Skip to content
Artwork for 1000 Antworten
1000 Antworten · Sunday · 2 min

Woher kommt "Die Kirche im Dorf lassen"?

Im Dorf nicht übertreiben mit dem Prozessionseifer Warum man "die Kirche im Dorf lassen" soll – dazu gibt es zwei halbwegs plausible Erklärungen. Die eine geht so: Der Ausdruck geht auf die Zeit zurück, in der die katholische Kirche noch viele Prozessionen auf dem Land durchführte. Dummerweise haben Dörfer aber die Eigenschaft, dass sie klein sind. Eine Prozession, die von einem Ende des Dorfes zum anderen geht, wäre also schnell zu Ende und machte nicht viel her. Und wenn weitere Gläubige aus der Umgebung teilnehmen würden, platzte das Dorf schnell aus allen Nähten. Also gab es Bestrebungen, die Prozessionen außerhalb der Dörfer auszutragen, sodass die Kirche – gemeint war nicht das Kirchhaus, sondern die Kirchengemeinde – sich aus dem Dorf herausbegeben musste. Das stieß jedoch auf Widerstand. Viele meinten: Nein, die Kirche – das Kirchenleben – gehört ins Dorf. Da soll man es doch belassen, auch wenn die Prozession dann eben kleiner ausfallen mag. – Das passt auch zur heutigen Bedeutung des Ausdrucks "Die Kirche im Dorf lassen" im Sinne von: Lasst es uns nicht übertreiben, es geht auch eine Nummer kleiner. Eine Frage der Macht: Als Dorfkirchen über Stadtkirchen regierten Eine weiter mögliche Erklärung führt den Ausdruck auf das späte Mittelalter zurück. Dort wurde der Ausdruck zum ersten Mal nachgewiesen, auch in Frankreich. Bis ins späte Mittelalter hinein wurden neue Siedlungen in enger Zusammenarbeit mit der Kirche gegründet. Die Kirche war im Dorf verwurzelt; sie war Kristallisationskern neuer Siedlungen. Diese Dorfkirchen regierten anfangs auch über viele Stadtkirchen. Beispiel Ulm: Bevor das Ulmer Münster gebaut wurde, lag die für Ulm zuständige Pfarrkirche außerhalb der Stadt. Verwaltet wurde sie auch nicht von Ulm, sondern vom Kloster Reichenau. So war es in vielen Städten. Die Städte hatten über ihre Kirchen wenig zu sagen, denn die wurden organisatorisch von Pfarrkirchen auf dem Land verwaltet. Das änderte sich im späten Mittelalter, als die Kathedralen gebaut wurden. Da wurden die Stadtgemeinden nach und nach so groß und mächtig, dass sie sich nicht mehr von den Dorfpfarreien regieren lassen wollten und sich von ihnen abkapselten. Das wiederum passte den Dorfpfarreien nicht. Denn die fürchteten, an Bedeutung zu verlieren, wenn sich die Städte alle von ihnen loslösten. Deshalb gaben sie die Parole aus: Man möge doch die Kirche im Dorf lassen, also da, wo sie traditionell gewachsen ist. Der Vorteil dieser Erklärung ist: Sie passt ein bisschen besser zu den historischen Quellen. Der Nachteil ist: Der Bezug zur heutigen Verwendung dieses Ausdrucks ist weniger deutlich.

0:00-2:36

transcript

No transcript — this publisher did not publish one.

show notes

Im Dorf nicht übertreiben mit dem Prozessionseifer

Warum man "die Kirche im Dorf lassen" soll – dazu gibt es zwei halbwegs plausible Erklärungen. Die eine geht so: Der Ausdruck geht auf die Zeit zurück, in der die katholische Kirche noch viele Prozessionen auf dem Land durchführte. Dummerweise haben Dörfer aber die Eigenschaft, dass sie klein sind. Eine Prozession, die von einem Ende des Dorfes zum anderen geht, wäre also schnell zu Ende und machte nicht viel her. Und wenn weitere Gläubige aus der Umgebung teilnehmen würden, platzte das Dorf schnell aus allen Nähten. Also gab es Bestrebungen, die Prozessionen außerhalb der Dörfer auszutragen, sodass die Kirche – gemeint war nicht das Kirchhaus, sondern die Kirchengemeinde – sich aus dem Dorf herausbegeben musste. Das stieß jedoch auf Widerstand. Viele meinten: Nein, die Kirche – das Kirchenleben – gehört ins Dorf. Da soll man es doch belassen, auch wenn die Prozession dann eben kleiner ausfallen mag. – Das passt auch zur heutigen Bedeutung des Ausdrucks "Die Kirche im Dorf lassen" im Sinne von: Lasst es uns nicht übertreiben, es geht auch eine Nummer kleiner.

Eine Frage der Macht: Als Dorfkirchen über Stadtkirchen regierten

Eine weiter mögliche Erklärung führt den Ausdruck auf das späte Mittelalter zurück. Dort wurde der Ausdruck zum ersten Mal nachgewiesen, auch in Frankreich. Bis ins späte Mittelalter hinein wurden neue Siedlungen in enger Zusammenarbeit mit der Kirche gegründet. Die Kirche war im Dorf verwurzelt; sie war Kristallisationskern neuer Siedlungen. Diese Dorfkirchen regierten anfangs auch über viele Stadtkirchen. Beispiel Ulm: Bevor das Ulmer Münster gebaut wurde, lag die für Ulm zuständige Pfarrkirche außerhalb der Stadt. Verwaltet wurde sie auch nicht von Ulm, sondern vom Kloster Reichenau. So war es in vielen Städten. Die Städte hatten über ihre Kirchen wenig zu sagen, denn die wurden organisatorisch von Pfarrkirchen auf dem Land verwaltet. Das änderte sich im späten Mittelalter, als die Kathedralen gebaut wurden. Da wurden die Stadtgemeinden nach und nach so groß und mächtig, dass sie sich nicht mehr von den Dorfpfarreien regieren lassen wollten und sich von ihnen abkapselten. Das wiederum passte den Dorfpfarreien nicht. Denn die fürchteten, an Bedeutung zu verlieren, wenn sich die Städte alle von ihnen loslösten. Deshalb gaben sie die Parole aus: Man möge doch die Kirche im Dorf lassen, also da, wo sie traditionell gewachsen ist. Der Vorteil dieser Erklärung ist: Sie passt ein bisschen besser zu den historischen Quellen. Der Nachteil ist: Der Bezug zur heutigen Verwendung dieses Ausdrucks ist weniger deutlich.