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1. Was für eine Demütigung!
Könnte ich doch nur im Erdboden versinken. Dieser Spießrutenlauf ist eine Qual. Nun haben sie also ihren Triumph und können über mich herfallen. Aber dass sie jetzt noch diesen Jesus zu Rate ziehen, begreife ich nicht. Er passt ihnen doch nicht. Aber ihm können sie nichts anhaben. Was er wohl über mich denkt?
Er ist der Freund der Sünder, so sagen sie es über ihn. Aber so eine wie ich, die ist wohl doch zu weit gegangen. Hoffentlich ist dieser Volksauflauf bald zu Ende. Ich halte das nicht mehr aus, wie sie mich anstarren. Wenn Blicke töten könnten, dann wären die Steine nicht mehr nötig.
Eine Frau wird beim Ehebruch ertappt. Es ist kaum vorzustellen, wie das vonstattengeht. Wird sie bespitzelt und ihr aufgelauert? Ist sie aufgrund ihres unmoralischen Lebensstils bekannt?
Ich weiß es nicht. Jedenfalls wird sie an den Pranger gestellt. Und was hinter verschlossenen Türen passiert ist, wird jetzt an die Öffentlichkeit gezerrt. Diese Peinlichkeit ist nicht zu überbieten. Sie allein ist schon eine empfindliche Strafe.
Heute ist das anders: Nicht, dass die Vergehen anderer im Verborgenen bleiben. Nein, das Publikum ist unvergleichlich größer. Und mit der Story von der Ehebrecherin könnte ich heute gut Geld verdienen.
Medien leben zum großen Teil von solchen und ähnlichen Enthüllungen. Jedoch regt sich kaum noch jemand darüber auf; stattdessen wird unsere Neugier befriedigt und die Auflage oder die Einschaltquote gesteigert. Dabei halten viele Ehebruch für nicht mehr als ein Kavaliersdelikt.
Was Gott dazu sagt, wird beiseitegeschoben. Denn in unserer Gesellschaft sind viele Maßstäbe Gottes abhandengekommen. Immerhin, das muss ich den Pharisäern zugutehalten: Sie wollen sich an den Geboten Gottes orientieren, auch wenn sie dabei von Heuchelei nicht frei sind und es zu manchem Missbrauch kommt. So ist es auch in diesem Fall.
Dennoch, die Rechtslage ist klar: Auf Ehebruch steht wie auf Mord in Israel zurzeit von Jesus die Todesstrafe. Und die wird durch Steinigung vollzogen. Zum Glück sind wir darüber heute hinweg, auch durch die Wirkungsgeschichte des Evangeliums.
Darum empfinde ich eher: Die Frau ist doch schon genug gestraft durch die Blöße, die sie in der Öffentlichkeit erfährt. Und bin ich nicht auch ein Sünder?
2. Was für eine Einsicht!
Das ist doch zum geflügelten Wort geworden: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“
Dieses Jesus-Wort wird heute oft zu Recht zitiert, aber auch nicht selten einseitig gedeutet. Dann dient es zur Rechtfertigung für alles Mögliche. Aber dadurch wird es missbraucht. Denn hier redet Jesus nicht die Sünde schön.
Vielmehr gleicht dieses Wort einem zweischneidigen Schwert. Der Ehebruch wird verurteilt. Aber auch die Selbstgerechtigkeit der frommen Richter wird aufgedeckt. Damit schlägt Jesus zwei Fliegen mit einer Klappe. Einerseits bestätigt er das Gesetz Israels. Ja, wer sündigt, der hat eigentlich den Tod verdient. Ihr habt Recht. Die göttliche Norm wird nicht aufgelöst.
Das Gebot bleibt gültig. Jesus rüttelt nicht daran. Liberalität kann ihm keiner vorwerfen. Gottes Maßstab wird nicht verkürzt. Jesus baut nicht ab, wenn es um Gottes Ansprüche geht, sondern er spitzt zu.
Es gibt keine Ermäßigung gegenüber den Forderungen Gottes und darum kein grünes Licht für die Sünde. Jesus nimmt das Gesetz ernster als die, die die Frau angeschleppt haben. Darum kann er sagen und so klingt es in der Bergpredigt (in Matthäus 5, 27-28): „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.“
Darum, Jesus steht auf dem Boden des Gesetzes. Und die, die ihn zu Fall bringen wollten, kommen nun selbst in Bedrängnis. Damit zeigt es sich nun allerdings auch wieder, dass es den jüdischen Führern in dieser Sache nicht nur um das Recht Gottes ging. Denn es stellt sich schon die Frage: Wo ist eigentlich der Mann? Zum Ehebruch gehören doch zwei. Und nach dem Gesetz gehören beide verurteilt (nachzulesen in 3. Mose 20,10).
Aber hören Sie nochmals auf die Verse 5-6 in unserem Abschnitt: „‘Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?‘ Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten.“
Ihre Frage ist also eine Fangfrage. Und das ist nun wirklich pharisäisch: Die Frau und ihre Tat sollen instrumentalisiert werden, um Jesus zu Fall zu bringen. Das ist schon zynisch und menschenverachtend. Da fehlt jedes Mitleid mit der Sünderin und jede Fairness gegenüber Jesus.
Jesus soll in die Sackgasse manövriert werden. Stimmt er dem Todesurteil zu, dann kann er nicht der Heiland der Sünder sein. Lehnt er das Urteil ab, dann können sie ihn als Gesetzesbrecher belangen.
Doch das Ansinnen gelingt nicht. Ihr Vorhaben erweist sich als Bumerang. Meinen sie eben noch distanziert mit Jesus diskutieren zu können, so sind sie nun selbst betroffen. Denn Jesus stellt sie in die Verantwortung vor Gott. Der Schuss geht nach hinten los. Ja, das Gesetz bleibt gültig. Darum: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.
Und bei einer Steinigung sollen die zuerst beginnen, die Zeugen eines Vergehens sind. Jesus setzt die Reihenfolge anders: Beginnen soll, wer ohne Sünde ist.
Doch da schweigen die Richter, denn Jesus hat sie mit seinen Worten in ihrem Gewissen überführt. Und das wagt nun niemand zu behaupten, dass er kein Sünder sei. Nur einer könnte das von sich sagen. Und der steht eben in Jesus Christus vor ihnen. Und nur er hat die Vollmacht, ein Urteil zu sprechen. Aber der Gottessohn ist gekommen, um Sünder zu retten und nicht um zu richten.
3. Was für ein Zuspruch!
Ja, es ist ein Freispruch. „Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: ‚Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?‘ - Sie antwortete: ‚Niemand, Herr.‘ Und Jesus sprach: ‚So verdamme ich dich auch nicht, geh hin und sündige hinfort nicht mehr.‘“
Nun fallen sie doch, die Steine, vom Herzen der Frau. Wie eine Zentnerlast hat sie ihre Schuld bedrückt. Aber Jesus spricht sie frei, und zwar ohne jegliche Vorbedingungen. So ist Gott. Er nimmt die Sünder an, und zwar bedingungslos. Auch eine Ehebrecherin ist eingeladen von vorne zu beginnen.
Denn Jesus ermöglicht ihr durch seinen Freispruch einen Neuanfang. Denn Gottes Vergebung ist immer auch ein schöpferischer Akt, der neues Leben schafft. Nicht nur die Schuld wird gelöscht, sondern ich werde verändert.
Darum ruft Jesus diese Frau heraus aus ihrer alten Gebundenheit. „Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“
Das bedeutet auch: Folge mir nach. Lebe aus meiner Gnade. Und werde ein neuer Mensch in der Bindung an mich.
Bibellesen unter bibleserver.com
Autor: Wolfgang Hoppstädter
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