst Stephan richtet sich selbst Der Vorwurf an den verstorbenen Formosus lautet, er habe Eide gebrochen, Ämter doppelt bekleidet und sich unrechtmäßig des Stuhl Petri bemächtigt. Nach dem Urteil der Synode reißt man dem Leichnam die päpstlichen Gewänder vom Leib, schneidet seine Schwurfinger ab und wirft ihn schließlich in den Tiber. Nichts soll fortan an seine Existenz erinnern. Die Vorgänge waren offenbar bereits für viele Zeitgenossen schwer zu ertragen und Stephans Vorwürfe gegen Formosus fallen auf ihn selbst zurück. Nach nur zwei Monaten im Amt wird Stephan eingekerkert und schließlich getötet. Rücknahme, Gegenschlag, Wiederholung Auf Stephans Tod folgt die Rehabilitierung des Formosus. Theodor II. ist kaum drei Wochen im Amt und schafft es doch, das Urteil aufzuheben. Der Leichnam des Formosus wird geborgen und erneut im Petersdom beigesetzt. Papst Johannes IX. bestätigt diese Entscheidung und lässt die Protokolle der Leichensynode verbrennen. Doch Sergius III. schlägt sich erneut auf die Gegenseite und lässt den Leichnam des Formosus erneut verstümmeln und in den Tiber werfen. Statt seiner gedenkt Sergius lieber dem Richter der Leichensynode und ehrt Stephan VI. mit einem Epitaph im Dom. So kommt es, dass Luitprand von Cremonain seiner Antapodosis Stephan und Sergius verwechselt. Der Bischof und seine Braut Was nach Wahnsinn klingt, war in Wahrheit eine Reaktion auf ein juristisches Problem. Solveig zeigt, dass hinter dieser grotesken Handlung kein kollektiver Irrsinn stand, sondern ein Versuch, kirchenrechtliche Ordnung wiederherzustellen. Formosus war einst Bischof von Porto, bevor er Papst wurde – ein Verstoß gegen das Translationsverbot, das einem Bischof untersagte, in ein anderes Bistum zu wechseln. Das ist der Kern der Anklage durch Stephan VI. Denn der hatte dasselbe Problem: Stephan war bereits Bischof von Anagni, bevor er Papst wurde und sorgte sich offenbar um seine Legitimität als Pontifex. Der nachträgliche Prozess gegen den Toten diente also dazu, das alte Bistum loszuwerden: Formosus hatte Stephan zum Bischof geweiht. Wenn dessen Papstum illegal war, dann wurden auch seine Weihen ungültig und Stephans Wahl rechtmäßig. Flurfunk verbindet – Bezüge zu früheren Folgen Die Leichensynode hat Bezüge zu mehreren früheren Folgen, in denen wir bereits einige der Personen und die obskure Zeit des Frühmittelalters besprochen haben: 52 - Konklave - Machtkampf und heiliger Geist 48 - Irene von Athen und das Zwei-Kaiser-Problem 23 - Non habemus papessam Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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  • #58
    Sep 11, 2025 · 1 hr 57 min

    FG058 - Das Täuferreich von Münster

    Wir beginnen diese Folge mit einer kleinen Zeitreise in unsere westfälische Heimat. Münster, die Stadt der Fahrräder, des Friedenssaals und des studentischen Treibens – doch im 16. Jahrhundert war sie der Schauplatz einer religiösen Revolution, die in einer Katastrophe endete. Wir wollen wissen: Wie konnte ausgerechnet hier ein sogenanntes „neues Jerusalem“ entstehen – und warum ist es so blutig untergegangen? Von der Reformation zur Radikalisierung Ausgangspunkt war die Reformationszeit. Während Martin Luther theologisch für Aufbruch sorgte, radikalisierten sich andere. Die Täuferbewegung, die auf die Erwachsenentaufe setzte, verstand sich nicht nur als religiöse Alternative, sondern als Gegenentwurf zur bestehenden Ordnung. Mit Predigern wie Jan Matthys und später Jan van Leiden erreichte diese Strömung Münster – und kippte die Stadt in einen Strudel von Fanatismus. Der Traum vom „neuen Jerusalem“ Wir sprechen darüber, wie die Täufer 1534 die Macht übernahmen und Münster zur „Gottesstadt“ erklärten. Besitz sollte gemeinschaftlich werden, es gab Visionen von Gleichheit und Gerechtigkeit. Doch schon bald zeigte sich die Kehrseite: Jan van Leiden ließ sich zum „König von Zion“ krönen, führte die Polygamie ein und errichtete eine autoritäre Herrschaft. Mit Getreuen wie Bernhard Knipperdolling und Bernhard Krechting entstand eine Mischung aus religiösem Wahn, Zwang und Terror. Hunger, Belagerung, Gewalt Bischof Franz von Waldeck setzte alles daran, seine Stadt zurückzuerobern. Eine monatelange Belagerung begann, während die Bewohner Münsters hungerten. Wir diskutieren, wie Angst, Propaganda und Gewalt den Alltag bestimmten – und wie das Täuferreich langsam in sich zusammenbrach. Als 1535 die Mauern fielen, endete die Herrschaft blutig: Jan van Leiden und seine Gefolgsleute wurden grausam hingerichtet, ihre Körper zur Abschreckung in eisernen Körben an der Lambertikirche aufgehängt. Erinnerung an eine Warnung Bis heute hängen Nachbildungen dieser Körbe dort – ein sichtbares Zeichen dafür, wie schnell religiöser Eifer in Tyrannei umschlagen kann. Wir fragen uns: Was bleibt vom Täuferreich? Für uns ist es kein romantisches Kapitel der Geschichte, sondern ein warnendes Beispiel dafür, wie gefährlich Heilsversprechen und totalitäre Utopien sein können. Die Hintergrundmusik zu den Zitaten sind Choräle des 16. Jahrhunderts aus dem Evangelischen Gesangbuch, eingespielt von Aurel von Bismarck und abrufbar auf Wikipedia. Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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  • #57
    Aug 14, 2025 · 2 hr 15 min

    FG057 - Johann Joachim Winckelmann

    Wir knüpfen nochmals an unsere Folge über Glanz und Elend der Aufklärung an und blicken genauer auf das Leben eines Mannes, auf dessen Anschauung der griechischen Antike die Epoche des Klassizismus gründete: Johann Joachim Winckelmann, Begründer der modernen Kunstgeschichte und Wegbereiter der Klassischen Archäologie. Dabei kommt es Winckelmann darauf an, das Empfinden von Schönheit vernunftmäßig zu begründen und scheint in seinen Arbeiten seine eigene Vorliebe für jugendliche männliche Körper durch. Von Stendal über Nöthnitz nach Dresden 1717 in Stendal geboren, entkommt Winckelmann seinen bescheidenen Herkunftsverhältnissen durch Bildung und Ehrgeiz. Eine entscheidende Etappe ist seine Zeit als Bibliothekar beim Grafen Bünau auf Schloss Nöthnitz bei Dresden. Dort hat er Zugang zu einer umfangreichen Bibliothek und vertieft sein Wissen über die Antike. Später wechselt er nach Dresden, wo die dortigen Kunstsammlungen – besonders die Antiken – seinen Sinn für klassische Formen schärfen und zu seiner ersten Veröffentlichung führen. Der päpstliche Nuntius in Dresden, Alberico Achinto, verschafft Winckelmann die Kontakte für eine Anstellung in Rom. Konversion und Karriere in Rom Um in Rom überhaupt eine Anstellung zu erlangen, konvertiert Winckelmann 1754 zum Katholizismus. Er arbeitet schließlich für den einflussreichen Kardinal Alessandro Albani, der eine bedeutende Antikensammlung besitzt. Ein weiterer wichtiger Kontakt ist der englische Agent und Antikenkenner Baron Philipp von Stosch, dessen Sammlung von Gemmen und Skulpturen Winckelmann katalogisiert. „Edle Einfalt und stille Größe“ Der Kern von Winckelmanns Ideal: Die antike Kunst – insbesondere die griechische Skulptur – verkörpere „edle Einfalt und stille Größe“. Winckelmann war überzeugt, dass die griechischen Künstler eine perfekte Balance zwischen Natürlichkeit und idealisierter Form gefunden hatten. Insbesondere der Apoll von Belvedere oder die Laokoon-Gruppe dienten ihm als Leitbilder. Die Ästhetik des Körpers – und Winckelmanns eigene Vorlieben Winckelmann schwärmte vor allem von männlichen Körpern – nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive. Seine homosexuelle Orientierung, die in seiner Zeit nicht nur gesellschaftlich tabuisiert, sondern kriminalisiert war, schwang in seiner Bevorzugung antiker männlicher Heldendarstellungen immer mit. In der Folge liest Daniel ausführlich aus der berühmten Beschreibung des Torso vom Belvedere – ein Text, in dem Winckelmanns sinnliche, ja fast erotische Begeisterung für den männlichen Körper deutlich wird. Hier zeigt sich, wie sehr seine persönliche Orientierung sein Verständnis antiker Kunstwerke prägte. Archäologie als Wissenschaft Neben seiner Rolle als Kunsttheoretiker legte Winckelmann auch methodische Grundlagen für die Archäologie. Er war einer der Ersten, der Funde nicht nur sammelte, sondern systematisch beschrieb, datierte und in einen historischen Kontext einordnete. Seine Berichte über Ausgrabungen in Herkulaneum und Pompeji machten die antike Welt für ein breites Publikum lebendig. Ein tragisches Ende Winckelmanns Leben endete abrupt: 1768 wurde er von Francesco Archangeli in Triest ermordet – vermutlich in einem Raubmord. Die Hintergründe sind bis heute nicht ganz geklärt und bieten Stoff für Spekulationen zwischen Kriminalgeschichte und Historiendrama. Dieser Geschichte folgen wir in unserem NACHKLAPP zu dieser Folge. Winckelmanns Erbe Ob als „Vater der Archäologie“ oder als stilprägender Kunsttheoretiker – Winckelmanns Einfluss reicht bis heute in Kunstgeschichte, Museumswesen und die europäische Ästhetik-Debatte. Seine Ideen prägten nicht nur Generationen von Wissenschaftlern, sondern auch Künstler wie Anton Raphael Mengs und Angelika Kaufmann, Johannes Wiedewelt und Bertel Thorvaldsen, Goethe und Herder. Winkelmann wurde zum Propheten des Klassizismus. Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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  • #56
    Jul 10, 2025 · 2 hr 18 min

    FG056 - Feindbild Jesuiten

    In der letzten Folge haben wir uns mit den Licht- und Schattenseiten der Aufklärung beschäftigt – ihrer Suche nach Wahrheit, ihrem Hang zur Kontrolle, ihren Feindbildern. In dieser Folge knüpfen wir daran an: Wir schauen auf einen Gegner der Aufklärer, der für viele zur idealen Projektionsfläche wurde – die Gesellschaft Jesu, besser bekannt als die Jesuiten. Ein Verbot mit Signalwirkung: Clemens XIV. hebt den Orden auf 1773 war Schluss. Papst Clemens XIV. hob den Jesuitenorden mit der Bulle Dominus ac Redemptor offiziell auf – ein beispielloser Akt der Selbstbeschneidung kirchlicher Macht. In der Bulle werden schwere Vorwürfe gegen den Orden erhoben: Intrigen, Machtmissbrauch, politische Einmischung, Überheblichkeit und Habgier. Wir gehen diese Punkte Schritt für Schritt durch, fragen nach den konkreten Hintergründen – und zeigen, warum der Papst kaum noch eine Wahl hatte, als der Druck von fast allen katholischen Höfen Europas auf Rom wuchs. Der Anfang: Ignatius von Loyola und die Gründung der Gesellschaft Jesu Um das Misstrauen zu verstehen, müssen wir ganz an den Anfang zurück: Ignatius von Loyola, baskischer Edelmann und Ex-Söldner, gründete 1540 mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter den Orden der Societas Jesu. Dabei sind die Jesuiten kein Orden im eigentlichen Sinne, sondern eine Gemeinschaft von Weltpriestern, die einer gemeinsamen Regel folgen. Ihre Zahl stieg schnell an und die Jesuiten entwickelten sich rasant zu einer internationalen Gesllschaft. Wir rekonstruieren die geistigen Grundlagen, das militärisch geprägte Selbstverständnis und die enge Bindung an den Papst – die für viele schon damals verdächtig wirkten. Eliteprojekt mit globalem Netzwerk: Die Macht der Jesuiten Der Erfolg des Ordens war atemberaubend: Jesuiten betrieben im 17. Jahrhundert Hunderte Schulen und Universitäten in Europa und Übersee, sie begleiteten Könige als Beichtväter, standen an der Spitze diplomatischer Missionen, leiteten wissenschaftliche Projekte und wirkten als kulturelle Mittler zwischen Kontinenten. Doch mit der wachsenden Macht wuchs auch die Feindschaft – gerade von jenen, die sich vom Einfluss der Jesuiten bedroht fühlten: dem weltlichen Klerus, adeligen Bildungsreformern, philosophischen Aufklärern. Frankreich als Konfliktherd: Jansenismus, Gallikanismus, Antijesuitismus Besonders scharf wurde der Konflikt in Frankreich. Hier trafen die Jesuiten auf einen ideologischen Gegner, der ihnen auf Augenhöhe entgegentreten konnte: den Jansenismus – eine theologisch-strenge Richtung, die Gnade und Prädestination betonte und für ihre moralische Strenge bekannt war. Jesuiten und Jansenisten lieferten sich erbitterte Auseinandersetzungen, die bald über den theologischen Rahmen hinauswuchsen. Der bekannte Mathematiker Blaise Pascal gab seiner antijesuitischen Haltung Ausdruck in seinem Werk Briefe in die Provinz. Dazu kam der Gallikanismus, also die Forderung nach mehr Unabhängigkeit der französischen Kirche von Rom – was den Jesuiten, als Papsttreue par excellence, doppelt verdächtig machte. Besonders wirkmächtig wurde ein Buch, das die angeblichen geheimen Anweisungen des Generaloberen an die Mitglieder der Gesellschaft Jesu enthielt. Diese Monita Secreta stellten die Jesuiten als machthungrige und habgierige Organisation dar. Das anonyme Machwerk entfaltete zu Beginn des 19. Jahrhunderts seinen größten Einfluss. Geheime Macht: Nikolai, Knigge und das Bild des „Schwarzen Ordens“ Im 18. Jahrhundert waren es dann die Aufklärer, die den Ton angaben – und die Jesuiten - nach dem erfolgten Verbot der Gesellschaft - zu einem Symbol für Fanatismus und dunkle Macht machten. Insbesondere Friedrich Nicolai stilisierte den Orden zu einer Art katholischem Deep State. In ihrer Vorstellung zogen Jesuiten im Verborgenen die Fäden, verhinderten Fortschritt, unterdrückten Vernunft – und manipulierten die Massen. Der Antijesuitismus wurde zur literarischen wie politischen Waffe. Weltweit im Einsatz: Missionen in China und Südamerika Dabei agierten die Jesuiten nicht nur in Europa: Ihre Missionare wirkten in Südamerika – etwa in den sogenannten Reduktionen in Paraguay, wo sie eigenständige Gemeinschaften mit indigener Selbstverwaltung aufbauten – und in China, wo sie am Kaiserhof astronomische und mathematische Kenntnisse vermittelten. Diese Missionspraxis stieß allerdings auf Widerstand in Rom: Der sogenannte Ritenstreit drehte sich um die Frage, ob beispielsweise chinesische Ahnenkulte mit dem Christentum vereinbar seien. Die Jesuiten waren für kulturelle Anpassung – der Vatikan sagte Nein. In diesem Konflikt zwischen religiösem Dogma und kultureller Öffnung gerieten die Jesuiten nun auch innerkirchlich verstärkt unter Druck. Die Gegner formieren sich: Pombal, Choiseul und der Weg zum Verbot In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts spitzte sich der politische Druck auf den Orden zu. In Portugal war es der radikale Reformer Marquês de Pombal, in Frankreich Außenminister Étienne-François de Choiseul, die mit Nachdruck die Vertreibung der Jesuiten betrieben. Beide nutzten einzelne Skandale, etwa die angebliche Verwicklung in Verschwörungen oder wirtschaftliche Streitigkeiten, um ein umfassendes Verbot durchzusetzen. 1764 wurden sie in Frankreich verboten, bereits 1759 in Portugal. Spanien und Neapel folgten und setzten Rom unter Zugzwang. 1773 – Das Ende und der Anfang des Mythos Mit dem Verbot 1773 verschwand der Orden offiziell – doch sein Bild blieb. Und es verwandelte sich: in ein Verschwörungsnarrativ, das erstaunlich modern anmutet. Jesuiten wurden nun als geheime Drahtzieher, als „unsichtbare Internationale“, als Gegner der Freiheit gezeichnet. Friedrich Nicolai dichtete ihnen Einfluss bis in die Französische Revolution hinein an. Die Form dieser Kritik – antielitär, kirchenkritisch, häufig antisemitisch aufgeladen – lebt in vielen späteren Erzählungen weiter, bis ins 20. Jahrhundert.Die Jesuiten sind längst rehabilitiert und wieder weltweit aktiv. Doch die alten Mythen haben überlebt – in Literatur, Verschwörungstheorien und kirchenkritischen Diskursen. Warum? Vielleicht, weil der Orden immer ein Spiegel war: für Ängste vor Macht, vor Bildungseliten, vor dem Fremden. Und weil er selbst nie ganz unschuldig daran war, dass man ihm so viel zutraute. Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. 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  • #55
    Jun 12, 2025 · 2 hr 36 min

    FG055 - Glanz und Elend der Aufklärung

    Schon oft haben wir in unseren Folgen Philosophen der Aufklärung besprochen. Nun nehmen wir uns das ganze Zeitalter vor! Wir diskutieren, was es wirklich bedeutet, aufgeklärt zu sein, und wie viel Licht die Aufklärung tatsächlich in die Dunkelheit des Unwissens gebracht hat. Solveig fasst die zentralen Ideen und Protagonisten der Aufklärung zusammen und beleuchtet die Ambivalenz dieser Epoche, die oft als der Beginn der modernen Welt gefeiert wird. Doch war es wirklich so einfach? Ein Blick auf die Aufklärer Wir beginnen mit Immanuel Kant, dessen berühmtes Zitat „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ als Leitfaden dient. Doch was bedeutet das für die Frauen und andere marginalisierte Gruppen dieser Zeit? Solveig zeigt auf, dass die Aufklärung nicht für alle Menschen gleichermaßen gilt und dass Frauen wie Olympe de Gouges und Mary Wollstonecraft gegen die gesellschaftlichen Normen ankämpfen mussten, um ihre Stimmen zu erheben. Die Schattenseiten der Aufklärung Wir werfen einen kritischen Blick auf die dunkleren Aspekte der Aufklärung, darunter Rassismus und die Abwertung von Frauen. Die Aufklärer, die sich für Freiheit und Gleichheit einsetzten, schlossen viele Menschen aus ihren Idealen aus. Wir fragen uns, inwieweit die Aufklärung tatsächlich eine positive Wende für die gesamte Menschheit bedeutete und welche Strukturen bis heute bestehen geblieben sind. Ein Aufruf zur Verantwortung In dieser Episode wird deutlich, dass die Aufklärung nicht nur eine historische Epoche ist, sondern auch ein fortwährender Prozess, der uns herausfordert, Verantwortung für unsere eigenen Überzeugungen und die Gesellschaft, in der wir leben, zu übernehmen. Wir laden euch ein, mit uns über die Lehren der Aufklärung nachzudenken und darüber, wie wir sie in der heutigen Zeit umsetzen können. Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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  • #54
    May 15, 2025 · 1 hr 29 min

    FG054 - Mythos Maria - Ausstellung im Dommuseum Brandenburg

    ACHTUNG: Mit Hilfe der Kapitelmarken kann man in dieser Folge direkt zu einzelnen Objekten der Ausstellung springen. Dazu wird auch die jeweilige Abbildung eingeblendet. Bei Spotify steht diese Funktion leider nicht zur Verfügung. Nutzt dafür einen alternativen Player oder diesen Link! Diese Episode ist eine Premiere: Wir begeben uns auf eine Wallfahrt der besonderen Art. Wir haben Berlin verlassen, um einen weniger bekannten historischen Marienwallfahrtsort zu besuchen: Brandenburg an der Havel. Dort schauen wir uns eine die spannende Ausstellung mit dem Titel „Mythos Maria“ an, die sich mit der Verehrung der Mutter Gottes und der Geschichte Brandenburgs als Pilgerort beschäftigt. Ein unerwarteter Wallfahrtsort Passend zu unserer letzten Folge wurde im Dommuseum Brandenburg die Ausstellung "Mythos Maria" eröffnet. Dort erfahren wir, warum Brandenburg, heute völlig unbekannt im Kontext von Marienwallfahrten, eine so wichtige Rolle in der Marienverehrung spielte. Darüber erzählt uns Michael, der schon einmal bei uns im Podcast zu Gast war. Er kennt sich nicht nur mit den Hohenzollern aus, sondern ist auch Kirchenpädagoge am Domstift. Michael erzählt uns die Geschichte des Doms, der ältesten Kirche der Region, und erklärt die Ursprünge der hiesigen Marienverehrung. Wir erfahren von der eigentlichen Wallfahrtskirche, die 1222-1240 erbaut wurde und warum sie heute nicht mehr existiert. Die Ausstellung „Mythos Maria“ Die Ausstellung zeigt rund 100 Objekte, die die vielfältigen Darstellungen Marias im Laufe der Jahrhunderte beleuchten. Wir diskutieren die verschiedenen Aspekte der Marienverehrung, ihre Rolle in der Kunst und die tiefere Symbolik, die mit der Figur der Maria verbunden ist. Maria in modernen Formen Ein zentraler Punkt der Episode ist die Frage, wie Maria heute wahrgenommen wird und welche Bedeutung sie in verschiedenen Kulturen und Religionen hat. Wir betrachten im Bereich "aller Welts Maria", wie die Ausstellung nicht nur die katholische Perspektive, sondern auch die Sichtweisen anderer Glaubensrichtungen und moderne Interpretationen einbezieht. Mit Hilfe der Kapitelmarken kann man in dieser Folge direkt zu einzelnen Objekten springen. Dazu wird auch die jeweilige Abbildung eingeblendet. Die Folge lässt sich daher perfekt bei einem Rundgang in der Ausstellung hören! Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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  • #53
    May 1, 2025 · 1 hr 42 min

    FG053 - Die Madonna und die Hure

    In diesem Nachtrag zum Frauenjahr blicken wir auf die Entstehung von Frauenbildern, die bis in unsere Zeit wirken. Solveig und Daniel diskutieren über die archetypischen Figuren der Madonna und der Hure, die von biblischen Vorbildern abgeleitet sind und Eingang in die Psychoanalyse gefunden haben. Wir beleuchten die biblischen Erzählungen von Maria, der Mutter Jesu, Eva, der ersten Frau, und Maria Magdalena, der Jüngerin. Dabei sind viele Überlieferungen deutlich spätere Beigaben, die im biblischen Text nicht zu finden sind. Maria – Die Madonna Wir beginnen mit der Figur Marias, die als die reine und gute Frau gilt. Solveig erklärt, wie Maria in der christlichen Tradition verehrt wird und welche Eigenschaften sie verkörpert. Dabei werfen wir einen Blick auf die biblischen Texte und die Legenden, die ihre Rolle als Mutter und Gottesgebärerin prägen. Welche Erwartungen werden an Frauen in dieser Tradition geknüpft und wie beeinflusst das unser heutiges Verständnis von Weiblichkeit? Eva – Die Verführerin Im Kontrast zu Maria steht Eva, die als die erste Frau oft mit der Ursünde in Verbindung gebracht wird. Wir diskutieren die unterschiedlichen Schöpfungsgeschichten, Evas Rolle in der biblischen Erzählung und die damit verbundenen gesellschaftlichen Implikationen. Was bedeutet es für das Frauenbild, dass Eva als die Verführerin gilt und im Gegensatz zur Madonna steht? Welche Auswirkungen hat dies auf die Wahrnehmung von Frauen in der heutigen Zeit? Maria Magdalena – Die Verleumdete Ein weiterer zentraler Punkt dieser Episode ist die Figur der Maria Magdalena. Wir beleuchten ihre Rolle im Neuen Testament und die Missverständnisse, die sich um ihre Person ranken. War sie wirklich die Prostituierte, für die sie lange gehalten wurde? Wir diskutieren die gnostischen Texte und die Bedeutung von Maria Magdalena als Apostelin und erste Zeugin der Auferstehung Jesu. Der Einfluss von Sigmund Freud Sigmund Freud spielt eine wichtige Rolle in unserer Diskussion, da er die Konzepte von Madonna und Hure in seiner Psychoanalyse thematisiert hat – bekannt als der Madonna-und-Hure-Komplex. Wir analysieren seine Thesen und deren Auswirkungen auf das moderne Verständnis von Sexualität und Weiblichkeit. Wie prägen diese Ideen noch heute unsere Sicht auf Frauen und ihre Rolle in der Gesellschaft?Ein Plädoyer für die Enttabuisierung von SexualitätAbschließend plädiert Solveig für eine Enttabuisierung der Sexualität und eine Abkehr von den strengen Kategorien von gut und böse. Wir ermutigen dazu, Frauen nicht länger in diese archetypischen Rollen zu pressen und die Vielfalt weiblicher Identitäten zu feiern. Seid dabei und lasst uns gemeinsam die gesellschaftlichen Normen hinterfragen! Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm

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