
Jens Corssen über das Gehirn, die Liebe und den Frieden
transcript
show notes
Noch nie wusste eine Gesellschaft so viel über Achtsamkeit, Kommunikation und Liebe, und selten schien dieses Wissen so wenig zu bewirken. Der Münchner Verhaltenstherapeut Jens Corssen, seit Jahrzehnten einer der bekanntesten Coaches Deutschlands, erklärt das mit einer schlichten Asymmetrie: Unsere Erkenntnisse sind ein paar Jahrhunderte alt, die Mechanik unseres Gehirns hunderttausende Jahre. Auf Bedrohung kennt es drei Antworten – kämpfen, fliehen, erstarren – und im Stress übernimmt es die Regie. „Wenn das Gehirn mich Gassi führt", sagt Corssen, „dann ist all das, was wir wissen über Platon und Buddha und Schopenhauer und Nietzsche, weg." So kommt es, dass der Professor, der ein Buch über Humanismus geschrieben hat, abends seine Kinder anschreit. Corssen fasst das Dilemma in einem Satz zusammen, der auch ihn selbst meint: „Was du kannst, das lebst du. Und was du nicht kannst, unterrichtest du gerne."
Sein Gegenmittel ist unspektakulär: Bewusstheit im Augenblick statt weiterer Lektüre. Corssen beobachtet den automatischen Kommentator in seinem Kopf, den er den „Quatschi" nennt – jene Stimme, die einem Bettler sofort Betrug unterstellt und im umgekippten E-Roller den Verfall der Sitten erkennt. Wer sie beim Urteilen ertappt, kann umkehren, den Mann grüßen, den Roller aufheben. Dieselbe Mechanik entlarvt für ihn auch das Verlieben: Das Gehirn rechnet in Sekunden hoch, mit wem sich gut überleben ließe, und nennt das Ergebnis Liebe. Echte Liebe beginnt für Corssen erst eine Stufe darüber, dort, wo „Ich liebe dich" nicht mehr heimlich „Ich brauche dich" bedeutet. Seiner Frau, mit der er seit rund fünfzig Jahren verheiratet ist, sagt er genau das – ich brauche dich nicht, aber ich liebe dich – und begründet es kühl: Wer gebraucht wird, bleibt ersetzbar. Das meiste Beziehungsleid entsteht ohnehin aus einem einzigen Buchstaben, dem M in „meine Frau", denn mit dem Besitzanspruch kommen das Bildnis, der Vergleich und der Ärger.
Am Ende läuft Corssens Denken auf eine Haltung hinaus, für die er ein eigenes Wort erfunden hat: Infriedenheit. Während Zufriedenheit noch auf ein Ziel zustrebt, meint Infriedenheit das Einverständnis mit dem Leben samt seiner Endlichkeit, Goethes „Stirb und werde". Wer so weit ist, hadert weder mit dem Partner noch mit dem Tod – und muss über die Liebe nicht mehr lesen, weil er sie lebt.
Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com
Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk
Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com





