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Nationalheld und Massenmörder
Wie konnte ein solcher Mann zu einer Legende werden? Wie konnte aus einem Eroberer, dessen Feldzüge Millionen Menschen das Leben kosteten, ein Nationalheld werden? Wie konnte aus einem Herrscher, dessen Name in Europa jahrhundertelang Angst auslöste, ein Denkmal werden, ein Flughafen, eine Schnapsmarke, ein Museum, seinen Namen tragen? Und was vielleicht am erstaunlichsten ist, wie konnte aus ihm ein deutscher Schlagersong werden?
Und unsere Antwort: Wir erinnern uns nicht trotz der Gewalttaten an Dschingis Khan und andere Feldherren, sondern genau deswegen. Taten und Untaten müssen eine bestimmte Dimension erreichen, damit sie in die kollektive Erinnerung eingehen.
Warum fällt es uns so schwer, beides gleichzeitig auszuhalten? Warum möchten wir Menschen immer entweder auf ein Denkmal stellen oder vom Denkmal stoßen? Warum fällt es uns so schwer zu akzeptieren, dass manche Menschen Helden und Monster zugleich waren?
Dschingis Khan ist dafür ein extremes Beispiel. Denn seine Geschichte beginnt fast wie ein Märchen. Ein Junge verliert seinen Vater. Seine Familie verarmt. Verbündete verlassen sie. Feinde nehmen ihn gefangen. Er flieht. Er kämpft. Er überlebt. Er sammelt Gefährten um sich. Er steigt auf. Und irgendwann beherrscht er das größte Reich seiner Zeit. Hollywood hätte daraus vermutlich einen Film gemacht. Und wahrscheinlich würden wir im Kino mit dem Jungen aus der Steppe mitfiebern.
Genau darin liegt die Gefahr. Wir lieben Aufstiegsgeschichten. Wir lieben Menschen, die aus dem Nichts kommen. Wir lieben Außenseiter. Wir lieben Sieger. Und manchmal vergessen wir dabei zu fragen, was der Preis dieses Sieges war. Denn die Karriere des Temüdschin war keine Erfolgsgeschichte im modernen Sinn. Sie war ein Eroberungszug. Eine Spur aus Gewalt. Eine Spur aus Unterwerfung. Eine Spur, die aus Angst gemacht war. Je erfolgreicher er wurde, desto länger wurde diese Spur. Und irgendwann reichte sie über einen ganzen Kontinent.






